Es war der Moment, als die Last uner­mess­lich zu werden drohte. Als wäre die Nie­der­lage bereits besie­gelt, saß Michel Pla­tini in einer Ecke der Mann­schafts­ka­bine. Die Kapi­täns­binde der fran­zö­si­schen Natio­nalelf hatte er neben sich gelegt, als wollte er mit dem Ablegen der Binde den Druck von sich nehmen. Wie kleine Kinder waren die Fran­zosen in der ersten Hälfte des großen Finales vor­ge­führt worden. Das Orchestre bleu“, wie die hei­mi­sche Presse das Team bereits vor dem End­spiel bewun­dernd genannt hatte, war mit Pfiffen in die Halb­zeit geschickt worden. Es war ein schreck­li­ches Gefühl“, erin­nerte sich Pla­tini später. Wir dachten, wir schaffen es nicht.“

Wie keine Mann­schaft zuvor hatten die Spa­nier dem großen EM-Favo­riten im Prin­zen­park zu Paris 45 Minuten lang die Grenzen auf­ge­zeigt. José Antonio Camacho hatte den großen Pla­tini neu­tra­li­siert und damit die bril­lante fran­zö­si­sche Mit­tel­feld­achse weit­ge­hend außer Gefecht gesetzt. Nicht anders war es näm­lich Alain Giresse ergangen, der von Juan Antonio Señor in den spie­le­ri­schen Wür­ge­griff genommen wurde. Dagegen hatte sich Außen­seiter Spa­nien beste Chancen erspielt. Frank­reichs Ver­tei­diger Patrick Bat­tiston hatte nach einer halben Stunde in höchster Not den Ball von der Linie geköpft. Sekunden vor dem Halb­zeit­pfiff schien der Rück­stand besie­gelt, doch konnte Yvon Le Roux den bereits ent­eilten Fran­cisco José Carr­asco so eben stoppen.

Die EM muss zu einem großen Erfolg werden“

Die Kra­watte gelöst, das Hemd leicht aus dem Hosen­bund hän­gend, war Trainer Michel Hidalgo mit seiner Mann­schaft erschöpft in die Kabine gewan­dert. Für diesen großen Abend hatte er sich extra edelsten Zwirn aus Pariser Bou­ti­quen kommen lassen. Nun jedoch sah er alles andere als ele­gant aus. Der große Erfolg schien plötz­lich so weit ent­fernt wie Frank­reich von Alaska. Würde er, der große Psy­cho­loge, es schaffen, sein Team wieder auf­zu­bauen? Hidalgo wusste es nicht.

Eine Nie­der­lage im großen Finale, das war den Spieler und ihrem Trainer in der Kabine klar, würde ihnen von den Fans und der Presse nicht ver­ziehen werden. Zu viel stand auf dem Spiel. Immerhin hatte Frank­reich gewal­tige orga­ni­sa­to­ri­sche Anstren­gungen für den Titel­ge­winn im eigenen Land unter­nommen. Für heute umge­rechnet 68 Mil­lionen Euro waren die sieben Sta­dien in Paris, Lens, Lyon, Nantes, St. Eti­enne, Straß­burg und Mar­seille moder­ni­siert worden. Ein Auf­wand, für den Fer­nand Sastre, der Prä­si­dent des fran­zö­si­schen Fuß­ball­ver­bandes, einen hohen Preis ein­for­derte. Unmiss­ver­ständ­lich machte er bereits vor dem Tur­nier klar: Die Euro­pa­meis­ter­schaft 1984 muss zu einem großen Erfolg werden. Nicht nur orga­ni­sa­to­risch, auch sport­lich.“

Ein Schmelz­tiegel der Fuß­ball­kul­turen

Mit einem Tri­umph im eigenen Land wollte man sich end­lich bei den großen Fuß­ball­na­tionen ein­reihen. Spär­lich waren die Erfolge bei den ver­gan­genen Welt­tur­nieren gewesen: ein dritter Platz bei der WM 1958 in Schweden, ein vierter Rang 1982 in Spa­nien. Noch schlimmer die EM-Bilanz: Nur 1968 hatten die Fran­zosen die Grup­pen­spiele über­standen, sonst waren sie immer vor­zeitig geschei­tert. Jetzt aber standen sie end­lich im Finale, und das alles andere als unver­dient.

