Demenz – das klingt zunächst einmal nach einem Thema, das sehr weit weg ist vom Fuß­ball­ge­schäft, in dem junge und fitte Sportler sich am Rande der Höchst­leis­tung messen. Demenz, das wird in erster Linie mit Ver­gess­lich­keit ver­bunden, eine Krank­heit, die bei alten und gebrech­li­chen Men­schen auf­tritt. Doch auch über­pro­por­tional viele Pro­fi­fuß­baller erkranken und sterben der­zeit an neu­ro­de­ge­ne­ra­tiven Erkran­kungen wie Demenz oder Par­kinson. So viele, dass der bri­ti­sche Inves­ti­gativ-Jour­na­list Nick Harris sogar die Worte Krise“ oder Epi­demie“ benutzt, wenn er über dieses Thema spricht. Eine Krise also, die aus­nahms­weise mal nichts mit den wirt­schaft­li­chen Bedin­gungen oder dem sport­li­chen Wett­be­werb im Fuß­ball zu tun hat, son­dern die Gesund­heit der Spieler selbst gefährdet. Harris hat sich dieser Pro­ble­matik ange­nommen.

Dass Fuß­baller oft an Demenz erkranken, ist nicht unbe­kannt – in Deutsch­land gehören Rudi Assauer oder Gerd Müller zu den berühm­testen Per­sonen, die daran litten. Nur wis­sen­schaft­lich fun­dierte Beweise dafür gibt es wenige: Eine Studie des schot­ti­schen Sport­me­di­zi­ners Willie Ste­wart etwa, die das Schicksal von 6700 Ex-Pro­fi­fuß­bal­lern in Groß­bri­tan­nien erforschte und zu dem Ergebnis kam, dass diese mit drei­ein­halb bis vier­ein­halb­fa­cher Wahr­schein­lich­keit an Demen­z­er­kran­kungen litten als die Bevöl­ke­rung im Durch­schnitt.

Fuß­baller mit Boxer-Syn­drom“

Mehr Licht ins Dunkel brachte der tra­gi­sche Tod von Jeff Astle, einem kopf­ball­starken Stürmer, der in den 60er- und 70er-Jahren für West Brom­wich Albion spielte und noch heute zu einem der besten Spieler zählt, die je für den Pre­mier-League-Klub am Ball waren. 2002 ver­starb Astle, früh­zeitig im Alter von nur 59 Jahren. Seine Familie ver­mu­tete, dass die Krank­heit etwas mit dem Fuß­ball zu tun haben könnte und ließ dessen Gehirn nach seinem Tod exami­nieren. Das Ergebnis: Astle litt bei seinem Tod an chro­ni­scher trau­ma­ti­scher Enze­pha­lo­pa­thie (CTE) – einer Krank­heit, die im Sport­be­reich auch als Boxer-Syn­drom“ bekannt ist. Aus­ge­löst wird sie durch regel­mä­ßige Gehirn­trau­mata. Er hatte keine Gehirn­er­schüt­te­rung, weil er wie­der­holt Schläge auf den Kopf bekam. Die ein­zigen wie­der­holten Schläge auf seinem Kopf waren täg­lich mit einem Fuß­ball“, erklärt Nick Harris. Zwar ist Jeff Astle damit bisher nur ein Ein­zel­fall, aber er ist der erste Fuß­ball­profi, der erwie­se­ner­maßen auf­grund der Aus­übung seines Sports an einer neu­ro­de­ge­ne­ra­tiven Erkran­kung starb. 

Neuen Schub bekam die Dis­kus­sion um Demen­z­er­kran­kungen bei Fuß­bal­lern in Eng­land schließ­lich Anfang November, als der Fuß­ball­welt­meister von 1966, Bobby Charlton, mit Demenz dia­gnos­ti­ziert wurde – genauso wie zuvor sein Bruder und Mit­spieler Jack, der schließ­lich auch im Juli 2020 an der Krank­heit ver­starb. Im Welt­meis­ter­team der Three Lions“ sind die Geschwister damit längst keine Ein­zel­fälle mehr, berichtet Nick Harris: Ins­ge­samt sind es fünf oder sechs Spieler aus dem Eng­land-Kader dieser WM, die an Demenz leiden oder sogar damit gestorben sind.“