In der Zweit­li­ga­saison 2000/2001 schaffte St.Pauli das schier Unmög­liche: Nur ein Jahr, nachdem der Absturz in die Regio­nal­liga erst in letzter Minute ver­hin­dert worden war, stieg der Verein durch einen 2:1 Sieg beim 1. FC Nürn­berg am letzten Spieltag in die Bun­des­liga auf. Neben Spie­lern wie Klasnic, Pat­schinski und Bajra­movic spielte Keeper Heinz Weber eine starke Saison.

Heinz war ein ganz wich­tiger Bau­stein für den Auf­stieg“, sagt sein dama­liger Trainer Dietmar Demuth noch heute. Wir waren sehr zufrieden mit ihm, er war sowohl außer­halb des Platzes als auch auf dem Platz eine abso­lute Füh­rungs­per­sön­lich­keit und er hat immer seine Leis­tung gebracht“, ergänzt St. Paulis Ex-Manager Ste­phan Beutel.

In der Tor­wart­rang­liste des Kickers“ musste er sich nur Andi Köpke geschlagen geben, alles anderen Keeper ließ er hinter sich. 

Alles schien per­fekt, dachten nicht nur die Fans. Sowohl der Trainer als auch der Manager wollten Weber unbe­dingt halten, und dieser konnte sich nichts Schö­neres vor­stellen, als mit St. Pauli in der Bun­des­liga zu spielen.

Doch daraus wurde nichts. Denn der FC Tirol wusste um die Bedeu­tung Webers für die Ham­burger und ver­langte eine Mil­lion Mark Ablöse für den Keeper. Da der FC Tirol nicht ver­hand­lungs­be­reit und der FC St .Pauli laut Beutel nicht in der Lage war, diese Summe zu bezahlen“, musste Weber gezwun­ge­ner­maßen nach Öster­reich zurück­kehren, um dort wieder auf der Bank Platz zu nehmen.

Dass St. Pauli in der Fol­ge­saison mit zwei nicht erst­li­ga­taug­li­chen Kee­pern wieder abge­stiegen ist und der FC Tirol nur ein Jahr später Pleite ging, macht die Geschichte noch tra­gi­scher. 

Acht Jahre später haben wir uns auf die Suche nachdem in der Ver­sen­kung ver­schwun­denen Weber gemacht und den heute 33-jäh­rigen bei Aus­tria Kärnten gefunden. Im Inter­view erin­nert er sich mit Gän­se­haut an eine Weltklasse“-Zeit, er spricht mit uns über die bit­tere Ent­täu­schung und über RB Leipzig. 


Heinz Weber, wie geht es Ihnen? 

Sehr gut. 

Wie läuft es sport­lich? 

Ich spiele beim SV Aus­tria Kärnten in der öster­rei­chi­schen Bun­des­liga. Letztes Jahr sind wir Sechster geworden, und jetzt startet die Vor­be­rei­tung auf die neue Spiel­zeit. Zur­zeit bin ich die Nummer zwei hinter Andreas Schranz, aber die letzten beiden Spiele habe ich gespielt. 

Acht Jahre ist es mitt­ler­weile her, dass Sie in Deutsch­land mit St. Pauli für Auf­merk­sam­keit gesorgt haben. 

Das war der Wahn­sinn, man kann gar nicht wirk­lich beschreiben, wie das Ganze abge­laufen ist. Schon als ich das erste Mal am Mil­l­erntor spielen konnte, war das unglaub­lich schön. Auch durch die Geschichte der Vor­saison, als der Klas­sen­er­halt erst in der letzten Minute geschafft wurde, hatten wir einen irr­sin­nigen Zusam­men­halt in der Mann­schaft. Es war eine Zeit, die ich nie ver­gessen werde. Ja, man kann sagen, dass es Welt­klasse war, dort zu spielen.  

Ein­malig? 

Ja. Was ich dort erlebt habe, das habe ich bei Weitem nicht mehr erlebt, und ich habe schon einige Sta­tionen erlebt. Der Verein ist Kult, das wird er immer sein, und des­wegen hängt mein Herz auch jetzt noch, nach acht Jahren, an St.Pauli. Allein die Auf­stiegs­feier, als alle Dämme gebro­chen sind. Wenn ich an die fei­ernden Fans denke, bekomme ich noch heute Gän­se­haut. 

