Der Aus­gangs­punkt

Beim Spiel von Dynamo Dresden in Karls­ruhe im Mai treten die Gäs­te­fans in Camou­flage-Shirts auf. Sie ver­sam­meln sich hinter einem Spruch­band: Krieg dem DFB“. Wäh­rend des Spiels wird ein Geträn­ke­stand geplün­dert, die Polizei spricht von 21 ver­letzten Ord­nern. Der Verein reagiert auf die Vor­komm­nisse und erar­beitet einen mög­li­chen Maß­nah­men­ka­talog. Darin ist unter anderem ange­dacht: Dresden ver­zichtet auf Aus­wärts­karten und ent­zieht den Ultras Dynamo die Aus­wärts­dau­er­karten.

Die Dresdner Ultras genießen inner­halb der deut­schen Ultra­szene ein beson­deres Renommee, unter anderem auf­grund ihrer Größe und ihrer Auf­säs­sig­keit. Am fol­genden Spieltag soli­da­ri­sieren sich meh­rere Fan­blöcke in Deutsch­land mit ihnen. Gleich­zeitig rufen sie zu einem Zusam­men­schluss der Ultras, unge­achtet bestehender Riva­li­täten, auf – von einer letzten Patrone“ gegen­über den Repres­sionen der Ver­bände ist die Rede.

Zwei Ereig­nisse des Som­mers for­cieren die Bewe­gung: das Pokal­fi­nale und die Dis­kus­sion um Chinas U20. Beim DFB-Pokal­fi­nale tritt Helene Fischer in der Halb­zeit­pause auf. Sie wird von tau­senden Zuschauern mit einem gel­lenden Pfeif­kon­zert bedacht. Gleich­zeitig stimmen die Fan­blöcke der Frank­furter und Dort­munder den Wech­sel­ge­sang Scheiß DFB“ an. Helene Fischer will den Unmut im Nach­gang auf eine Frei­bier­wette redu­zieren, die DFB-Spitze auf das ange­spannte Ver­hältnis der Ein­tracht- und BVB-Fans zum Sport­ge­richt des Ver­bandes. Doch in Berlin machen nicht nur Ultras ihrem Ärger Luft, die Kritik am DFB kommt auch von anderen Tri­bünen.

Nicht nur Ultras machen ihrem Ärger Luft

Eine Woche vor dem Pokal­fi­nale hatte ein Auf­tritt von Ana­stacia in der Halb­zeit­pause des Spiels Bayern gegen Frei­burg dafür gesorgt, dass die zweite Halb­zeit eines für die betei­ligten Frei­burger ent­schei­denden Spiels erst mit sieben Minuten Ver­spä­tung ange­pfiffen wurde. Außerdem hatte adidas-Chef Kasper Ror­sted zum ersten Mal öffent­lich den Plan geäu­ßert, das Pokal­end­spiel in Shanghai aus­tragen zu lassen. Diese Begleit­um­stände führen dazu, dass der Unmut über die zuneh­mende Even­ti­sie­rung“ noch brei­tere Teile der Fans erreicht.

Und er wird noch ver­stärkt: Wenige Wochen später wird publik, dass der DFB über die gesamte Saison die U20 von China zu Test­spielen in der Regio­nal­liga antreten lassen will. Die Ver­eine trifft dieses Ansinnen nach eigener Aus­sage völlig unvor­be­reitet. Zu diesem Zeit­punkt stellt die Regio­nal­liga bereits ein Reiz­thema dar, weil der Meister nicht auto­ma­tisch auf­steigt. Und es gibt noch wei­tere Streit­punkte: die Auf­wei­chung der 50+1‑Regel, eine Son­der­ver­ein­ba­rung zwi­schen DFB und DFL und vor allem die in den Augen der Fans unver­hält­nis­mä­ßige und intrans­pa­rente Straf­praxis des DFB-Sport­ge­richts.