Hidalgo hatte die Worte des Prä­si­denten ernst genommen. Unmit­telbar nach der fran­zö­si­schen Meis­ter­schaft hatte er seinen Kader zusam­men­ge­zogen und die Abge­schie­den­heit der Pyre­näen gesucht. In einem idyl­li­schen kleinen Ort ver­rich­tete man die kör­per­liche Basis­ar­beit. Höhen­trai­ning für den Gip­fel­sturm, so lau­tete das Motto in Font Romeu. Und tat­säch­lich schien die Rech­nung auf­zu­gehen. Wahren Cham­pa­gner-Fuß­ball spielten die Fran­zosen in der Grup­pen­phase, tech­nisch bril­lant, und gewannen ihre Spiele gegen Däne­mark, Bel­gien und Jugo­sla­wien nahezu mühelos. Alles schien der Équipe Tri­co­lore“ zu gelingen: schnelle Rhyth­mus­wechsel, raum­grei­fende Konter. Ein Mit­tel­feld wie aus einem Guss domi­nierte die Gegner scheinbar nach Belieben. Die Presse jubelte: Offen­siv­fuß­ball vom Feinsten“, Europas Bra­si­lianer“, Pla­ti­nis­simo“. Wie ein Schmelz­tiegel der Fuß­ball­kul­turen spielten der dun­kel­häu­tige Jean Tigana, der Hüne Ber­nard Genghini und der kleine Alain Giresse. Hinzu kam die Genia­lität des Kapi­täns Michel Pla­tini, des Stars von Juventus Turin.

Ernst­hafte Pro­bleme hatte das Star­ensemble nur im Halb­fi­nale gegen Por­tugal, doch in der Ver­län­ge­rung, nach 119 Minuten, gelang Pla­tini das Tor zum 3:2. Denkt an Font Romeu! Denkt an Frank­reich!“ Der Titel schien mit dem Halbfi nal­sieg bereits gewonnen, Spa­nien gar ein unwür­diger Gegner für das End­spiel. Berauscht und sie­ges­ge­wiss prä­sen­tierte sich die hei­mi­sche Presse. Paris Soir“ schrieb: Die Pla­tini-Bande ist klarer Favorit.“ La Mar­seil­laise“ sah bereits ein neues Zeit­alter anbre­chen: Eine neue Dimen­sion des Fuß­balls ist erreicht. Frank­reich domi­niert Europa.“ Und der Figaro“ pro­gnos­ti­zierte am Finaltag: Der größte Tag in der Geschichte des fran­zö­si­schen Fuß­balls ist ange­bro­chen.“

Die weißen Süd­ame­ri­kaner

Doch dann waren sie an ihrem großen Tag vor­ge­führt worden und die Spa­nier schienen ihnen den sicher geglaubten Titel noch zu ent­reißen. Denkt an Font Romeu! Denkt an Frank­reich! Denkt an den Sieg!“ Es waren schlichte Worte, die Hidalgo in der Halb­zeit wählte. Und es waren die rich­tigen. Nur eine Halb­zeit benö­tigte die fran­zö­si­sche Aus­wahl, um zu einer Jahr­hun­dertelf zu werden. Wie ver­wan­delt kam sie aus der Kabine. Das Mit­tel­feld wir­belte, Angriff und Ver­tei­di­gung gingen nahtlos inein­ander über. Die Erlö­sung nach 57 Minuten: Frei­stoß Pla­tini, ein Direkt­schuss, kunst­voll um die Mauer gezogen. Spa­niens Tor­hüter patzt, der Ball landet im Tor. Die Ent­schei­dung ist dies noch nicht, doch die Angriffs­be­mü­hungen der Spa­nier schei­tern ein ums andere Mal.

Sekunden vor dem Abpfiff dann die Ent­schei­dung: Pla­tini bindet Camacho, Tigana passt auf Bruno Bel­lone. Ein Heber, 2:0. Die Fran­zosen, die weißen Süd­ame­ri­kaner, sind Euro­pa­meister. Eine Vier­tel­stunde später streckt Michel Pla­tini den Pokal in den Pariser Himmel. Die Kapi­täns­binde trägt er stolz an seinem linken Oberarm.