Seite 2: „ Da hab’ ich mich auch geschämt“

Haben Sie sich beim Bun­des­trainer beschwert? 

Ich bekam einen Brief von Jupp Der­wall, mit Schreib­ma­schine geschrieben. Er sei ent­täuscht über meine Äuße­rungen in einem Inter­view, das gehöre sich nicht. Ich hatte vor Block­bil­dung und Ego­ismus gewarnt. Und von da gehörte ich nicht mehr dazu. Bei der WM 82 war ich trotzdem bei einem Spiel dabei: als Betreuer einer The­ken­mann­schaft, die ein Brauerei-Tur­nier gewonnen hatte. 

Wel­ches Match war es? 

Das Öster­reich-Spiel in Gijon. Wo die Zuschauer mit den Geld­scheinen gewe­delt haben und die armen Alge­rier nachher geweint. Da hab’ ich mich auch geschämt.

Rück­blende: die WM 1978 in Argen­ti­nien. Mili­tär­junta, 30 000 Tote und Ver­misste. Ein Unrechts­staat. Wie wurde das in der Mann­schaft auf­ge­nommen? 

Im Vor­feld hatte man sowas gehört. Es gab ja auch Boy­kott­ge­danken. Aber wenn du nicht fährst, fährt ein anderer. Wir haben in einem Mili­tär­ge­lände gewohnt, viel Polizei, zehn Mann vom Bun­des­grenz­schutz, das war schon beklem­mend. Aber Näheres wussten wir nicht, auch nicht vom Fol­tern.

Und dann kam der Wehr­macht-Oberst Hans-Ulrich Rudel zu Besuch. 

Den haben wir kaum wahr­ge­nommen. Der hat ein paar Worte gesagt und ist wieder abge­zogen. Ich kannte den auch gar nicht.

Beim EM-Finale 1976 gegen die CSSR standen Sie mit auf dem Platz. Warum haben Sie Uli Hoeneß nicht den Ball beim Elf­me­ter­schießen weg­ge­nommen? Sie waren doch ein sicherer Schütze. 

Ich behaup­tete, ich hätte Waden­krämpfe. Auf gut Deutsch: Ich habe gekniffen. Nachher habe ich mir in den Hin­tern gebissen. Höher als Hoeneß hätte ich auch nicht drü­ber­schießen können. Aber ich habe mich nie vor­ge­drängt. Beim MSV habe ich jah­re­lang Elf­meter geschossen, bis auf zwei waren alle drin. Einmal gegen Köln, ent­schei­dendes Spiel, kurz vor Schluss null­null, der Schieds­richter pfeift Elfer. Alle haben weg­ge­guckt. Ich hatte Füße wie Blei! Im Tor Toni Schu­ma­cher, der Wahn­sin­nige. Ich wusste, der will einen immer angu­cken. Ich also die Augen nur auf den Boden. Ich weiß nicht mehr, ob ich ange­laufen oder ange­gangen bin. Blick nur auf den Boden, und ich treffe den Ball gar nicht richtig. Aber der Toni steht auf dem fal­schen Fuß und der Ball kul­lert an ihm vorbei. 1:0 gewonnen.

Wie kamen Sie eigent­lich aus Bockum-Hövel in West­falen zum MSV? 

Ich war Lan­des­li­ga­spieler, habe aber nie in der Aus­wahl gespielt, nicht mal Kreis­aus­wahl. Immer zu klein und zu langsam, so einen wie mich konnte keiner brau­chen. Plötz­lich schoss ich 1969 in zehn Spielen 19 Tore. Dann Pro­be­trai­ning beim 1. FC Köln. Ich komme in die Kabine, und da sitzen Overath, Weber, Simmet. Experten, die ich nur aus dem Fern­sehen kannte. Die Kölner wollten mich nehmen – und gleich nach Lünen in die Regio­nal­liga aus­leihen. Das war mir zu komisch. Dann kam der Anruf vom MSV. Wieder Pro­be­trai­ning, wieder Urlaub nehmen, zwei Schichten fahren und vor­ar­beiten, jemanden finden, der mich hin­fährt. Ich war 22 und hatte weder Auto noch Füh­rer­schein.