Kürz­lich schon hatten sich Patrice Evra und Luiz Suarez ver­söhn­lich gezeigt. Beim Spiel Man­chester United gegen den FC Liver­pool reichten sie sich die Hand. Am Sonntag, vor der Partie Chelsea gegen Man­United, schüt­telte auch Rio Fer­di­nand die Hand von Terry-Kumpel Ashley Cole, wäh­rend John Terry auf der Tri­büne seine Sperre absaß. Es sah aus wie ein Neu­an­fang. So, als wollten die Prot­ago­nisten end­lich einen Schluss­strich unter die Affäre ziehen, die die Pre­mier League über ein Jahr in Atem gehalten hatte.

Wie ein insze­nierter Streit

Zur Erin­ne­rung: Luiz Suarez hatte im Oktober 2011 Patrice Evra belei­digt, wenig später wurden John Terrys ras­sis­ti­sche Ent­glei­sungen gegen­über Anton Fer­di­nand publik. Es folgten: Trainer-Ent­las­sungen, Gerichts­ver­hand­lungen, ver­passte Ver­söh­nungen, Twitter-Kämpfe und eine Litanei von Behaup­tungen und Gegen­be­haup­tungen. Es gab Zeiten, da wirkte all das mehr wie ein großer insze­nierter Streit als eine echte und authen­ti­sche Debatte. Manchmal hatte man gar das Gefühl, die Spieler glaubten, die Debatte würde das Schicksal derer ver­bes­sern, die jedes Wochen­ende mit Dis­kri­mi­nie­rungen zu kämpfen haben.

Als der Schieds­richter die Partie zwi­schen dem FC Chelsea und Man­chester United am Sonn­tag­abend anpfiff, war das end­lich vorbei: Zeit für Fuß­ball. Zeit für das beste Spiel, das die Pre­mier League zu bieten hat. Der FC Chelsea und Man­chester United haben sich sieben der letzten acht Meis­ter­schaften geteilt. Für eine auf­ge­heizte Stim­mung war also gesorgt.

Zwei Platz­ver­weise und ein Abseitstor

Das Spiel explo­dierte förm­lich. David Luiz und Robin van Persie brachten United nach zwölf Minuten mit 2:0 in Füh­rung. Chelsea kam aller­dings phä­no­menal zurück und glich in der 53. Minute durch Ramires zum 2:2 aus. Doch weder tak­ti­sche Kniffe noch eine spie­le­ri­sche Finesse ent­schieden das Spiel – es war Schieds­richter Mark Clat­ten­burg. In der 63. Minute stellte der Unpar­tei­ische Chel­seas Ver­tei­diger Bra­nislav Iva­novic nach einer Not­bremse gegen Ashley Young vom Platz. Über die Rote Karte gab es keine Dis­kus­sion.

Das Unheil begann wenige Minuten später. Zunächst lief Fer­nando Torres auf das geg­ne­ri­sche Tor zu. Kurz vor dem Straf­raum wurde er von Johnny Evans zu Fall gebracht. Clat­ten­burg zog eine Gelbe Karte – jedoch nicht für Evans, wie die Zuschauer annehmen konnten, son­dern für Torres, der angeb­lich eine Schwalbe fabri­ziert hatte. Es war seine zweite Gelbe Karte. Beson­ders ärger­lich: Torres sollte kurz vor dieser Szene aus­ge­wech­selt werden, doch Clat­ten­burg hatte die Signale von der Sei­ten­linie igno­riert und Man­United einen schnellen Ein­wurf aus­führen lassen.

Mit neun Spie­lern waren wei­tere Gegen­tore eigent­lich nur eine Frage der Zeit. Doch es fiel nur noch eines: Das von Javier Her­nandez zum 2:3 in der 75. Minute aus klarer Abseits­po­si­tion.

