Alex­ander Zickler, wie oft wurden Sie in den letzten Wochen nach Inter­views gefragt?
Es hat in den letzten Tagen schon zuge­nommen. Zum einen natür­lich die Anfragen aus Deutsch­land, aber auch die Salz­burger Presse klin­gelt durch.

Wie sehr inter­es­sieren sich die Öster­rei­cher für das deut­sche Cham­pions-League-Finale?
In Öster­reich, gerade hier an der Lan­des­grenze, gibt es viele Bayern-Fans, die die Vor­be­rei­tungen auf das Finale natür­lich intensiv ver­folgen. Auch in der von mir trai­nierten U16 haben wir einige BVB- und Bayern-Fans, die sich verbal nichts schenken. In der Kabine gab es in den letzten Tagen schon einige Sprüche.

Haben Sie in den letzten Wochen noch einmal von Ihren eigenen Final­spielen geträumt?
Wenn wir in den letzten Tagen mit dem Trai­ner­team oder im pri­vaten Kreis zusam­men­ge­sessen haben, wurde schon häu­figer über das Finale gespro­chen. Da kamen die Erin­ne­rungen an meine eigenen Final­spiele natür­lich auch auf dem Tisch. Es ging aber nicht allein um das jet­zige End­spiel in Wem­bley, son­dern viel­mehr um die letzten vier Jahre in denen der FC Bayern immerhin dreimal eine Hand am Hen­kel­pott hatte.

Wie sehen Sie die Ent­wick­lung des FCB?
Für mich ist der FC Bayern klarer Favorit, doch die Ent­wick­lung der letzten Jahre spielt Dort­mund in die Karten. Schlie­ßich wäre die dritte Nie­der­lage eine Kata­strophe für Lahm, Schwein­s­teiger und all die anderen.

Könnte der FC Bayern im schlimmsten Fall erneut eine Trotz­re­ak­tion in der nächsten Saison zeigen?
Ich denke, dass die Mann­schaft gefes­tigt ist und durch die letzten Ver­stär­kungen wie Mario Mandzukic, Javi Mar­tinez oder Dante auch Spieler im Kader hat, die bisher noch kein Cham­pions-League-Finale ver­loren haben. Ob es erneut zu einer sol­chen, den Ligaalltag domi­nie­renden Trotz­re­ak­tion kommen kann, bleibt frag­lich.

Im Gegen­satz zu dieser Saison gewannen Sie im Bayern-Dress die Meis­ter­schaft 2001 erst in letzter Sekunde. Ein posi­tiver Umstand für das anschlie­ßende Finale?
Ja, für uns war das damals sicher­lich eine kleine Hilfe. Wir hatten mit den Par­tien gegen Lever­kusen, Kai­sers­lau­tern und Ham­burg drei End­spiele in der Schluss­phase der Saison, in der wir mental und kör­per­lich auf höchstem Niveau spielen mussten. Nach vier Tagen kam das Finale gegen Valencia oben­drauf, sodass es sich als ein Vor­teil für uns ent­wi­ckelte. Ich will aber nicht wissen, was in Mai­land pas­siert wäre, wenn Patrick Anders­sons Frei­stoß am Wochen­ende zuvor das Tor ver­fehlt hätte.

Wie haben Sie in den Tagen zwi­schen beiden Spielen die Span­nung hoch­ge­halten?
Wir haben auf das Finale nicht erst in den letzten Stunden hin­ge­fie­bert, zusätz­liche Span­nung musste also nicht erzeugt werden. Man ver­sucht eher die Abläufe nicht zu ver­än­dern, son­dern die Mischung zwi­schen Rege­ne­ra­tion und Trai­ning zu finden. Einzig die indi­vi­du­elle, tak­ti­sche Ein­stel­lung auf den nächsten Gegner wird umge­stellt. Das wird sich bis heute nicht geän­dert haben.

Anders als im ver­lo­renen Finale 1999, mussten Sie zwei Jahre später auf der Bank Platz nehmen.
Ottmar Hitz­feld hat der Mann­schaft die Ent­schei­dung über die end­gül­tige Auf­stel­lung immer einen Tag vor dem Anpfiff mit­ge­teilt, damit sich die Startelf beson­ders vor­be­reiten konnte. Von der Bank aus ein Spiel zu beginnen, war aber nicht unge­wohnt für mich. Ich kannte diese Situa­tion und es zeich­nete mich aus, dass ich nach den Ein­wechs­lungen schnell meinen Rhythmus fand.

Sie galten als erfolg­rei­cher Joker. Hatten Sie sich schon vor dem Abflug mit der Rolle abge­funden?
Jeder Profi will von Beginn an auf dem Platz stehen, das ist eine Tat­sache, die auch bei mir nie anders war. Nur wenige Ver­eine können ihren Spie­lern gleich zwei Cham­pions-League-Teil­nahmen zusi­chern, wes­halb ich bereits dankbar war 1999 auf­laufen zu können. In Mai­land hoffte ich dann auf meine Chance.

