Es ist laut auf den Rängen, doch der Lärm dröhnt ledig­lich raum­grei­fend aus großen Boxen. Die mensch­li­chen Stimmen, die wenigen, die noch da sind, gehen in diesem Gedröhne hilflos unter. Es ist ein Okto­bertag am schönen Ufer des Neu­en­burger Sees, der tra­di­ti­ons­reiche Schweizer Verein Xamax Neu­châtel spielt in der Ersten Liga der Schweiz gegen den FC Thun. Doch kaum einer will das sehen. Im Raum der Spon­soren, wo in den ver­gan­genen Jahren reges Treiben und das Sich-Zeigen Gewohn­heit war, brennt kein Licht mehr. Die Ver­träge mit den Geld­ge­bern sind gekün­digt worden. Später wird die Zuschau­er­zahl auf der Video­wand ein­ge­blendet: 2132. Das ist ein neuer Minus­re­kord.

Früher kamen 6000 Zuschauer, zu grö­ßeren Spielen viel­leicht 10 000. Doch jetzt wollen die Ein­hei­mi­schen ihr Team nicht mehr sehen. Die Dia­gnose: Ent­frem­dung.
Die Szene ist in der Fuß­ball­welt wohl noch so etwas wie ein Unikat. Und doch könnte sie für eine Welt stehen, die finan­ziell auf dem Kopf steht – vieles ist nur noch ver­kehrt und undurch­sichtig. Das Bei­spiel Xamax zeigt, was pas­sieren kann, wenn sich Fuß­ball­klubs in die Hände der­je­nigen begeben, die mit Geld­scheinen winken und eine große Zukunft ver­spre­chen.

Vor­wurf der Geld­wä­sche

Der neue Besitzer des Klubs, der Tsche­tschene Bulat Tschagajew, sitzt in seiner Loge, manchmal in Wild­le­der­ja­cken ein­ge­packt, manchmal modisch zwei­fel­haft in rot-weiße oder schwarz-blaue Strei­fen­pullis gewi­ckelt, je nach Wit­te­rung. Um den angeb­li­chen Mil­li­ardär kur­sieren wilde Gerüchte und Geschichten. Einige sind emo­tional über­spitzt und über­trieben und neigen ins Frem­den­feind­liche, andere sind von bizarrer Art, aber wahr. Und die meisten Geschichten, die wich­tigsten wohl, liegen im Dun­keln.

Woher hat der Tsche­tschene sein Geld? Hat er tat­säch­lich so viel, wie gemun­kelt wird? Und wenn ja: Hat er es recht­mäßig ver­dient? Tschagajew selbst sagt, dass er mit agro­che­mi­schen“ Gesell­schaften in den 90er Jahren reich geworden sei. Den Unter­schied zwi­schen weißem und schwarzem Geld will er nicht kennen, wie er in einem TV-Inter­view zum Besten gibt: Ich kaufe Schuhe, gebe mein Geld der Ver­käu­ferin – und sie nimmt es.“ Und zum Vor­wurf der Geld­wä­sche sagt er: Wenn ich so etwas tun wollte, würde ich einen Nacht­klub eröffnen.“ In den letzten Tagen ließ der Geschäfts­mann mit Fir­men­sitz in Genf über Zei­tungen in der fran­zö­si­schen Schweiz ver­lauten, er habe alle finan­zi­ellen Mittel“, um die sport­liche Wende mit dem Klub zu schaffen.

Fünf Trainer in fünf Monaten

Als der Tsche­tschene vor fünf Monaten antrat, wollte er sofort“ Schweizer Meister werden und fabu­lierte von der Cham­pions League, als Trainer machte der Name Diego Mara­dona die Runde. Dieser hatte für Tschaga­jews frü­heren Freund, den tsche­tsche­ni­schen Prä­si­denten Ramsan Kadyrow, auch schon mal Ein­la­dungen zu gut bezahlten Plausch­spielen auf dem Fuß­ball­feld ange­nommen. Kadyrow, mit dem sich Tschagajew inzwi­schen über­worfen haben soll, werden Men­schen­rechts­ver­let­zungen vor­ge­worfen.

Nun, Mara­dona kam nicht nach Neu­en­burg. Dafür nach dem Fran­zosen Ollé-Nicolle, der nur einen Tag im Amt war, der Schweizer Ber­nard Chal­landes; dann der Bra­si­lianer Sonny Anderson im Gespann mit dem Fran­zosen François Cic­co­lini; dann die sechs­köp­fige Trai­ner­crew des ange­se­henen Spa­niers Joa­quín Caparros, der in der Pri­mera Divisón den FC Sevilla, La Coruña und Ath­letic Bilbao trai­niert hatte; dann dessen Lands­mann Victor Muñoz, ein ehe­ma­liger Spieler des FC Bar­ce­lona. Fünf Trainer in fünf Monaten, es ging drunter und drüber. Zuweilen hat Tschagajew Trainer unmit­telbar nach Spiel­schluss in der Kabine in der Beglei­tung von Body­guards ent­lassen.

Die Geis­ter­bahn

Was bei Xamax geschieht, hat der Schweizer Fuß­ball noch nie gesehen. Am Tag, an dem das Team vor der Saison vor­ge­stellt wird, wähnt man sich auf der Geis­ter­bahn. Im Inneren des Sta­dions werden Fotos ent­fernt, Wände frisch gestri­chen und mit dem neuen Klub­emblem ver­ziert. Im Sta­dion werden die Schrift­züge abge­sprun­gener Spon­soren über­deckt, zudem ist eine große Tafel in fran­zö­si­scher und kyril­li­scher Schrift zu sehen. Die Auf­schrift: Alle ver­eint zum Sieg.“ Als die Spieler einer Hand­voll Fans vor­ge­stellt werden, fällt die Ton­an­lage aus. Die Prot­ago­nisten müssen warten, stehen ver­loren auf dem Plas­tikrasen.

