Seite 2: 1050 Kilometer in acht Tagen

Die ange­spro­chene Schwester starb ebenso kin­derlos wie Bäumer selbst, der im Jahre 2006 ver­schied. Dieses Detail ist des­wegen erwäh­nens­wert, weil Bäumer eine gigan­ti­sche Samm­lung von Erin­ne­rungs­stü­cken und Sou­ve­nirs aus aller Welt besaß, die seit seinem Tod leider ver­schollen ist. Die ehe­ma­lige Ver­eins­wirtin seines Hei­mat­klubs, des FC Oese 49, erin­nert sich daran, dass Bäu­mers Woh­nung bereits leer war, als Klub­mit­glieder seine Erin­ne­rungs­stücke abholen wollten. (Jene Dame heißt übri­gens Erika Borowka und ist die Mutter von Uli.) Da inzwi­schen auch der FC Oese selbst das Zeit­liche gesegnet hat, steht zu befürchten, dass die Sachen nie mehr auf­tau­chen werden.

Dabei dürfte Bäumer beson­ders von der WM in Eng­land 1966 tolle Andenken gehabt haben, denn er pflegte gute Kon­takte zur deut­schen Mann­schaft. Die meisten Leute aus dem DFB-Tross kannten das nur 1,70 Meter große Kraft­paket schon von den vor­aus­ge­gan­genen Tur­nieren oder den vielen Län­der­spielen, zu denen Bäumer radelte. Dazu kam noch, dass er als großer Fan von Borussia Dort­mund ein fast freund­schaft­li­ches Ver­hältnis zu den BVB-Spie­lern hatte, von denen es ja im 1966er-Kader so einige gab.

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WM 1966: DFB-Zeug­wart Heinz Dahn plau­dert mit Hans Bäumer.

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Ein anderer rad­fah­render Deut­scher traf in Eng­land zwar keine alten Bekannten, fand dafür jedoch einen neuen Freund fürs Leben. Der 18-jäh­rige Rainer Rüth war damals in der Aus­bil­dung, hatte sich aber sechs Wochen Urlaub genommen, damit es ihm nicht wie Hoff­mann 1958 ergehen sollte. In einem Rei­se­büro kaufte er einen Block mit zehn Karten. Sie galten für alle Spiele der deut­schen Gruppe und für die K.o.-Runden, von denen Rüth hoffte, dass Deutsch­land sie errei­chen würde. Dann setzte er sich auf sein Rad und fuhr in acht Tagen von seiner hes­si­schen Hei­mat­stadt Maintal nach Shef­field, wo die deut­sche Mann­schaft am 12. Juli ihr Auf­takt­spiel gegen die Schweiz bestritt.

Ich fuhr durch Luxem­burg nach Brüssel und dann nach Lille“, erin­nert sich Rüth. Dort habe ich bei einem Bauern in der Scheune über­nachtet. Meis­tens aber schlief ich im Zelt. Damals waren Cam­ping­plätze rar gesät, des­wegen schlug ich auch schon mal auf einer Wiese mein Lager auf. Einmal wachte ich mor­gens auf, und um mich herum standen Rinder und grasten.“

Von Lille ging es nach Calais, dann mit der Fähre über den Ärmel­kanal. In Dover bestieg Rüth wieder seinen Draht­esel und fuhr über London und Gran­tham bis zum Spielort. Er hatte 1050 Kilo­meter in acht Tagen bewäl­tigt, als er in Shef­field ein­traf. Es hatte geregnet, ich war patsch­nass“, sagt Rüth. Jemand von der Lokal­zei­tung fing mich ab. Die haben über alle Fans berichtet, die etwas seltsam waren. Da war jemand, der einen Kin­der­wagen von der Schweiz bis nach Shef­field geschoben hatte.“ (Es han­delte sich um einen Fens­ter­putzer aus Zürich namens Emil Hol­liger, der vier Wochen unter­wegs war und dabei zwei Paar Schuhe ver­schliss.)