Wissen Sie noch, wie St. Pauli auf Sie auf­merksam wurde? 

Es war Rie­sen­glück, dass ich über­haupt nach Ham­burg gekommen bin und eigent­lich der pure Zufall. Ich saß beim FC Tirol nur auf der Bank, und dann hat mein dama­liger Tor­wart­trainer Horst Hru­besch ange­rufen und gefragt, ob er nicht einen Verein für mich wüsste. Hru­besch hat St. Pauli vor­ge­schlagen und mich dort schmack­haft gemacht. Dann bin ich nach Ham­burg geflogen, und wir hatten in einer Vier­tel­stunde alles geklärt. Ich saß mit Manager Ste­phan Beutel kurz am Tisch, alles hat gepasst und ich habe unter­schrieben. Zum Glück hat mir Tirol damals keine Steine in den Weg gelegt und mich kos­tenlos ver­liehen. 

32 Spiele haben Sie für die Ham­burger gemacht, Sie sind auf­ge­stiegen und der Kicker“ bewer­tete Ihre Leis­tungen mit dem Prä­dikat her­aus­ra­gend“. Es hat alles für Ihren Ver­bleib am Mil­l­erntor gespro­chen. 

Es hat sehr viel dafür gespro­chen, vor allem aber habe ich dafür gespro­chen. Tirol wollte mich ver­kaufen… aber … das ist eben die dunkle Seite im Fuß­ball­ge­schäft. Ich weiß selbst nicht, warum es nicht geklappt hat, und das ist natür­lich sehr bitter. Ich wollte unbe­dingt in Ham­burg bleiben, habe das auch dem Verein und allen Zei­tungen gesagt, aber warum es nicht ging, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Tirol eine Mil­lion Ablöse ver­langt hat und St.Pauli nicht so viel bezahlen wollte. Dann wäre theo­re­tisch noch mal ein Leih­ge­schäft in Frage gekommen, aber irgendwie hat es nicht sein wollen. 

Wer hat Ihnen das mit­ge­teilt? 

Eigent­lich nie­mand. Es ist halt dann so gewesen. 

Sie mussten wieder zum Trai­ning nach Inns­bruck? 

Ja, leider. Wie gesagt, das ist die dunkle Seite des Geschäfts. Ich konnte mich von keinem wirk­lich ver­ab­schieden, weil ich bis zuletzt gehofft hatte, dass ich doch noch irgendwie bleiben kann. Das hat sehr geschmerzt. 

Haben Sie bei der Auf­stiegs­feier in Nürn­berg schon damit gerechnet, dass Sie nach Inns­bruck zurück müssen? 

Ich wusste da schon, dass es schwer wird, in Ham­burg zu bleiben. Aber ich habe natür­lich darauf gehofft und alles auf die eine Karte gesetzt. Schluss­end­lich hat es ein­fach nicht sein sollen. 

Hätten Sie sich gewünscht, dass der FC St. Pauli mehr für Ihren Ver­bleib gekämpft hätte? 

Ja sicher, nachdem ich so eine gute Saison gespielt habe. Das Schöne war, dass in der Saison danach, auch wenn der Abstieg auch für mich bitter war, viele in die Foren geschrieben haben, dass St. Pauli mit mir nicht abge­stiegen wäre. Das ist immer wieder ein schönes Zei­chen. Die Leute haben mich auch heute noch nicht ver­gessen. Wenn Bekannte nach Ham­burg fahren, erzählen sie immer, dass mich dort immer noch jeder kennt und sich an das Jahr mit mir erin­nern kann.  

Wie war es für Sie, die Bun­des­li­ga­spiele zu ver­folgen? Ihre Nach­folger im Tor haben keinen bun­des­li­ga­taug­li­chen Ein­druck hin­ter­lassen.

Natür­lich ärgert man sich, weil man sich sagt, dass man selber hätte spielen können. Aber irgend­wann muss man das ein­fach abhaken und sich sagen, dass es eine schöne Zeit war, die jetzt vorbei ist. Mich freut es riesig, das die Mann­schaft jetzt wieder zurück ist in der zweiten Liga, sich sta­bi­li­siert hat und Stani so eine fan­tas­ti­sche Arbeit leistet.  

