Seite 4: Schalker unter sich

Die Fahnen waren in den Farben von Schleswig-Hol­stein gehalten und mit dem Wappen von Beh­rends Kegel­verein ver­sehen. Auf seiner Reise nach Ita­lien und zurück ließ er sie von allen mög­li­chen Leuten unter­schreiben, um sie anschlie­ßend zu ver­stei­gern. Fuß­baller und Funk­tio­näre ver­ewigten sich auf den Flaggen, aber auch Bür­ger­meister von Städten, durch die Beh­rend radelte. Beim AC Mai­land lud man ihn ein, das Trai­nings­ge­lände zu besich­tigen. Auch Silvio Ber­lus­coni hat auf den Fahnen unter­schrieben“, erin­nert er sich. Und ich bekam einen Ball mit den Auto­grammen der Spieler, den wir eben­falls ver­stei­gert haben. Das war die Zeit, als die ganzen Hol­länder bei Milan waren.“

Dieses Treffen hin­ter­ließ einen ebenso großen Ein­druck bei dem Maurer aus Ost­hol­stein wie eine Begeg­nung mit Franz Becken­bauer oder die Tat­sache, dass er beim zweiten Grup­pen­spiel der deut­schen Mann­schaft auf der Tri­büne neben Uli Stein und Günter Eich­berg saß, der ihm die Karte besorgt hatte. Doch das erste Andenken an jene Reise, das er einem Besu­cher zeigt, ist eine Audi­enz­karte aus dem Vatikan. Durch die Ver­mitt­lung einer deut­schen Jour­na­listin war man dort auf Beh­rends Enga­ge­ment für kranke Kinder auf­merksam geworden. Man lud ihn ein, den Hei­ligen Vater zu treffen. Vier Minuten durfte ich mit dem Papst reden“, erin­nert sich Beh­rend stolz. Man ist ver­sucht zu sagen: Schalker unter sich.

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Nicht nur Deut­sche radeln zur WM: Der Ägypter Mohammed Nufal legte 2018 mit dem Rad 7000 Kilo­meter zurück, um nach Moskau zu kommen.

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Obwohl die Reise trotz des bil­ligen Fort­be­we­gungs­mit­tels durchaus kost­spielig für Beh­rend war – als selb­stän­diger Hand­werker musste er schließ­lich sein Geschäft für meh­rere Monate schließen –, hatte ihn das Rei­se­fieber gepackt. Bei nahezu jedem der nächsten Tur­niere waren er und sein Stahl­ross vor Ort. Selbst die Route durch Russ­land war für den Sommer 2018 schon geplant, ein Begleit­fahr­zeug orga­ni­siert. Dann aber musste der inzwi­schen 75-Jäh­rige ein­sehen, dass er den Stra­pazen kör­per­lich nicht mehr gewachsen ist und das Tur­nier nur am Fern­sehen ver­folgen wird.

Man darf ja bei all den schönen Erleb­nissen, die solche Aben­teu­er­reisen mit sich bringen, nicht ver­gessen, dass auch Gefahren lauern. Als Beh­rend 1994 in Chi­cago eine Kneipe ver­lassen wollte, um mit dem Fahrrad zur Jugend­her­berge zu fahren, hielt ihn ein Gast zurück. Hier wird jeden Tag jemand erschossen“, sagte er. Wir holen dir lieber ein Taxi, das ist sicherer.“ Vier Jahre später, in Lens, wäre Beh­rend in einen Angriff von Hoo­li­gans geraten, wenn ihm ein fran­zö­si­scher Poli­zist nicht geraten hätte, einen Umweg zu fahren. Als Beh­rend sich umblickte, sah er, wie deut­sche Schläger auf den Poli­zisten zustürmten. Es war Daniel Nivel.

Ärger lauert überall

Und dann gibt es ja noch die ganz nor­malen Risiken des Ver­kehrs. Rainer Rüth wäre 1966 in Dover fast über den Haufen gefahren worden, weil er für einen kurzen Moment ver­gessen hatte, dass in Eng­land Links­ver­kehr herrscht. Beh­rend hatte 1994 in den USA einen Unfall und ver­letzte sich so schwer am Knie, dass er einen geplanten Abste­cher nach Toronto zur kana­di­schen Natio­nalelf lieber absagte. (Außerdem reiste er mit dem Flug­zeug zurück nach Deutsch­land und nicht, wie auf der Hin­fahrt, mit einem Con­tai­ner­schiff.)

Auch Pedro Gatica, der 20.000 Kilo­meter radelte, um das Eröff­nungs­spiel der WM 1986 zu sehen, musste erkennen, dass überall Ärger lauert. Zur Legende wurde er näm­lich nicht wegen seiner langen Anreise, son­dern durch das, was ihm am Ziel wider­fuhr. Als er am Azte­ken­sta­dion in Mexiko City ange­kommen war, stellte er seinen treuen Draht­esel ab und ging zum Kas­sen­häus­chen. Dort erfuhr er, dass er nicht genug Geld besaß, um eine Karte zu kaufen. Ent­täuscht ging Gatica zurück zu seinem Rad. Es war weg.