So beginnen legen­däre Momente. Ein Tor­hüter ver­lässt sein Tor, sprintet über die gesamte Länge des Platzes und wirft sich in Erwar­tung eines Eck­balls oder Frei­stoßes der eigenen Mann­schaft ins Getümmel vor dem geg­ne­ri­schen Kasten. Er will eine Über­zahl­si­tua­tion schaffen, die geg­ne­ri­schen Abwehr­spieler, von denen ihm nie­mand zuge­ordnet ist, irri­tieren. Er will seinen ganzen Sie­ges­willen demons­trieren und – je nach Situa­tion – die Laut­stärke des Sta­dions auf ihr Maximum erhöhen oder die Zuschauer vor Angst ver­stummen lassen. Er gibt das Signal: Wir haben unsere letzte Chance und wir werden sie nutzen.

Die Rah­men­be­din­gungen sol­cher Situa­tionen ähneln sich. Das Spiel befindet sich in den aller­letzten Zügen. Einer der Mann­schaften fehlt nur ein ein­ziges ent­schei­dendes Tor. Die füh­rende Mann­schaft hat ihre Sou­ve­rä­nität ver­loren, wäh­rend der Gegner mit dem Mute der Ver­zweif­lung alles nach vorne wirft. Gestoppt wird die Angriffsla­wine nur noch not­dürftig mit blinden Befrei­ungs­schlägen oder Fouls. Es kommt zu einer letzten Stan­dard­si­tua­tion. So beginnen legen­däre Momente.

Oliver Kahn eilt nach vorne. Mit diesem irren, ste­chenden Blick.

Ros­tock, im Früh­jahr 2001. Tabel­len­führer Bayern Mün­chen gas­tiert bei den Han­seaten, die wie immer im Abstiegs­kampf ste­cken. Für die Münchner gilt es die Heim­nie­der­lage aus der Hin­serie ver­gessen zu machen und die hart­nä­ckigen Ver­folger aus Dort­mund, Schalke und Lever­kusen end­lich abzu­schüt­teln. Doch erneut läuft das Spiel nicht nach Plan. Das erste Gegentor kas­siert Oliver Kahn nach einer knappen halben Stunde. Wenige Sekunden vor Ablauf der regu­lären Spiel­zeit steht es 3:2 für Hansa.

Das Ost­see­sta­dion befindet sich Mitten in der Umbau­phase. Auf drei Seiten lärmen die Fans lauter als es den als kühl ver­schrieenen Nord­deut­schen zuzu­trauen ist. So, wie man Oliver Kahn kennt, setzt diese Stim­mung beson­dere Ener­gien bei ihm frei. Aus einem beson­ders ehr­gei­zigen Spieler wird dann der Spieler, mit dem ver­rückten, ste­chenden Blick, vor dem sich Gegner und Mit­spieler glei­cher­maßen fürchten.

Bereits in der ersten Halb­zeit schlägt er erzürnt einen Ball weg und ver­fehlt einen Ball­jungen nur knapp. Schieds­richter Markus Merk zeigt ihm dar­aufhin die Gelbe Karte. Doch der Titan ist nicht mehr zu beru­higen. Als die Bayern in der 90. Minute einen Eck­ball her­aus­holen, bringt Kahn seinen wuch­tigen Körper in Schwung und stürmt die 100 Meter in den Straf­raum von seinem Gegen­über Martin Piecken­hagen. Ich ver­stumme ebenso wie tau­sende andere auch.

Die Gier hat über den Ver­stand gesiegt.

Als der Eck­ball Rich­tung Fünf-Meter-Raum segelt, wartet ein Knäuel aus Mün­chener und Ros­to­cker Spie­lern auf den rich­tigen Moment, um hoch­zu­steigen. Nur Oliver Kahn will nicht mehr warten. Aus vollem Lauf springt er in die Ansamm­lung der Spieler, als wären sie ein Berg aus Pud­ding. Doch seine Kör­per­sprache gibt deut­lich zu erkennen, dass ihn nichts auf­halten wird. Jetzt ist ihm alles egal. Die Gier hat über den Ver­stand gesiegt. Mit ange­zo­genen Knien und den Armen voraus nähert er sich unauf­haltsam dem Ball. End­lich in Reich­weite, schnellen seine Fäuste hervor und boxen den Ball mit aller Wucht über die Linie.

So ein­deutig mich die Regel­wid­rig­keit dieses Tores anspringt, für einen Bruch­teil einer Sekunde bleibt mir das Herz stehen. Erst der bange Blick zum Schieds­richter lässt aus der gese­henen Rea­lität Gewiss­heit werden. Das Tor zählt nicht, Hansa schlägt die Bayern. Oliver Kahn bläst die Backen auf und läuft schnur­stracks in Rich­tung Sei­tenaus. Hinter ihm zückt Markus Merk die Gelb-Rote Karte. Kahn muss sich nicht umdrehen, um zu begreifen, was pas­siert ist. Sein Kopf sinkt in seine Hände. In diesem Moment wei­chen die vorher ange­staute Wut und der blinde Ehr­geiz der völ­ligen Resi­gna­tion. Der­weil bricht im Publikum der Jubel los. Die Schreck­se­kunde ist über­standen, die ersten Lacher machen sich breit. Was hat Oliver Kahn sich bloß dabei gedacht?

Motto: Für einen Oliver Kahn gelten keine Regeln.

Ein­deutig lässt sich diese Frage nicht beant­worten. Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass ihm ein­fach die Siche­rungen druch­ge­brannt sind, weil er das Gegurke seiner Mit­spieler nicht mehr ertragen konnte. Zuzu­trauen ist ihm sogar, dass er dachte, mit seiner Aktion durch­zu­kommen. Motto: Für einen Oliver Kahn gelten keine Regeln. Er
selbst erklärt am Tag nach dem Spiel seine Aktion mit einer Mischung aus Nüch­tern­heit und Selbst­ironie: Das ist ein Reflex gewesen. Das ist in uns Tor­hü­tern drin.“ Kon­se­quen­ter­weise ver­zichtet Kahn auf jeg­liche Form von Selbst­kritik. Statt­dessen fügt er bester Laune hinzu: Man muss sich das mal vor­stellen: Man fliegt vom Platz, nachdem man ein Tor geschossen hat. Phä­no­menal!“ So ist es: Ein wahr­haft legen­därer Moment.