Seite 3: Der Dialog

Am Montag vor dem Bun­des­li­ga­start kommt es beim Pokal­spiel zwi­schen Ros­tock und Berlin zu gefähr­li­chen Aus­schrei­tungen, bei denen unter anderem Leucht­spur­ra­keten abge­schossen werden. Der Schieds­richter muss das Spiel unter­bre­chen. Funk­tio­näre und Poli­tiker for­dern harte Sank­tionen.

DFB-Prä­si­dent Rein­hard Grindel ver­öf­fent­licht zwei Tage später ein über­ra­schendes State­ment: Es ist Zeit zum Inne­halten. Es ist Zeit zum Umdenken.“ Grindel bietet den Ultras den Dialog an und erklärt, dass die Kol­lek­tiv­strafen bis auf Wei­teres aus­ge­setzt werden. Über­dies gibt er einem Gna­den­ge­such“ von Hansa Ros­tock statt und hebt damit den Aus­schluss von Ros­to­cker Fans bei Aus­wärts­spielen auf. Die Aktionen des DFB-Prä­si­denten über­ra­schen nicht nur viele Ver­eins­ver­treter, son­dern auch die Ultras.

Am Wochen­ende treffen sich Ultras mit Ver­eins­ver­tre­tern

Sie begegnen der Mit­tei­lung aller­dings mit Skepsis.
Bereits in den ver­gan­genen Jahren hatte es einen fest­ge­legten Aus­tausch zwi­schen Ver­bänden und Fans gegeben, die Namen der Arbeits­gruppen wech­selten zwi­schen AG Fan­dialog“, AG Fan­kul­turen“ und AG Fan­kom­pe­tenzen“. Dabei fühlten sich die Fans nicht wirk­lich ernst genommen und berich­teten, wie selbst Beschlüsse über Fan­ma­te­ria­lien von Ver­bands­ver­tre­tern tor­pe­diert würden. Meh­rere Fan-Bünd­nisse hatten dar­aufhin den Runden Tisch“ ver­lassen.

Zu Sai­son­be­ginn, also am Akti­ons­spieltag“ ist das ursprüng­liche Motto Krieg dem DFB“ sel­tener zu sehen. Dafür prangt auf den meisten Ban­nern Fick dich DFB“, aber auch Unser Pro­blem mit euch“, dar­über zeigen die Fans Bot­schaften, was ihnen kon­kret miss­fällt. Der visu­elle Pro­test wird auch hörbar durch Wech­sel­ge­sänge gegen den Ver­band. Sie ertönen zwi­schen Heim- und Gäs­te­kurve, nicht nur Ultras stimmen ein. In Berlin bezeichnen die Fans auf einem Banner die jüngsten Aus­sagen aus Frank­furt als Lip­pen­be­kennt­nisse“.

Die DFL wendet sich an die Klubs

Der DFB will aber tat­säch­lich ein Gespräch initi­ieren und berät, wie der Dialog mit den Fans in der Praxis aus­sehen könnte. Die Bewe­gung der Ultras ver­sam­melt sich der­weil am kom­menden Sonntag in Erfurt zu einem ent­schei­denden Treffen über das wei­tere Vor­gehen. Sie haben dazu auch die Geschäfts­führer der Ver­eine von der ersten bis zur vierten Liga ein­ge­laden – über 20 von ihnen sollen bereits ihre Zusage über­mit­telt haben. Dieses Treffen mag aus Ver­bands­sicht wie ein Miss­trau­ens­votum wirken – die DFL hat ihrer­seits Ver­eins­ver­treter und Fan­be­auf­tragte für den Don­nerstag, ges­tern, nach Frank­furt geladen.

Es wirkt wie ein poli­ti­sches Spiel, bei dem die kom­menden Tage die Lage abklären. Die Ultras wollen beraten, in welche Rich­tung ihr Pro­test gehen soll. Die Ver­bände ver­folgen mit großem Inter­esse, was in Erfurt pas­siert – und welche Ver­eins­ver­treter anreisen werden. Die Fan-Bewe­gung hat in kür­zester Zeit eine große Dynamik bekommen, der DFB einen über­ra­schenden Schritt in ihre Rich­tung gemacht.

Der viel­be­schwo­rene Dialog ist zwar noch nicht in Sicht­weite. Doch: Noch vor drei Monaten, im Mai, wäre nicht annä­hernd abzu­sehen gewesen, dass sich über 40 Ultra­szenen zusammen schließen – und die Kol­lek­tiv­strafen bis auf Wei­teres weg­fallen würden.