Zwi­schen 40 und 50 Ultra­szenen schließen sich der Bewe­gung gegen DFB und DFL an – keine geringe Anzahl. Dabei setzen sich selbst riva­li­sie­rende Gruppen an einen Tisch. Die Ultras Gel­sen­kir­chen“ hin­gegen reihen sich nicht in die Bewe­gung ein und bleiben den Treffen fern. Für sie fehlt der Bewe­gung ein stim­miges Kon­zept, sie spre­chen in einer Stel­lung­nahme von blindem Aktio­nismus“.

Über 40 Ultra­szenen schließen sich zusammen

Die anderen Gruppen bespre­chen auf einem ersten Treffen in Dresden die Eck­punkte ihrer Kritik, außerdem kur­siert die Idee eines Akti­ons­spiel­tages“. Am ersten Bun­des­li­ga­spieltag sollen die Fan­kurven in den Blö­cken gegen den Ver­band demons­trieren. Ein Logo oder einen Inter­net­auf­tritt wie bei vor­an­ge­gangen Fan-Pro­testen wie 12:12“ lehnen die Ultras zunächst ab.

Bei einem zweiten Treffen Ende Juli im VIP-Bereich des Dresdner Sta­dions sind DFB-Vize­prä­si­dent Dr. Rainer Koch und der Sicher­heits­be­auf­tragte Hen­drik Große-Lefert anwe­send. Wäh­rend des Gesprächs tau­chen unan­ge­kün­digt etwa 50 Ultras ver­schie­dener Ver­eine auf. Das Gespräch wird laut, manche Medien schreiben im Nach­gang von einer Bedro­hung für die DFB-Funk­tio­näre. Dies demen­tieren sowohl die Teil­nehmer als auch Koch selbst.

Rapper hat mit der Bewe­gung nicht viel zu tun

In den Fokus der Öffent­lich­keit rückt die Bewe­gung auch durch die Bericht­erstat­tung der Bild“-Zeitung. Die Serie von Auf­ma­chern startet mit einem großen Artikel über den Rapper M.I.K.I., der den Song Krieg dem DFB“ ver­öf­fent­licht hat. Aller­dings hat er mit der Bewe­gung nicht viel zu tun, nicht wenige Ultras schüt­teln über dessen Video mit in die Luft tre­tenden Ver­mummten den Kopf. Die Bild“ legt mit der Schlag­zeile nach: Erster Profi for­dert Knast für Ultras“. Dabei werden die Aus­sagen des Glad­ba­chers Jannik Ves­ter­gaard ver­kürzt dar­ge­stellt, der schlichtweg Strafen für Ran­da­lierer for­derte. Ein dritter Bild“-Aufmacher lautet: Mein Leben als Ultra“, dar­unter unter anderem die Zeile: Keine Frau hält es mit mir aus“.

Doch der Sub­text, Ultras per se mit Ran­dale gleich­zu­setzen und damit einen Groß­teil der nor­malen Sta­di­on­be­su­cher gegen sie auf­zu­bringen, greift offenbar nicht. Zu Beginn der Saison erhalten viele Ultra­gruppen an ihren Info­ständen und bei ihren Dis­kus­si­ons­runden Zuspruch von anderen Fans. Beim Pro­test gegen die Ver­bände (die DFL wird intern mit dem DFB gleich­ge­setzt) sollen explizit alle Sta­di­ongänger ange­spro­chen werden. Das Thema Pyro­technik steht auch des­wegen nicht oben auf der Beschwer­de­liste, son­dern vor allem die Kol­lek­tiv­strafen.

Am Montag vor dem Bun­des­li­ga­start kommt es beim Pokal­spiel zwi­schen Ros­tock und Berlin zu gefähr­li­chen Aus­schrei­tungen, bei denen unter anderem Leucht­spur­ra­keten abge­schossen werden. Der Schieds­richter muss das Spiel unter­bre­chen. Funk­tio­näre und Poli­tiker for­dern harte Sank­tionen.

