Seite 3: Gute Sicht aufs Wembleytor

Der Reporter, der sich mit Rüth unter­hielt, stammte aus London und hieß Richard Redden. Er sprach ein wenig Deutsch. Als der hes­si­sche Radler wissen wollte, wo er seine Sachen trocknen könnte, gab ihm Redden ein­fach seinen Haus­tür­schlüssel. Es war der Beginn einer engen Freund­schaft, die bis zum heu­tigen Tag anhält. So ist Rüth der Paten­onkel von Red­dens Tochter, die schon mal mit ihren drei Kin­dern nach Frank­furt fährt, weil alle Ein­tracht-Fans sind. Und natür­lich wurde Rüth zu einem treuen Anhänger von Charlton Ath­letic, Red­dens Hei­mat­verein.

Mehr als drei Wochen radelte Rüth im Sommer 1966 durch die nörd­liche Mitte Eng­lands und sah so man­ches legen­däre Spiel. Bei Lothar Emme­richs Schuss aus unmög­li­chem Winkel gegen Spa­nien habe ich gar nicht gesehen, wie der Ball ein­schlug“, sagt er. Das ging so schnell, dass ich ganz über­rascht war, als der Schieds­richter zur Mitte zeigte.“ Nur zum Finale, da reiste Rüth zusammen mit seinem neuen Freund per Zug an, weil die Zeit zu knapp war. Wir hatten gute Sicht auf das soge­nannte Wem­bleytor“, erin­nert er sich. Wir saßen dort, wo die Kurve in die Gerade über­geht, also direkt hinter dem Lini­en­richter. Richard meinte, der Ball könne nicht drin gewesen sein, weil er wieder aus dem Tor her­aus­sprang. Ich war mir unsi­cher, weil es ein­fach nicht zu erkennen war. Sicher ist nur: Der Lini­en­richter hat es nicht besser gesehen als wir.“

Was Ver­rücktes machen“

Rainer Rüth war 1966 jung und fit; der Brief­träger Johannes Hoff­mann dürfte oft beruf­lich auf zwei Rädern unter­wegs gewesen sein; Hans Bäumer war ein so guter Rad­fahrer, dass er einst sogar Profi werden wollte. Doch es gab auch einen Fan, der sich prak­tisch von einem Tag auf den anderen ent­schloss, wegen einer Fuß­ball-WM 6000 Kilo­meter zu radeln, obwohl er bis dahin höchs­tens mal zum Bäcker stram­pelte. Das Ganze fing eigent­lich 1986 an“, sagt Günter Beh­rend. Ich schaute mir die Welt­meis­ter­schaft in Mexiko an und sagte zu meiner Frau: Wenn sie den Titel wieder nicht holen, dann fahre ich zur nächsten Welt­meis­ter­schaft mit dem Rad.“

Aber warum? Wie kommt man aus­ge­rechnet auf so etwas? Beh­rend war finan­ziell nicht gerade auf Rosen gebettet, aber anders als Bäumer 1954 oder Rüth 1966 hätte er sich ein Zug- oder Flug­ti­cket leisten können. Beh­rend, der kurz vor der Insel Feh­marn wohnt und damit so weit weg von Ita­lien, wie es in Deutsch­land nur geht, zuckt die Ach­seln und sagt: 1986 war ich 44 Jahre alt. Ich wollte mal was Ver­rücktes machen.“

Beh­rend und der Papst

Aber er war nicht so ver­rückt, ohne Trai­ning los­zu­fahren. Drei Jahre später, im Sommer 1989, waren Beh­rends Waden so stramm, dass er mal eben mit dem Rad zu seinem Lieb­lings­klub fahren konnte. Das war nicht etwa der HSV oder St. Pauli, wie man bei einem wasch­echten Ost­hol­steiner annehmen könnte, son­dern der 600 Kilo­meter ent­fernte FC Schalke 04. Ich bin Schalke-Fan seit 1958, als sie zum letzten Mal Meister wurden“, erklärt Beh­rend. Er brachte dem Team Glück: Nachdem er auf seinem Rad eine Ehren­runde durchs Park­sta­dion gedreht hatte, holte Schalke wich­tige Punkte im Abstiegs­kampf gegen Blau-Weiß 90 Berlin.

Da ahnte Beh­rend noch nicht, dass er im fol­genden Jahr das wohl berühm­teste Mit­glied des FC Schalke per­sön­lich treffen würde – Papst Johannes Paul II. Das hing natür­lich mit seiner Reise zur WM 1990 zusammen. Sie begann am 8. April, und schon nach weniger als vier Wochen über­querte Beh­rend den Brenner. An seinem 48. Geburtstag, dem 28. Mai, erreichte er Mai­land, den Spielort der deut­schen Gruppe. Dabei führte er beson­dere Gepäck­stücke mit sich. Ich wollte für einen guten Zweck fahren“, sagt er. So habe ich unter­wegs Geld gesam­melt für die Kin­der­krebs­hilfe. Und ich hatte drei Fahnen dabei.“