Xamax Neu­châtel steht inzwi­schen in der Tabelle mit 15 Punkten aus 11 Spielen und vielen gut ver­die­nenden Profis aus Spa­nien, Frank­reich oder auch aus Nigeria gar nicht so übel da – gemessen an den struk­tu­rellen Unge­reimt­heiten. Die akute Frage aber lautet: Wie lange dauert dieses Schau­spiel? Das Team soll sich seit der Regent­schaft des Tsche­tschenen um das Dop­pelte auf mehr als 20 Mil­lionen Euro ver­teuert haben. 25 Gläu­biger, unter anderem Trainer und frü­here Ange­stellte, for­dern aus­ste­hende Löhne oder Abgangs­ent­schä­di­gungen. Die Gesamt­summe wird auf fünf Mil­lionen Euro geschätzt.

Kann der Spiel­be­trieb auf­recht erhalten bleiben?

Per­sonal gibt es auf der Geschäfts­stelle nur noch wenig. Geschäfts­führer, Sport­chef, Mar­ke­ting­leiter, Pres­se­chef: alle ent­lassen, trotz teil­weise noch lau­fender Ver­träge bis ins Jahr 2014. Die Lücken wurden nur par­tiell gefüllt. Vor Kurzem fragte ein Ver­trauter des Klubs: Hat die Füh­rung über­haupt das Know-how, um alles Admi­nis­tra­tive adäquat zu ver­ar­beiten?“ Zusätz­lich zu den Gläu­bi­gern bittet die Swiss Foot­ball League (SFL) den Klub um Infor­ma­tionen zur finan­zi­ellen Lage, die nur teil­weise“ gelie­fert worden seien. Die Sorge: Bleibt Xamax zah­lungs­fähig? Kann der nor­male Spiel­be­trieb auf­recht­erhalten werden? Oder droht ein Kar­ten­haus in sich zusam­men­zu­stürzen?

Tschagajew hat einige Schulden nach Mah­nungen bezahlt, die Sta­di­on­miete an die Stadt bei­spiels­weise. Er bestreitet aber einen Teil der Schulden und lastet sie der alten Füh­rung unter dem ehe­ma­ligen Prä­si­denten und ein­hei­mi­schen Bau­herrn Sylvio Ber­nas­coni an, der seine Akti­en­mehr­heit dem Tsche­tschenen für 1,8 Mil­lionen Euro abtrat. Seither hat sich Ber­nas­coni in der Öffent­lich­keit nicht mehr geäu­ßert. Er nimmt keine Tele­fo­nate mehr ent­gegen, und man fragt sich, mit wel­chem Gefühl er sich momentan im Kanton Neu­en­burg bewegt.

Er hat das Sta­dion mit seiner Firma gebaut und einiges an Geld in den Verein gesteckt. Er war Gil­bert Fac­chinetti gefolgt, auch er ein ein­hei­mi­scher Bau­herr, der in den 80er Jahren mit Gil­bert Gress als Trainer (ehe­mals VfB Stutt­gart) und dem Deut­schen Uli Stie­like im dama­ligen Meis­tercup gegen Teams wie Real Madrid für Höhe­punkte sorgte und bekannt dafür war, Ver­träge per Hand­schlag zu besie­geln. Es war die Zeit, als der Klub noch ein lokales Fun­da­ment auf­wies. Jetzt scheint er bis in die Ein­zel­teile zer­setzt.

Tschagajew findet keine Schweizer Bank

Am 20. Oktober muss sich Tschagajew vor dem Zivil­ge­richt des Kan­tons erst­mals ver­ant­worten. Edmond Isoz, der Manager der Liga, bestä­tigt, dass die Kom­mu­ni­ka­tion mit Tschagajew schwierig“ sei. Zum einen, weil der Tsche­tschene kein Deutsch, kein Eng­lisch, kein Fran­zö­sisch spreche, man sei immer auf Über­setzer ange­wiesen. Zum anderen, weil sein Habitus einem Kul­tur­schock“ gleich­komme. Die Schweizer Liga will Klub­über­nahmen künftig besser kon­trol­lieren, um sicher­gehen zu können, dass das nötige Geld vor­handen ist. Eine gül­tige Lizenz für einen Verein soll nicht ein­fach so über­tragbar sein. Aber Tschagajew hätte fast überall in Europa so han­deln können, außer in Deutsch­land, wo Sicher­heiten wie die 50+1‑Regel ein­ge­baut sind und Klubs nicht ohne Schranken in fremde Hände über­gehen können.

Aus dem juris­ti­schen Umfeld von Tschagajew sickert durch, dass der Tsche­tschene finan­ziell in der Lage sei, die Saison mit Xamax zu Ende zu spielen. Wahr ist aber auch, dass es für Tschagajew schwierig geworden ist , eine Schweizer Bank des Ver­trauens zu finden – und dies, obwohl er 15 Jahre lang bei eben­diesen Banken Kunde war. Und aus dem Umfeld wird auch bestä­tigt, dass Tschagajew tat­säch­lich Body­guards brauche, um sich sicher bewegen zu können. Nicht etwa, weil er sich von Schweizer Bür­gern oder Fans bedroht fühlt, die Geschichten liegen wohl eher in seiner Ver­gan­gen­heit in seinem Hei­mat­land – und eben im Dun­keln. Die Schweizer lassen Tschagajew bis­lang gewähren und fremd in seiner Loge sitzen.