Wie ging es in Inns­bruck weiter?  

Ich habe ein Jahr lang auf der Bank gesessen und bin dann zu Sturm Graz gewech­selt. Dort habe ich ein paar Spiele gemacht, bin aber von der öster­rei­chi­schen Presse zer­rissen worden. Und in Öster­reich ist es nicht so leicht, seinen Namen wie­der­her­zu­stellen. 

Warum hat Sie die Presse zer­rissen? 

Es lag sicher auch an meiner Leis­tung, aber Graz ist ein­fach ein schwie­riges Pflaster für Tor­leute. Obwohl wir in die dritte Runde des Euro­pa­cups gekommen sind, haben alle nur geme­ckert, wie schlecht doch die Tor­hüter wären. Dagegen habe ich mich irgend­wann auf­ge­lehnt. Es ging sicher nicht alles auf meine Kappe, was dort pas­siert ist. Ich meine: als ich da war, waren wir Fünfter, und als ich den Verein ver­lassen habe, sind sie nur knapp nicht abge­stiegen. Ich musste mich dann ganz alleine, still und heim­lich wieder her­an­kämpfen. 

Über die zweite Liga? 

Ich stand kurz vorm Auf­hören, habe dann aber doch wieder zweite Liga gespielt, und jetzt bin ich wieder in der Bun­des­liga. 

Sie sind fast immer, wenn Sie gespielt haben, durch sehr gute Leis­tungen auf­ge­fallen. Haben Sie eine Erklä­rung, warum Ihnen trotzdem so wenige Trainer das Ver­trauen schenkten? 

Ich glaube, dass es in Deutsch­land ein­fa­cher ist für Tor­hüter als in Öster­reich. Ich hätte in Deutsch­land bleiben sollen. In Öster­reich ist die Macht der Manager größer und ich hatte einmal mit einem Manager Streit. Ob der dann viel­leicht seine Finger im Spiel hatte und schlecht über mich geredet hat, weiß ich nicht. Ich habe nur gehört, dass viele meinten, ich wäre ein fal­scher Hund. Aber fast alle Trainer sagen im Nach­hinein, dass ich ein voll kor­rekter Mensch bin. Das ist für mich eine große Genug­tuung. 

Dietmar Demuth hat zu uns gesagt: Heinz Weber, dass war ein Guter, aber ein schlam­piges Genie.“ Können Sie sich erklären, was er damit meint? 

Naja, wenn es gut läuft, denkt man manchmal, man kann einen Gang zurück­schalten. Ich denke, ich habe in Deutsch­land gezeigt dass ich es kann, und trotzdem immer alles für den Verein gegeben. Jeder ruht sich doch irgend­wann mal kurz­zeitig aus, dass ist ganz normal. Der eine sieht es als schlam­piges Genie, für den anderen ist nur wichtig, dass du im Spiel topfit bist. 

Denken Sie heute noch oft an die ver­passte Chance? 

Wenn man viel zweite Liga schaut und die Fans wie früher singen hört, dann denkt man schon oft zurück. Die Ver­bin­dung nach Ham­burg ist nie abge­rissen. Ich habe dort auch noch Freunde, mit denen ich ab und zu tele­fo­niere. 

Waren Sie noch mal im Sta­dion? 

In der Bun­des­liga war ich zum Derby gegen den HSV da und in der Saison danach war ich noch mal am Mil­l­erntor. 

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?  

Ich will Nummer Eins werden, in Kärnten oder anderswo. Viel­leicht ver­schlägt es mich ja auch noch mal nach Deutsch­land. 

Ein Enga­ge­ment in Deutsch­land können Sie sich also vor­stellen? 

Ja sicher. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich irgendwo falsch. Der deut­sche Fuß­ball­markt ist wahn­sinnig attraktiv, gerade für uns Öster­rei­cher. Erst vor kurzem habe ich mit Ste­phan Beutel aus Erfurt tele­fo­niert, der mich gefragt hat, ob ich mir es vor­stellen kann, nach Deutsch­land zu wech­seln, aber dann hat Erfurts Stamm­keeper Orlis­hausen doch ver­län­gert. 

Red Bull ist vor kurzem in Leipzig ein­ge­stiegen. Wäre das nicht was für Sie? 

Alles ist mög­lich.