DFB-Prä­si­dent Rein­hard Grindel ver­öf­fent­licht zwei Tage später ein über­ra­schendes State­ment: Es ist Zeit zum Inne­halten. Es ist Zeit zum Umdenken.“ Grindel bietet den Ultras den Dialog an und erklärt, dass die Kol­lek­tiv­strafen bis auf Wei­teres aus­ge­setzt werden. Über­dies gibt er einem Gna­den­ge­such“ von Hansa Ros­tock statt und hebt damit den Aus­schluss von Ros­to­cker Fans bei Aus­wärts­spielen auf. Die Aktionen des DFB-Prä­si­denten über­ra­schen nicht nur viele Ver­eins­ver­treter, son­dern auch die Ultras.

Am Wochen­ende treffen sich Ultras mit Ver­eins­ver­tre­tern

Sie begegnen der Mit­tei­lung aller­dings mit Skepsis.
Bereits in den ver­gan­genen Jahren hatte es einen fest­ge­legten Aus­tausch zwi­schen Ver­bänden und Fans gegeben, die Namen der Arbeits­gruppen wech­selten zwi­schen AG Fan­dialog“, AG Fan­kul­turen“ und AG Fan­kom­pe­tenzen“. Dabei fühlten sich die Fans nicht wirk­lich ernst genommen und berich­teten, wie selbst Beschlüsse über Fan­ma­te­ria­lien von Ver­bands­ver­tre­tern tor­pe­diert würden. Meh­rere Fan-Bünd­nisse hatten dar­aufhin den Runden Tisch“ ver­lassen.

Zu Sai­son­be­ginn, also am Akti­ons­spieltag“ ist das ursprüng­liche Motto Krieg dem DFB“ sel­tener zu sehen. Dafür prangt auf den meisten Ban­nern Fick dich DFB“, aber auch Unser Pro­blem mit euch“, dar­über zeigen die Fans Bot­schaften, was ihnen kon­kret miss­fällt. Der visu­elle Pro­test wird auch hörbar durch Wech­sel­ge­sänge gegen den Ver­band. Sie ertönen zwi­schen Heim- und Gäs­te­kurve, nicht nur Ultras stimmen ein. In Berlin bezeichnen die Fans auf einem Banner die jüngsten Aus­sagen aus Frank­furt als Lip­pen­be­kennt­nisse“.

Die DFL wendet sich an die Klubs

Der DFB will aber tat­säch­lich ein Gespräch initi­ieren und berät, wie der Dialog mit den Fans in der Praxis aus­sehen könnte. Die Bewe­gung der Ultras ver­sam­melt sich der­weil am kom­menden Sonntag in Erfurt zu einem ent­schei­denden Treffen über das wei­tere Vor­gehen. Sie haben dazu auch die Geschäfts­führer der Ver­eine von der ersten bis zur vierten Liga ein­ge­laden – über 20 von ihnen sollen bereits ihre Zusage über­mit­telt haben. Dieses Treffen mag aus Ver­bands­sicht wie ein Miss­trau­ens­votum wirken – die DFL hat ihrer­seits Ver­eins­ver­treter und Fan­be­auf­tragte für den Don­nerstag, ges­tern, nach Frank­furt geladen.

Es wirkt wie ein poli­ti­sches Spiel, bei dem die kom­menden Tage die Lage abklären. Die Ultras wollen beraten, in welche Rich­tung ihr Pro­test gehen soll. Die Ver­bände ver­folgen mit großem Inter­esse, was in Erfurt pas­siert – und welche Ver­eins­ver­treter anreisen werden. Die Fan-Bewe­gung hat in kür­zester Zeit eine große Dynamik bekommen, der DFB einen über­ra­schenden Schritt in ihre Rich­tung gemacht.

Der viel­be­schwo­rene Dialog ist zwar noch nicht in Sicht­weite. Doch: Noch vor drei Monaten, im Mai, wäre nicht annä­hernd abzu­sehen gewesen, dass sich über 40 Ultra­szenen zusammen schließen – und die Kol­lek­tiv­strafen bis auf Wei­teres weg­fallen würden.