Im Januar dieses Jahres machten deut­sche Fuß­ball­fans ein Angebot. Sie wollten in Berlin mit Ver­bands- und Ver­eins­ver­tre­tern, ja, sogar mit der Polizei über den Status quo und die Zukunft der Fan­kultur spre­chen. Dafür hatten sie ein Kon­gress­zen­trum ange­mietet, sie hatten renom­mierte Fan­for­scher, Anwälte oder Jour­na­listen ein­ge­laden. Sie hielten Vor­träge und gaben Lite­ratur an Info­ständen aus. Von Ver­eins­seite erschien: Han­no­vers Prä­si­dent Martin Kind. Vom Ver­band: DFB-Sicher­heits­chef Hen­drik Große-Lefert. Einige Poli­zisten ließen sich später auch bli­cken – aller­dings als ver­deckte Ermittler. Ein breiter Dialog auf Augen­höhe fand nicht statt.
 
Am Dienstag saßen die Fans wieder in einem Ber­liner Hotel und war­teten. Sie hatten vorher eine Pres­se­mit­tei­lung ver­schickt und darin erneut das Angebot gemacht, sich hier, im Palace Berlin, Raum Bur­gund III, aus­zu­tau­schen. Die Türen sind offen“, hatte Philipp Mark­hardt von der Initia­tive Pro­Fans“ zuvor geschrieben. Die Türen befanden sich wenige Meter ent­fernt vom Hotel Inter­con­ti­nental, in dem eine Sicher­heits­kon­fe­renz statt­fand, zu dem über 100 Ver­treter von 54 Fuß­ball­klubs, etliche DFB-Ver­treter und Poli­tiker ange­reist waren. Dort dis­ku­tierten sie über Fans – ohne Fans. Nach dem Gipfel fanden gerade mal vier Ver­eins­ver­treter den Weg über die Straße zum Palace Berlin, Raum Bur­gund III. Vom Ver­band kam nie­mand.

Es wird eine Droh­ku­lisse ent­worfen
 
Ver­hee­rend daran ist nicht nur, dass in diesem Abschot­tungs­sze­nario keine gemein­samen Lösungen oder Kom­pro­misse erar­beitet werden können. Das Schlimme ist, dass so eine Droh­ku­lisse ent­worfen wird, die auch das Ziel hat, die unter­schied­li­chen Fan­gruppen gegen­ein­ander aus­zu­spielen. Bereits einige Tage vor dem Sicher­heits­gipfel hatte Hans-Peter Fried­rich gesagt: Die Steh­plätze stehen der­zeit nicht zur Dis­po­si­tion. Dass dies so bleibt, haben die Fans selbst in der Hand.“ Die Steh­plätze sind so etwas wie das Hei­ligtum der deut­schen Fan­kultur. Unan­ge­tastet. Der­zeit.
 
Man muss kein Fan­for­scher sein, um zu ver­stehen, dass Fried­rich mit diesem Satz nicht die Gele­gen­heits- und Event­fans auf den Haupt­tri­bünen meint, die zah­len­mäßig in den Sta­dien zwar in der Über­zahl sind, doch wenig zur bunten Fan­kultur und dem Stim­mungs­bild in den Kurven bei­tragen. Fried­rich spricht damit die Gruppen an, die seit Ende der neun­ziger Jahre als Ultras“ oder Hard­core-Fans“ bezeichnet werden. Jene Fans also, die in der ver­gan­genen Saison wie­der­holt am Pranger standen, weil sie angeb­lich für die Gewalt oder ille­gale Pyro­ak­tionen im Sta­dion ver­ant­wort­lich waren. Wobei das im medialen Flä­chen­brand das­selbe war. Etliche TV-Sender insze­nierten bei­nahe wöchent­lich ein Kriegs­sze­nario, in dem sie zwei Seiten gegen­ein­ander stellten: Hier die fried­li­chen Fans und die macht­losen Ver­eine, dort die Radau­brüder im Nebel­schleier.
 
Eine Folge dieser ten­den­ziösen Bericht­erstat­tung und der rigo­rosen Abschot­tungs­taktik des Ver­bandes war, dass sich auch inner­halb der mode­raten Fan­szenen laut­starker Wider­stand gegen die Ultras regte. Zum einen, weil den Ver­einen auf­grund von Pyro oder Aus­schrei­tungen – zurecht oder zu Unrecht steht hier nicht zur Frage – Geld­strafen und/​oder Geis­ter­spiele auf­er­legt wurden und somit der eigene Klub drohte, in Verruf zu geraten. Ande­rer­seits standen die Ultras mit einem Mal pau­schal für die gesamte Fan­szene der jewei­ligen Ver­eine. Die Wilde Horde“ in Köln war irgend­wann zum Syn­onym für die Anhän­ger­schaft des FC geworden und selbst der Platz­sturm in Düs­sel­dorf wurde in der Dis­kus­sion irgendwie mit Begriffen Ultra“, Pyro“ und Gewalt“ ver­mischt. Dabei waren die Ultras aus Block 42 nicht mal in der Nähe des Rasens.
 
Auch des­wegen wurde auf dem Sicher­heits­gipfel am Diens­tag­nach­mittag ein Ethik-Kodex ver­ab­schiedet. Gemäß diesem sind die Ver­eine ange­halten, noch härter gegen gewalt­tä­tige Fans vor­zu­gehen. Die Formel ist ein­fach: Mehr Fehl­tritte, mehr Repres­sionen. In Aus­nah­me­fällen dürfen zehn Jahre Sta­di­on­verbot ver­hängt werden. Das Wort Dialog“ erscheint dieser Tage wie ein Begriff aus einer anderen Epoche, und über allem schwebt jener Satz von Hans-Peter Fried­rich: Die Fans haben es selbst in der Hand, ob Steh­plätze ver­boten werden.

Ruhe in Frieden deut­scher Ver­eins­fuß­ball!“
 
Das Etap­pen­ziel dieser Mar­gi­na­li­sie­rung ist erreicht. Die Fans zeigen nun gegen­seitig mit Fin­gern auf sich. Der Tenor der mode­raten Anhänger, die eine Sip­pen­haft befürchten: Alles, weil ihr euch nicht benehmen könnt!“ Der Tenor der Ultras, die sich zuneh­mend in die Enge gedrängt fühlen: Alles, weil ihr die Ver­hält­nisse abnickt!“ Exem­pla­risch dafür kann eine kurze Dis­kus­sion stehen, die sich im Anschluss an einen Text der Rot-Schwarze Hilfe“ ent­sponnen hat. Die Fan-Initia­tive glaubt auch nach dem Sicher­heits­gipfel daran, dass die Abschaf­fung der Steh­plätze längst beschlossen“ ist. Ihr Text schließt mit dem Satz: Nun ist er also voll­bracht, der nächste Schritt weg von der Fuß­ball­kultur hin zum Kom­merz: Stim­mung raus, Event­pu­blikum rein! (…) Ruhe in Frieden deut­scher Ver­eins­fuß­ball!.“ Im Forum der Seite sta​di​on​welt​.de hat ein User mit dem Namen Jupp“ einen Kom­mentar zu dem Text hin­ter­lassen: Ach, ihr meint den Ver­eins­fuß­ball, den ihr mit eurem Ultra­ein­heits­brei und euren Pyro­ak­tionen schon lange zer­stört habt? IHR seid doch die Zer­störer!“