Seite 2: „Hertha wirkt beliebig“

Sie sind Ber­liner. Die Hertha – der Gegner des FC Bayern Mün­chen beim Bun­des­liga-Auf­takt – war für Sie nie ein Thema?
Nein. Und ich bin da ja nicht alleine. Berlin ist eine Welt­stadt und hat damit eigent­lich auch in puncto Fuß­ball ein rie­sige Poten­zial. Und trotzdem schafft es Hertha nur zweimal in der Saison, das Olympia-Sta­dion voll zu bekommen. Das Pro­blem ist, dass Berlin so viel­fältig ist. Bei Hertha hat man immer wieder ver­sucht, sich auf Biegen und Bre­chen als Verein der ganzen Stadt zu prä­sen­tieren. Aber das klappt hier ein­fach nicht und wirkt beliebig.

Und was ist mit dem 1. FC Union Berlin, der neue Underdog im deut­schen Fuß­ball-Ober­haus?
Als Fan von Tennis Borussia Berlin ver­binde ich schmerz­hafte Erfah­rungen mit dem 1. FC Union Berlin. Das war zu Ober­li­ga­zeiten und damit deut­lich bevor eine breite Öffent­lich­keit sich für den Club inter­es­siert hat. Was da abge­laufen ist, war nicht immer schön. Es gab mit­unter auch kör­per­liche Angriffe. Die Ver­ant­wort­li­chen des Ver­eins haben im Mar­ke­ting in der Zwi­schen­zeit einiges richtig gemacht. Man hat sich ein Image auf­ge­baut, das manche Pro­bleme über­deckt. Union pro­fi­tiert dabei auch von der Pro­fil­lo­sig­keit anderer Klubs. Aber sie sind sicher nicht der FC St. Pauli des Ostens, wie man immer wieder hört. Das wollen sie meines Erach­tens nach auch selbst gar nicht sein.

Viele Fans schimpfen über die Mil­lionen-Gehäl­tern und den all­jähr­li­chen Trans­fer­wahn­sinn, kommen aber von der Droge Bun­des­liga und Cham­pions League den­noch nicht los. Warum?
Ich denke, das ist ein schlei­chender Gewöh­nungs­pro­zess. Manchmal muss man sich tat­säch­lich kneifen und fragen, ist das alles real? Ich selbst hatte früher viel mit Ama­teur­fuß­ball zu tun, war vier Jahre Auf­sichtsrat bei Tennis Borussia. Mich hat die Gemein­schafts­leis­tung fas­zi­niert, die hinter so einem Verein steckt. Alle packen an. Ange­fangen von den Trai­nern über die vielen Ehren­amt­li­chen, die Fans, aber auch die Gewer­be­trei­benden vor Ort, die als Spon­soren dabei sind. Im Pro­fi­fuß­ball ist immer mehr eine ört­liche Tren­nung fest­zu­stellen, der lokale Bezug fehlt. Am augen­fäl­ligsten wird das in der Pre­mier League mit den aus­län­di­schen Inves­toren als Klub­ei­gen­tümer, die den Verein als eine Art Spiel­zeug ansehen. Das ist Erfolg von Gnaden eines Mäch­tigen. Ins­ge­samt geht dabei das Gemein­schafts­ge­fühl und die damit ver­bun­dene Iden­ti­fi­ka­tion in vielen Ver­einen mehr und mehr ver­loren.

Gibt es für Sie eine Schmerz­grenze, ab der für Sie Schluss ist mit den Sta­di­on­be­su­chen?
Schwer zu sagen. Ich war kürz­lich bei einem Spiel von Twente Enschede in der nie­der­län­di­schen Ehren­di­vi­sion. Das war ja ganz nett. Aber dann hingen da so Schilder im Sta­dion, auf denen stand, was man alles nicht tun darf – und dazu zählte, vom Sitz auf­zu­stehen. Wenn ich wäh­rend eines Fuß­ball­spiels nicht mehr auf­springen darf, hört es bei mir auf. Das zählt zur Fan-Kultur, und die muss man aus­leben dürfen.