Julian Knoth, Sie sind Stutt­gart- und Ulm-Fan. Wie passt das zusammen?
Ich lebe seit Ewig­keiten in Stutt­gart und bin eigent­lich VfB-Fan. In Ulm bin ich geboren, daher sym­pa­thi­siere ich auch mit dem SSV. Ich würde sogar sagen, ich bin Ulm-Fan. Die Ultras hören das bestimmt nicht gerne, aber das ist mir egal.

Skandal!
Ein Rie­sen­skandal. Wie geht’s eigent­lich Janusz Gora?

Er ist Trainer beim FC Lie­fe­ring. Können Sie sich an seinen legen­dären Wut­aus­bruch aus der Saison 1999/2000 erin­nern?
Ich bin 27, meine ersten Fuß­bal­ler­in­ne­rungen datieren auf die Jahr­tau­send­wende. Mein erster Sta­di­on­be­such war im Winter 1999, es hatte geschneit, die Mann­schaften mussten mit einem roten Ball spielen. Das Spiel gegen Lever­kusen habe ich noch dunkel vor Augen (1:9, d. Red.). Aber ganz ehr­lich: Die Nie­der­lage gegen Ros­tock und Joras legen­dären Auf­tritt kenne ich nur von You­tube.

Jora war so auf­ge­bracht, weil vier Ulmer vom Platz geflogen waren. Sascha Rösler gab in einem Inter­view mit 11FREUNDE aller­dings zu: Ich hätte auch run­ter­ge­musst.“
Ein son­der­bares Spiel, das ich leider ver­passt habe. Wie so viele wich­tige Spiele und Momente vor 2010. 

Welche meinen Sie?
Meine Fan­so­zia­li­sa­tion lässt sich in ver­schie­dene Abschnitte ein­teilen. Bis 2003 war ich ein junger Fan, der die Spiele mit kind­li­cher Begeis­te­rung ver­folgte. Zwi­schen 2003 und 2006 wurde es ernster, ich klebte jeden Samstag vor dem Fern­seher und ging oft ins Sta­dion. 2006 kam die Musik in mein Leben. Ich war 15, 16 Jahre alt und träumte davon, in einer Band zu spielen und um die Welt zu touren. Wir probten jeden Tag, abends las ich statt des Kicker“-Magazins Musik­zeit­schriften, und am Wochen­ende ging ich auf Kon­zerte. Erst 2010 oder 2011 kehrte der Fuß­ball wieder zurück.

Die letzte Meis­ter­schaft des VfB Stutt­gart fällt also in Ihre Musik­phase.
Richtig. Ich habe den Titel leider nur am Rande mit­be­kommen. Der Wie­der­auf­stieg im letzten Jahr hat mich dann ein wenig ent­schä­digt. Wir haben eine gute Party gefeiert.

Hat die 2. Liga dem VfB gut­getan?
Ein Abstieg ist zunächst immer traurig. Gerade Anhänger von soge­nannten Tra­di­ti­ons­klubs haben oft Sorge, dass es mit ihrem Klub weiter bergab gehen könnte. Es gibt zahl­reiche Bei­spiele: Saar­brü­cken, Ulm – oder aktuell Kai­sers­lau­tern. Auf mich wirkte das Jahr in der 2. Liga aber wie eine Art Kur. Der Verein konnte im Schatten der Bun­des­liga eine neue Auf­bruchs­stim­mung ent­fa­chen und neue Ener­gien frei­setzen. Umso ent­täuschter war ich, als es in der Bun­des­liga erneut so chao­tisch wurde.

Im August 2017 wurde VfB-Vor­stand Jan Schin­del­meiser ent­lassen, im Januar 2018 Trainer Hannes Wolf.
Ich finde es schwierig, per­so­nelle Ent­schei­dungen aus der Distanz zu beur­teilen. Aber ich halte Hannes Wolf für einen sym­pa­thi­schen Typen. Manchmal blicke ich schon nei­disch nach Augs­burg oder Frei­burg, wo offenbar viel mehr Gelas­sen­heit herrscht.

Ist Ihnen der Fuß­ball zu hys­te­risch?
Ich gucke gerne Cham­pions League und auch die großen Spiele in der Bun­des­liga. Trotz der Rie­sen­ver­mark­tungs­ma­schine ist Fuß­ball für mich immer noch Fuß­ball. Aber ich kann Leute ver­stehen, denen das alles zu viel geworden ist. Die Fan-Ver­eine wie den HFC Falke oder FC United of Man­chester gründen, weil sie dieses Immer-weiter-immer-höher-Ding nicht mit­ma­chen wollen. Ich kann mir vor­stellen, dass die Blase bald platzen wird.

Wie ist es beim SSV Ulm?
Unten ist es näher. Man hat das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Man gestaltet mit. Man spürt den Atem der Spieler, hört die Schreie der Trainer. Ulm ist meine Alter­na­tive zum Pro­fi­fuß­ball. Auch wenn es dort in den ver­gan­genen Jahren noch chao­ti­scher zuging.

Auf wen sollten wir achten, wenn wir mal wieder im Donau­sta­dion sind?
Vinko Sapina. Ein Deutsch-Kroate, der in Ulm geboren ist und in der Jugend des VfB gespielt hat. Er hat ein groß­ar­tiges Spiel­ver­ständnis und eine tolle Über­sicht. Leider zog er sich zu Beginn der Saison einen Kreuz­band­riss zu.