Seite 3: Wieso der Fall Tönnies beschämend ist

Sie selbst haben nie aktiv Fuß­ball gespielt und trotzdem spielt er in Ihrem Leben eine so wich­tige Rolle. 
Ich war Hand­baller – aber auch als sol­cher kommt man am Fuß­ball nicht vorbei. Alle in meinem Team haben sich auch für Fuß­ball inter­es­siert. Wenn Eng­lisch die uni­ver­selle Sprache ist, dann ist Fuß­ball der uni­ver­selle Sport. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich alles schaue, was mit Sport zu tun hat. Sport ist eine relativ inklu­sive Sache. Das finde ich daran so fas­zi­nie­rend. Alle können in irgend­einer Weise teil­nehmen. Die einen als Akteure und die andern können als Fans Ein­fluss auf das Geschehen nehmen oder sich als Ehren­amt­liche ein­bringen. So ein Sport­verein ist gelebte Soli­da­rität.

Haben Sie eine Erklä­rung dafür, warum gerade der Fuß­ball am popu­lärsten ist?
Es ist ein ein­fach aus­zu­füh­render Sport. Man braucht nicht viel: eine Wiese, einen Ball, und zur Not tun es auch Was­ser­fla­schen als Tore. Die Regeln sind auch recht ein­fach. Beim Fuß­ball kommen alle Schichten zusammen. Es ist der kleinste gemein­same Nenner unserer Gesell­schaft, der überall ähn­lich gut funk­tio­niert. Und er funk­tio­niert als Small­talk­thema so gut wie das Wetter.

Würden Sie sich wün­schen, dass Fuß­ball­profis öfters mal zu gesell­schafts­po­li­ti­schen Themen Stel­lung beziehen?
Auf jeden Fall. Im Grund­ge­setz steht: Eigentum ver­pflichtet. Das gilt nach meinem Ver­ständnis aber nicht nur für Grundbesitz,sondern auch für hohe Ein­kommen und Ver­mögen. Wer wie ein Fuß­ball­profi so in der Öffent­lich­keit steht und immer wieder in Mikro­fone spre­chen darf, ist auch in der mora­li­schen Pflicht, gele­gent­lich etwas Sinn­volles damit anzu­fangen. Das Große wird im Kleinen ver­han­delt. Der Fuß­ball hat zum Bei­spiel viel beim Thema Inte­gra­tion geleistet. Wenn dann aber ein Cle­mens Tön­nies sich ras­sis­tisch äußert und nur mit einem drei­mo­na­tigen Amts­stopp belegt wird, ist das beschä­mend. Kein Wunder, dass das weit über den Fuß­ball hinaus dis­ku­tiert wird.

Warum trauen sich die aller­meisten Spieler nicht, Ihre Mei­nung öffent­lich zu äußern?
Man darf nicht ver­gessen, dass es sich viel­fach um junge Men­schen han­delt, die stark ein­ge­zwängt werden. Manche Berater trich­tern ihnen ein, wie man sich mög­lichst kon­form ver­hält. Ich würde mir von den Spie­lern trotzdem mehr Mut und Enga­ge­ment wün­schen – zum Bei­spiel im Kampf gegen Ras­sismus und Homo­phobie. Es ist doch aber­witzig, dass sich noch kein homo­se­xu­eller Bun­des­li­ga­spieler geoutet hat. Das wird immer noch als geschäfts­schä­di­gend betrachtet und ver­ur­sacht damit eine beklem­mende Atmo­sphäre der Unfrei­heit.