Seite 3: Tausende Zivilisten wurden getötet

Arkan wählt beson­ders ent­schlos­sene und fana­ti­sche Anhänger aus und mischt sie mit Bekannten und Aben­teu­rern aus dem kri­mi­nellen Bel­grader Milieu. Wer ihm früher bei Schutz­geld­erpres­sungen geholfen hat, wird nun unter Hoch­druck an mili­tärischen Waffen aus­ge­bildet. Im Dril­lich mar­schieren sie durch Wälder, robben unter Sta­chel­draht und absol­vieren Schieß­übungen. Viele wollen dabei sein, 10 000 Männer werden ins­ge­samt aus­ge­bildet, der harte Kern umfasst jedoch nur 150 bis 200 Kämpfer. Denn die Zeit drängt: Die regu­läre ser­bi­sche Armee braucht Milizen, die ihr den Rücken frei­halten und das erle­digen, was im ver­kom­menen Milieu der Frei­schärler die Drecks­ar­beit“ genannt wird. Es geht in den Erb­fol­ge­kriegen um die Ver­trei­bung und Ermor­dung von Mus­limen, Kroaten und Alba­nern aus den umkämpften Gebieten, zunächst in Kroa­tien, dann in Bos­nien.

Die Tiger-Milizen ziehen eine blu­tige Spur durch die Auf­marsch­ge­biete des Mili­tärs. Arkans Truppe betei­ligt sich an einem Mas­saker an 300 Pati­enten eines kroa­ti­schen Kran­ken­hauses, die am 20. November 1991 auf einer ehe­ma­ligen Schwei­ne­farm nahe der kroa­ti­schen Stadt Vukovar erschossen und in ein Mas­sen­grab geworfen werden. Im April 1992 atta­ckieren sie die Bevöl­ke­rung von Bijel­jina im Nord­osten Bos­niens, über 1000 Men­schen sterben, die nicht-ser­bi­sche Bevöl­ke­rung wird gewaltsam ver­trieben. Die Ein­nahme der Stadt gilt als Auf­takt der eth­ni­schen Säu­be­rungen in Bos­nien und Her­ze­go­wina. Die Grau­sam­keit der Bel­grader Hoo­li­gans wird publik, weil der ame­ri­ka­ni­sche Foto­graf Ron Haviv mit seiner Kamera doku­men­tiert, wie ein Mann aus einer Moschee auf die Straße gezerrt und erschossen wird, anschlie­ßend auch seine Frau, die ihm zu Hilfe eilen will. Und ein Junge, dem in den Rücken geschossen wird, als er vor den Milizen flüchtet. Haviv, der von Arkan geduldet wird, ver­steckt die Film­rolle in seinem Gepäck, später gehen die Bilder um die Welt und zeigen die Frei­schärler als bar­ba­ri­sche Ver­bre­cher, die kurz darauf auch in Zvornik ein­fallen. Auch hier werden die bos­ni­schen Ein­-wohner ver­trieben, ihre Häuser geplün­dert, zahl­­reiche Flücht­linge erschossen. Noch viele Jahre später werden rund um die Stadt Massen­gräber ent­deckt.

Aus Hoo­li­gans wurden Mörder

Wie werden die Hoo­li­gans zu Mör­dern? Der ser­bi­sche Eth­no­loge Ivan Colovic beschreibt die Trans­for­ma­tion der gewalt­tä­tigen Fans in gewis­sen­lose Milizen als Folge der pau­sen­losen ideo­lo­gi­schen Indok­tri­na­tion. Vor dem Krieg sind die Bel­grader Schläger nur eine beson­ders bru­tale Spielart des inter­na­tio­nalen Hoo­li­ga­nismus. Die auf­ge­heizte natio­na­lis­ti­sche Stim­mung, die Per­spek­tiv­lo­sig­keit vieler Hoo­li­gans und die För­de­rung der Milizen durch den ser­bi­schen Staat ent­falten nun jedoch eine immense Über­zeu­gungs­kraft. Arkan habe gezielt die Aggres­sionen der Hoo­li­gans von den fuß­bal­le­ri­schen Kon­tra­henten auf die Gegner in den Kriegen umge­lenkt, sagt Colovic. Anders als in regu­lären mili­tä­ri­schen Ver­bänden, deren Wer­te­kosmos oft durch lang­jäh­rige Tra­di­tionen, straffe Dis­zi­plin und mili­tä­ri­sches Eli­te­denken geprägt sind, ori­en­tieren sich die Frei­schärler an den Kom­mandos und Vor­gaben ihrer direkten Trup­pen­führer. Dass Arkan die Tötung von Zivi­listen für selbst­ver­ständ­lich hält und ver­las­sene Städte plün­dert, ver­fehlt seine Wir­kung auf die Hoo­li­gans nicht, die dem Anführer mit oft unter­wür­figem Gehorsam begegnen. Belohnt werden sie für Folg­sam­keit und beson­dere Bru­ta­lität mit Medaillen, Orden und Beu­tegut. Was dazu führt, dass viele der frü­heren Mit­glieder der Miliz noch heute von ihrem Anführer schwärmen. Ranko Momic, ein Frei­schärler unter Atkans Kom­mando, rühmt nach dem Krieg wort­reich die Inte­grität und Beschei­den­heit Arkans.

Dabei prahlt der gera­dezu mit den Greu­el­taten seiner Milizen. Wäh­rend seine Männer Zivi­listen töten, läuft oft­mals eine Video­ka­mera. Er macht sich einen Spaß daraus, gefan­gene bos­ni­sche Sol­daten vor­zu­führen. Auf den ver­öf­fent­lichten Bän­dern wech­seln bru­tale Kampf­szenen mit Bil­dern von kame­rad­schaft­li­chen Lagern im kroa­ti­schen und bos­ni­schen Hin­ter­land. Frei­schärler, die sich die Zähne putzen und scherzen, dann wieder leb­lose Körper am Stra­ßen­rand. Ein ver­stö­render Mix aus Alltag und Horror, der Angst und Schre­cken ver­breiten und den Ruhm Arkans in der ser­bi­schen Heimat mehren soll.