Einen Tag später waren sie schon nicht mehr Thema. Bayern hatte in Mainz ver­loren, die Auf­tritte von Dort­mund und Glad­bach bestimmten die Gespräche. Wen inter­es­sierte da, dass der FC Augs­burg am 14. Spieltag seinen ersten Heim­sieg in der Bun­des­liga geschafft hatte? Sie haben sich im Süd­westen Bay­erns daran gewöhnt, unter dem Radar zu fliegen.

Kano­nen­futter, Freilos, Spar­rings­partner – so spotten geg­ne­ri­sche Fans über das Team von Jos Luhukay. Die Spieler heißen Daniel Brink­mann, Hajime Hosogai oder Paul Verhaegh und haben einen über­schau­baren Bekannt­heits­grad. Die Augs­burger sind die Cool Run­nings“ der Liga. Jamaika hat eine Bob­mann­schaft, Augs­burg eine Bun­des­li­ga­mann­schaft. Glaubt es oder nicht.

Wille schlägt Klasse


Am ver­gan­genen Wochen­ende haben sie den VfL Wolfs­burg mit 2:0 geschlagen und die Partie domi­niert. Felix Magath, Trainer des VfL, erklärte später: Es hat sich wieder gezeigt, dass die Mann­schaft das Spiel gewinnt, die mehr Willen hat.“ Diese Losung ist älter als Magath selbst. Doch es ver­an­schau­licht den Cha­rakter der Augs­burger Mann­schaft, die sich auch durch einen zu Unrecht ver­wehrten Elf­me­ter­pfiff nicht aus der Ruhe bringen ließ. Wolfs­burg beschäf­tigt Spieler wie Aliak­sandr Hleb, die sich für das Geld, das sie beim FCA bekämen, noch nicht einmal die Stutzen anziehen würden. Momentan trennen Wolfs­burg und Augs­burg gerade mal vier Punkte.

In der ver­gan­genen Bun­des­liga-Saison wech­selten die Ver­eine bei­nahe im Wochen­takt die Trainer. Trainer Jos Luhukay könne 34 Spiele ver­lieren, ohne ent­lassen zu werden. Das hatte Augs­burgs Prä­si­dent Walther Seinsch pro­kla­miert. In dieser Woche ver­län­gerte Tor­wart Simon Jent­zsch seinen Ver­trag – unab­hängig von der Liga. Die Gespräche sollen keine zwei Minuten gedauert haben.

Was bleibt von der Romantik?

Etwas über­ra­schend kamen dann die Mei­nungs­ver­schie­den­heiten über die Som­mer­trans­fers zwi­schen Seinsch und Manager Andreas Rettig in der ver­gan­genen Woche daher. Für viele Außen­ste­hende war es die Bestä­ti­gung, dass Augs­burg kein Biotop ist, das von den Mecha­nismen des Geschäfts unbe­rührt bleibt. Und auch der Klas­sen­er­halt ist trotz des Sieges gegen Wolfs­burg ein schwie­riges Unter­fangen. Die Mann­schaft prä­sen­tiert sich in vielen Situa­tionen noch zu naiv, den meisten Spie­lern fehlen Kon­stanz und Erfah­rung.

Doch im Fuß­ball, gerade im Abstiegs­kampf, kommt es manchmal auf mehr als die Qua­lität der Spieler an. Die Begeis­te­rung bei­spiels­weise – Augs­burgs Fans feiern jeden Punkt, sie sind wie frisch ver­liebt in die Erste Liga. Und: Es gibt keinen Druck. In der Rück­runde stellen viele Teams fest: Für uns beginnt jetzt der Abstiegs­kampf.“ Augs­burgs Manager Rettig wählte genau diese Worte, am Tag des Auf­stiegs in die Bun­des­liga.

Neues Modell: Deutsch­lands Top20

Es mag viel Romantik und Under­state­ment mit­spielen, zudem bleibt abzu­warten, ob die Augs­burger ihrer Linie treu bleiben. Doch dass im Panik­or­chester Bun­des­liga Ensem­bles wie Augs­burg und auch der SC Frei­burg mit­spielen und dass sie nun auch Punkte ein­fahren, kann der Liga nur gut tun. Beide Ver­eine zeigen, dass man auf dem Altar der Bun­des­li­ga­zu­ge­hö­rig­keit nicht alle lang­fris­tigen Modelle opfern muss. Andreas Rettig spricht davon, dass man sich in den Top20“ der Liga behaupten wolle, hieße Bun­des­liga + Auf­stiegs­ränge der Liga Zwei.

Wo früher Ver­eine um jeden Preis in der Bun­des­liga spielen wollten, dafür heu­erten und feu­erten, bevor sie sich über­nahmen und abstürzten, scheint nun ein Ansatz zur Nach­hal­tig­keit Einzug gehalten zu haben. Viel­leicht ver­liert das Abstiegs­ge­spenst bald seinen Schre­cken, viel­leicht wird der Gang in die Zweite Liga nicht mehr zum finan­zi­ellen Super-GAU und viel­leicht nehmen die Trai­ner­ent­las­sungen bald ein gere­geltes Maß an. Es ist ein weiter Weg.

Und wenn alles schief läuft, kann man immer noch eine Bob­mann­schaft gründen.