Clat­ten­burg war ver­mut­lich nicht erstaunt, als ihn eine Dele­ga­tion von Chelsea-Funk­tio­nären nach der Partie zur Rede stellen wollte. Er war aber ziem­lich sicher geschockt über das, was pas­sierte, nachdem er das Sta­dion ver­lassen hatte.

Clat­ten­burg soll Mata spa­nish twat“ genannt haben

Chelsea reichte näm­lich eine offi­zi­elle Beschwerde bei der FA ein, in der behauptet wird, dass Clat­ten­burg eine unan­ge­mes­sene Sprache“ gegen­über einigen Chelsea-Spie­lern gebraucht habe. Kon­kret: Clat­ten­burg soll Jon Obi Mikel und Juan Mata ras­sis­tisch belei­digt haben. Er habe etwa Mata spa­nish twat“ genannt, das heißt so viel wie spa­ni­sche Fotze“.

Wenn diese Vor­würfe der Wahr­heit ent­spre­chen, muss Clat­ten­burg hart bestraft werden. Wie die zwei Fälle des letzten Jahres beweisen haben, ist Ras­sismus immer noch ein Pro­blem und es sollte keine Tole­ranz gegen­über den­je­nigen geben, die sich auf dem Fuß­ball­platz dis­kri­mi­nie­rend äußern.

Was in dieser Dis­kus­sion um jeden Preis ver­mieden werden sollte, ist eine Anti-Ras­sismus-Müdig­keit. Man darf nicht in Hys­terie abgleiten und eine Kon­tro­verse nur um der Kon­tro­verse Willen führen. Denn dann hätte man eine Dis­kus­sion ad nau­seam, eine Dis­kus­sion, um Zei­tungen zu ver­kaufen, um Twitter-Pro­file zu pimpen, um Gegner, Rivalen oder unpo­pu­läre Schieds­richter öffent­lich zu dis­kre­di­tieren. Der Kampf gegen Ras­sismus ist zu wichtig, um tri­via­li­siert zu werden oder als Ablen­kungs­ma­növer Gebrauch zu finden. Doch genau diese Gefahr laufen die Dis­ku­tanten nun.

Welche Wahr­heit am Ende dieser Geschichte auch steht, eines ist sicher: Wir werden viel über den Status des eng­li­schen Fuß­balls erfahren. Wenn Clat­ten­burg sich wirk­lich ras­sis­tisch geäu­ßert hat, hat er neues Öl in das Ras­sismus-Feuer gegossen, er hat mit ein paar Pfiffen und Aus­sagen sehr viel kaputt gemacht. Und zwar nicht nur den Wunsch nach mehr Respekt für die Schieds­richter. Seine Kar­riere wird ver­mut­lich vorbei sein. Zumin­dest wird es sehr lange dauern, bis Clat­ten­brug wieder ein Spiel pfeifen darf.

Die Ras­sismus-Debatte als Deck­mantel?

Was aber, wenn alles erstunken und erlogen ist? Was werden wir dann über den FC Chelsea lernen? Ist es mög­lich, dass ein Fuß­ball­klub, der gerade ein wich­tiges Spiel ver­loren hat, eine der wich­tigsten Debatten des ver­gan­genen Jahres als Deck­mantel benutzt und damit viel­leicht die Kar­riere eines Sport­lers beendet?

Tom Hen­ning Ovrebo, der 2009 das Cham­pions-League-Halb­fi­nale Chelsea gegen Bar­ce­lona lei­tete, wurde von Chelsea-Spie­lern als ver­dammte Schande“ und Dieb“ beti­telt. Dieses unver­ant­wort­liche Ver­halten schürte eine hit­zige Situa­tion im Chelsea-Anhang und ermu­tigte Fans, ihm bis heute Todes­dro­hungen zu schi­cken. Man sollte also jetzt die teuren Neu­ein­käufe und den neuen Stil an der Stam­ford Bridge ver­gessen: Die Clat­ten­burg-Affäre wird zeigen, ob Chelsea sich seit 2009 geän­dert hat.