Die Bundesliga-Uhr des HSV hört auf zu ticken

Zu spät!

Die berühmte Stadionuhr des HSV zeigte jahrelang die sekundengenaue Bundesligazugehörigkeit des Vereins an. Nun wird abmontiert. Endlich.

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Als der HSV vor einem Jahr aus der Bundesliga abgestiegen war, sagte Huub Stevens in der »Welt«: »Dass die Uhr endlich weg ist, ist das einzig Positive!«

Schon während seiner Zeit als HSV-Trainer, Saison 2007/08, hätte sie ihn erheblich gestört. »Es war ein großer Druck gewesen. Die Uhr hat immer getickt. Jeder hat dahin geguckt und darüber geredet. Endlich ist sie weg.«

Das zumindest nahmen er und vermutlich auch die meisten Fans an.

Aber sie hatten ihre Rechnung ohne den HSV gemacht, diesem trägsten Tier und rückwärtsgewandtesten Verein im deutschen Profifußball. Denn wenn im Volkspark schon der Trainer alle paar Monate wechselt, soll sonst am besten alles so bleiben, wie es immer war.

So durfte das Maskottchen, ein Dinosaurier, auch in der Zweitligasaison 2018/19 über den Rasen tapsen. Angeblich der Kinder zuliebe. Vereinsbarde Lotto King Karl sang vor den Spielen immer noch von Auswärtsfahrten nach Rom oder Turin und Heimsiegen gegen Werder Bremen. Und auch die berühmte Stadionuhr hing weiterhin, wie ein alter pointenloser Gag, am Rande der Nordtribüne. Immerhin rang man sich dazu durch, nicht mehr die sekundengenaue Bundesligazugehörigkeit der Hanseaten seit dem 24. August 1963 anzuzeigen, sondern die Zeit seit Vereinsgründung am 29. September 1887. »Tradition seit« statt «In der Bundesliga seit« stand nun über den Digitalziffern.

Trotzdem war die Uhr deplatziert. Seit Jahren schon. Sie war ein Symbol aus der Vergangenheit, eine Nachricht von gestern und auch ein Menetekel.

2001 hatte ein Sponsor dem HSV diese Uhr spendiert. Es waren die Jahre, als der Verein in der Champions League spielte, als er ein 4:4 gegen Juventus Turin erkämpfte. Auswärts besiegte der HSV das italienische Star-Ensemble sogar mit 3:1. Zwischen 2002 und 2011 schloss er eine Saison nie schlechter als Platz acht ab. Zweimal erreichte die Mannschaft ein Europapokal-Halbfinale, einmal spielte sie ernsthaft um die Meisterschaft mit. Damals verkündete der HSV in seiner stets unbescheidenen Art, dass er bald zu den Top Ten Europas zählen wird.

Eine Art Alleinstellungsmerkmal

Es war auch die Zeit, in der die immergleichen modernen Multiplexarenen aus dem Boden schossen, die sich im Grunde nur in ihrer Größe unterschieden. Der HSV installierte die Uhr als besonderes Gimmick, ein Accessoire, eine Art Alleinstellungsmerkmal. Vielleicht stellte man sich vor, dass daraus etwas Großes erwachsen würde. Dass Fans aus aller Welt davon berichteten – der Volkspark, das Stadion mit dieser mysteriösen und geschichtsträchtigen Uhr, fast so wie das ehrwürdige »This-is-Anfield«-Schild im Spielertunnel des Liverpooler Stadions, auf das die Spieler beim Einlaufen schlagen, während im Hintergrund »You'll never walk alone« ertönt. Vielleicht glaubte man auch, dass man mit dieser Uhr Gegner einschüchtern oder die eigenen Spieler motivieren könnte. Der einzige Verein, der ununterbrochen in der Bundesliga spielte. Wenn es sonst nichts zu feiern gab, dann doch wenigstens das.

Aber wer von der »Generation Playstation« (Nullerjahre) und der »Generation Blingbling« (Zehnerjahre) konnte sich für so etwas begeistern? Wer kannte überhaupt einen HSV-Bundesligapionier außer Uwe Seeler?

Woche für Woche betrat der HSV dieses selbst geschaffene Museum, und bleiern und schwer hing die Uhr oben in der Ecke. Big Clock is watching you.


Die Zeit ist abgelaufen. Gladbach-Fans präsentieren am 34. Spieltag der Saison 2017/18 eine neue Uhr. (Bild: Imago)

Dabei hätte es oft die Chance gegeben, dieses Ding einfach abzubauen.

Vor sieben Jahren etwa. Der HSV hatte zuvor eine grauenhafte Saison gespielt, das Team entging nur knapp dem Abstieg. Am 13. November 2012 hatte die Uhr genug gesehen, sie schaltete sich selbst ab. Stadionchef Kurt Krägel war ratlos: »Wir haben das System mehrfach neu gestartet. Aber es hat nicht geholfen. Die Anzeige der Uhr ist dunkel.« Die Uhr konnte nicht repariert werden, denn sie war eine Einzelanfertigung – es gab es keine Ersatzteile.

»Endlich!«, jubelten die einen. »Auf in die Zukunft!« Aber so läuft das nicht beim HSV. Denn die Traditionswächter und Uhrensöhne hatten den Bundesligazugehörigkeitsanzeiger zum Kultobjekt erkoren. Was sonderbar war, denn sonst stand man im Volkspark dieser Sache namens »Kult« oft skeptisch gegenüber (vgl. Kultklub vom Kiez). In einer Umfrage sprachen sich aber 60 Prozent der Fans für den Erhalt der Uhr aus. Der HSV ließ also eine neue herstellen und berappte dafür 30.000 Euro.

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