Seite 4: Neuer Verein - selbes Spiel

Als 1992 die beiden Teams von Roter Stern und Par­tizan im Mara­kana zum soge­nannten Ewigen Derby“ auf­ein­an­der­treffen, nutzt Arkan die große Bühne für eine makabre Insze­nie­rung. Denn mögen die Anhänger der Stadt­ri­valen auch erbit­terte Feinde gewesen sein, nun ver­eint der groß­ser­bi­sche Furor die Fans. Auf den Rängen mischen sich Frei­schärler unter die Fans und recken große Pla­kate in die Luft, auf denen Stra­ßen­schilder zu sehen sind. 20 Kilo­meter bis Vukovar“, ver­meldet das erste Plakat, 10 Kilo­meter bis Vukovar“ das zweite, ein drittes Plakat schließ­lich zeigt den Gruß: Will­kommen in Vukovar.“

Es ist die zyni­sche Remi­nis­zenz an das Mas­saker auf der Schwei­ne­farm, aber auch ein Vor­bote all der Grau­sam­keiten, zu denen Arkan noch imstande sein wird. Stets im Namen des ser­bi­schen Natio­na­lismus, aber nie ohne das Beste her­aus­zu­schlagen, für sich und bis­weilen auch für seine Pro­tegés. So hält er in den frühen Neun­zi­gern seine schüt­zende Hand über den jungen Bel­grader Mit­tel­feld­spieler Sinisa Miha­jl­ovic, dessen Vater zwar Serbe, die Mutter aber Kroatin ist. Ich lernte Arkan durch den Fuß­ball kennen. Für eine kurze Zeit haben wir viel Zeit mit­ein­ander ver­bracht“, sagt Miha­jl­ovic später. Die Nähe zum Mili­zen­führer erweist sich als gute Über­le­bens­stra­tegie. Als Arkans Milizen Vukovar durch­kämmen, um nichts­er­bi­sche Bewohner zu depor­tieren und zu erschießen, orga­ni­siert Arkan rasch eine Pas­sage aus der bela­gerten Stadt nach Bel­grad, zunächst für die Eltern, später auch für Miha­jl­o­vics Onkel, einen Offi­zier der kroa­ti­schen Armee, der den Milizen in die Hände fällt und nur knapp seiner Erschie­ßung ent­geht, wegen Arkans Inter­ven­tion.

Neuer Verein – selbes Spiel

Wer keine Bezie­hungen in die Waag­schale werfen kann, dem droht ein schreck­li­ches Schicksal. Als 1997 der Inter­na­tio­nale Straf­ge­richtshof für das ehe­ma­lige Jugo­sla­wien in Den Haag Anklage gegen Arkan und seine Kom­plizen erhebt, da listet die Ankla­ge­schrift zahl­lose Ver­bre­chen auf. Unzäh­lige Zeugen berichten von den Mas­sa­kern und eth­ni­schen Säu­be­rungen, von Greu­el­taten und Kriegs­ver­bre­chen.

Zu diesem Zeit­punkt sind Arkan und auch viele seiner Männer schon wieder ins zivile Leben zurück­ge­kehrt. Seine Ver­gan­gen­heit als War­lord ver­sperrt ihm den Weg zurück in die Füh­rungs­spitze von Roter Stern, also erwirbt Arkan den Bel­grader Pro­vinz­klub FK Obilic, benannt nach dem ser­bi­schen Natio­nal­helden Milos Obilic, der 1389 in der Schlacht auf dem Amsel­feld den osma­ni­schen Sultan Murad getötet haben soll. Bei seinem neuen Klub gelten für Arkan die alten Regeln. Schieds­richter werden ein­ge­schüch­tert und geg­ne­ri­sche Spieler gezwungen, sich für die Aus­wärts­spiele bei Obilic ver­letzt abzu­melden. Bewaff­nete Männer seiner Tiger­miliz patrouil­lieren in Sicht­weite der Gäs­te­teams, und Arkan selbst pflegt in der Halb­zeit in deren Kabine vor­bei­zu­schauen und wüste Dro­hungen aus­zu­stoßen. Mit Erfolg, Obilic wird 1998 als Auf­steiger jugo­sla­wi­scher Meister. Im Januar 2000 trinkt Arkan im Hotel Inter­con­ti­nental in Bel­grad Kaffee mit einigen Gefährten, als er plötz­lich beschossen wird. 38 Kugeln treffen seinen Körper. Es heißt, er habe seine Mörder zuvor noch begrüßt. Eine Abrech­nung in der Unter­welt? Ein Auf­trags­mord der eifer­süch­tigen Ehe­frau? Heute gilt es als wahr­schein­lich, dass sich Arkan dis­kret dem Gerichtshof in Den Haag als Kron­zeuge gegen Milo­sevic ange­dient und der Geheim­dienst seinen Ex-Mit­ar­beiter dar­aufhin exe­ku­tiert hat. Eine Aus­sage in den Nie­der­landen hätte nicht nur den ehe­ma­ligen Staats­chef kom­pro­mit­tiert, dafür hat Arkan schlicht zu viel gewusst.

Und so endet in der Lobby des Hotels Inter­con­ti­nental nicht nur das Leben eines Mas­sen­mör­ders, son­dern auch die blu­tige Geschichte der Bel­grader Hoo­li­gans, die zu Mör­dern wurden. Eine Geschichte, die 21 Jahre zuvor begann, an einem ei­­si­gen Abend im Mara­kana.