Sie wurden in der 110. Minute ein­ge­wech­selt. Damals galt sogar noch das Golden Goal…
… und es war ein sehr offenes Spiel. Beide Teams haben in der Ver­län­ge­rung auf ihre Mög­lich­keiten gelauert, durften ihre Defen­siv­auf­gaben aller­dings nie ver­nach­läs­sigen. Als sprint­starker und zudem aus­ge­ruhter Stürmer sollte ich mich vor allem bei Kon­tern in Szene setzen, auch wenn es in den ver­blie­benen zehn Minuten nicht mehr zum ent­schei­denden Treffer reichte. 

Im Elf­me­ter­schießen traten eben­falls sie an. Woher haben Sie diesen Mut genommen?
Es war sogar der erste Elf­meter in meiner gesamten Kar­riere. Viele Spieler hatten nach dem Abpfiff ein auf­rei­bendes Finale hinter sich, wäh­rend ich noch frisch wirkte. Hitz­feld suchte zwi­schen den Spie­lern und fragte, ob ich schießen möchte. Erst nach meiner Zusage wurde mir bewusst, was ich da gerade gesagt hatte.

Wie ging es weiter?
Ich habe mich vor Beginn ent­schieden, dass ich in jedem Fall in die rechte Ecke schießen würde. Valen­cias Tor­wart San­tiago Cani­zares war dafür bekannt, dass er die Schützen aus der Ruhe bringen wollte und sah vor meinem Elf­meter hierfür sogar die Gelbe Karte.

Mit Ver­laub, der Elf­meter sah haltbar aus. Oder haben Sie Cani­zares aus­ge­guckt“, als er in die fal­sche Ecke sprang?
Über­haupt nicht! In einer sol­chen Situa­tion ist es falsch etwas aus­zu­pro­bieren und zu spe­ku­lieren. Ich habe nicht dar­über nach­ge­dacht, ob es eine andere Option gibt und ver­suchte des­halb mög­lichst plat­ziert durch­zu­ziehen. Der Ball war drin und somit per­fekt getreten! (lacht) 
 
Sie sagten einmal: Hätten wir in Mai­land nicht gewonnen, hätte der Olli noch bis 50 wei­ter­spielen müssen, um Bar­ce­lona zu ver­gessen“.
Ich kenne keinen ehr­gei­zi­geren Fuß­baller als Oliver Kahn. Um den größten Titel in der Ver­eins­ge­schichte zu gewinnen, hätte er ganz sicher noch einige Jahre dran­ge­hängt. So konnte er sich seine Kar­riere etwas schöner ein­teilen.

Wie sah es bei Ihnen aus?
Wäre ich viel­leicht zwi­schen­durch gewech­selt, wäre diese Wunde für immer offen­ge­blieben. Als würde man täg­lich auf dieses eine Spiel 1999 ange­spro­chen werden, das wir nach 90 Minuten gewonnen und drei Minuten später ver­loren hatten. Doch wir haben uns ein­ge­schworen und sind danach enger zusam­men­ge­rückt. Jeder hatte daran zu knab­bern, doch wir wollten unbe­dingt in den nächsten zwei bis drei Jahren den Pott holen.

Ver­spürten Sie in den Tagen nach dem Tri­umph eine beson­dere Erleich­te­rung inner­halb der Mann­schaft?
Eben nicht nur bei den Spie­lern, son­dern im gesamten Verein. Auf­grund der inten­siven Bun­des­liga-Saison waren wir bei den anschlie­ßenden Fei­er­lich­keiten etwas müde und ich fühlte mich wirk­lich leer. Es war eine nette Feier, aber nicht mit der unglaub­li­chen Frust-Party von 1999 zu ver­glei­chen. 

Dies soll angeb­lich die beste Party Ihrer Kar­riere gewesen sein. Würden Sie den Bayern von heute im Falle einer Nie­der­lage auch jede Menge Alkohol emp­fehlen?
(lacht) Alkohol wird am Wochen­ende sicher­lich aus­ge­schenkt, aber nur weil die Münchner gewinnen.

Borussia Dort­mund hat seine ehe­ma­ligen Cham­pions-League-Helden nach London ein­ge­laden. Kam etwas vom FC Bayern?
Nachdem wir im ver­gan­genen Jahr nicht die ganz großen Glücks­bringer auf der Tri­büne waren, konnte ich es sehr gut nach­voll­ziehen nicht in London ein­ge­laden worden zu sein. Des­halb feiere ich privat mit einigen Freunden und der Familie.

Ihr Tipp?
3:1 für meine Bayern.