Schon bevor die DSF-Repor­tage Das große Tabu“ am Mitt­woch­abend aus­ge­strahlt wird, ist das Thema Homo­se­xua­lität und Fuß­ball
dank Chris­toph Daum in aller Munde. Die im Vor­feld bekannt gewor­denen kon­tro­versen Äuße­rungen des Kölner Auf­stiegs­trai­ners werden die Ein­schalt­quoten des Mün­chener Sport­sen­ders mit Sicher­heit in die Höhe treiben.

Und das ist auch gut so, denn selbst wenn es sich bei der Vor­ab­ver­öf­fent­li­chung der Daum-Kom­men­tare nur um eine gelun­gene PR-Aktion han­deln sollte, kann man dankbar sein, dass die The­matik nun eine breite Öffent­lich­keit erreicht. Denn es ist höchste Zeit, dass dem homo­phoben Klima im deut­schen Fuß­ball eine gestei­gerte Auf­merk­sam­keit zuteil wird. Der Fuß­ball­sport als schwu­len­feind­liche Män­ner­bas­tion ist nach wie vor einer der kon­ser­va­tivsten Bereiche unserer Gesell­schaft. Fuß­ball ist der Lieb­lings­sport der Deut­schen und damit gleich­zeitig eine Art Spiegel der Nation. Und so über­rascht es kaum, dass sich Deutsch­lands Inte­gra­ti­ons­de­fizit auch in diesem Bereich offen­bart. Homo­se­xua­lität bleibt ein Tabu, offi­ziell gibt es im deut­schen Pro­fi­fuß­ball keine Schwulen, und auch im Ama­teur­be­reich wird das Thema mit Vor­liebe aus­ge­klam­mert.

Daum scheint sich ernst­hafte Sorgen zu machen

Daums Äuße­rungen sorgen zu Recht für Empö­rung. Seine Wort­wahl ist selbst wohl­wol­lend betrachtet mehr als unglück­lich. Wie rück­ständig es ist, Homo­se­xua­lität mit Pädo­philie gleich­zu­setzen, erklärt sich von selbst. Daum scheint sich ernst­hafte Sorgen zu machen, dass ein erfolg­rei­cher, offen zu seiner Homo­se­xua­lität ste­hender Fuß­baller, zur Nach­ah­mung“ anregt.

Dabei wäre eine solche Art der Nach­ah­mung doch etwas Posi­tives: Wenn sich ein Bun­des­li­ga­spieler öffent­lich zu seiner Homo­se­xua­lität bekennen würde, wäre das ein Zei­chen für gesell­schaft­li­chen Fort­schritt und eine Ori­en­tie­rungs­hilfe für all jene ver­un­si­cherten, von Selbst­ver­leug­nung und Selbst­hass geplagten jungen Fuß­baller, die ihre sexu­elle Ori­en­tie­rung bis­lang auf dem Platz und in der Kabine ver­leugnen müssen. Die Kinder, um die Chris­toph Daum sich so sorgt, brau­chen Vor­bilder. Der Köln-Trainer hat mit seinem Ver­halten in der Ver­gan­gen­heit zur Genüge demons­triert, dass er selbst als Vor­bild nicht sehr viel taugt.

Natür­lich werden einige argu­men­tieren, dass Chris­toph Daums Bekun­dungen aus dem Kon­text gerissen sind und dass er es sicher nicht so gemeint“ hat. Daum selber ließ per Pres­se­mit­tei­lung ver­lauten, er fühle sich miss­ver­standen, ver­säumte es aber, sich klar von seinen Aus­sagen zu distan­zieren, und stellte erneut eine Ver­bin­dung zwi­schen Homo­se­xua­lität und Pädo­philie her. In dieser Asso­zia­ti­ons­kette paart sich Igno­ranz mit Into­le­ranz. Auf­fällig ist, wie schnell sich Daum und die zu seinen Kom­men­taren befragten Kol­legen mit dem ein­fa­chen Argu­ment raus­reden, sie hätten selber schwule Freunde oder Bekannte und seien des­halb frei von Vor­ur­teilen. Doch gerade in dieser Argu­men­ta­tion offen­bart sich die Grund­hal­tung der Branche. Die gön­ner­hafte Arro­ganz, die daraus spricht, zeugt einmal mehr davon, wie wenig Selbst­re­fle­xi­vität vor­handen ist. Viele glauben, dass die schwu­len­feind­liche Dik­tion auf und um den Fuß­ball­platz herum harmlos ist, weil dass das schon immer so war.“ Der Sozio­loge und Fan­ex­perte Gerd Dem­bowski sagt in der DSF-Repor­tage dazu: Man muss ja immer Fuß­ball als Teil der Gesell­schaft betrachten. Das Schimpf­wort ›schwul‹, hab ich das Gefühl, wird eher mehr. Natür­lich wird immer gesagt, es ist sinn­ent­leert, wir meinen ja gar nicht schwule Leute. Aber inter­es­sant ist ja, dass dieses Wort benutzt wird und nicht irgendein anderes. Das kommt ja irgend­woher und ich kenne noch genug Leute, denen das weh tut.“

Es geht bei der Bekämp­fung der Homo­phobie im Fuß­ball nicht in erster Linie darum, auf Krampf poli­tisch kor­rekt zu sein. Viel­mehr geht es darum, Empa­thie zu zeigen und auch einmal die Blick­rich­tung zu wech­seln und nicht immer von sich und der eigenen Ori­en­tie­rung als Norm aus­zu­gehen. Es geht darum, den eigenen Hori­zont zu erwei­tern und sich vor­zu­stellen, wie das sein muss, in einem Umfeld zu agieren, das einen zwingt, sich selbst zu ver­leugnen. Wie es ist, wenn man täg­lich damit kon­fron­tiert wird, dass man anders ist. Und das anders“ gleich­be­deu­tend ist mit weniger wert“.

Sport kann ein äußerst wich­tiger Inte­gra­ti­ons­faktor sein und sollte des­halb unbe­dingt genutzt werden, um für das Thema Schwulen- und Les­ben­feind­lich­keit zu sen­si­bi­li­sieren. Des­halb ist es lange über­fällig, dass sich der DFB unter der Schirm­herr­schaft Theo Zwan­zi­gers nun end­lich den Kampf gegen die Homo­phobie im Sport zur Auf­gabe macht. Am ver­gan­genen Freitag fand in Köln der zweite Akti­ons­abend gegen Homo­phobie im deut­schen Fuß­ball statt. Besser spät als nie.