Marcel Ketelaer, wir haben lange nichts von Ihnen gehört. Wie geht es Ihnen? Was machen Sie?
Marcel Ketelaer: Mir geht es gut. Nach 16 Pro­fi­jahren neigt sich meine Kar­riere langsam dem Ende ent­gegen (momentan ist Ketelaer ver­einslos, d. Red.). Ich bekomme aller­dings immer noch viele Anfragen, die meisten aus Asien oder Ost­eu­ropa. Ich bin aber ein Mensch, der gerne den sicheren Weg geht und habe des­halb bis­lang alle Ange­bote abge­lehnt. Wissen Sie, ich habe Familie und eine fünf Wochen alte Tochter, da muss ich nicht ständig unter­wegs sein. Zur Zeit belege ich einen Trai­ner­kurs, ich kann aber noch nicht kon­kret sagen, in welche Rich­tung sich das alles ent­wi­ckelt. Ob nun Trainer oder Scout, dem Fuß­ball bleibe ich sicher treu.

Betreibt Ihre Mutter eigent­lich noch die Cur­ry­wurst­bude in Mön­chen­glad­bach?
Marcel Ketelaer: Mamas Kette“, natür­lich. Die stehen die Leute momentan Schlange, bei der tollen Saison von Borussia Mön­chen­glad­bach ist das auch kein Wunder.

Spricht man dort noch über Sie?
Marcel Ketelaer: Die Leute fragen schon, klar.

Sie galten einst neben Sebas­tian Deisler als eines der größten Talente im deut­schen Fuß­ball. Im Sommer 2000 wech­selten Sie für die Ver­eins-Rekord­ab­löse von 5,5 Mil­lionen Mark zum HSV. Wie kam es dazu?
Marcel Ketelaer: Wir haben damals mit Glad­bach gegen St. Pauli 2:0 gewonnen, ich habe beide Tore geschossen, dort hat mich Bernd Weh­meyer vom HSV beob­achtet. Holger Hie­ro­nymus rief dar­aufhin meinen Manager an und teilte ihm vom Inter­esse der Ham­burger mit. Zu der Zeit haben meh­rere Ver­eine ange­fragt und wir haben dann drei in die engere Aus­wahl genommen.

Welche Ver­eine waren das?
Marcel Ketelaer: Der 1.FC Köln, Werder Bremen und der Ham­burger SV. Dem FC haben wir dann ziem­lich schnell abge­sagt – als Glad­ba­cher kann man schließ­lich nicht nach Köln gehen. (lacht)

Und warum nicht Bremen?
Marcel Ketelaer: Ham­burg hatte zuerst ange­fragt und mir unmiss­ver­ständ­lich zu ver­stehen gegeben, dass sie mit mir auf der linken Seite planen. Die Aus­sicht, dass ich beim HSV zum Ein­satz komme, war ein­fach höher. In Bremen spielte bereits Marco Bode auf meiner Posi­tion. Der war Kapitän und Natio­nal­spieler, da habe ich meine Ein­satz­zeiten nicht gesehen. Im Nach­hinein ist man immer schlauer.

Sie bereuen Ihre Absage an Werder Bremen?
Marcel Ketelaer: Ach, was heißt bereuen? Es wäre sicher gut gewesen, nach Bremen zu gehen, denn die haben schon aus vielen jungen Spie­lern groß­ar­tige Fuß­ball­profis gemacht.

Der Schritt nach Ham­burg war zu groß?
Marcel Ketelaer: Ja, defi­nitiv. Allein die Summe für die ich ver­kauft wurde (5,5 Mil­lionen Mark, d. Red.), setzte mich unter Druck. Ich war damals der teu­erste Ein­kauf der Ver­eins­ge­schichte. Dazu die große Stadt Ham­burg und die vielen Vor­schuss­lor­beeren, die ich bekommen habe. Ich war das erste Mal weg aus Glad­bach, aus der behü­teten Heimat.

Zu Beginn lief es aller­dings gar nicht schlecht, Sie machten gleich im ersten Spiel ein Tor und auch in der Cham­pions League war der HSV mit Ihnen erfolg­reich.
Marcel Ketelaer: Zum Ende des Jahres ging es aller­dings bergab, wir sind aus der Cham­pions League raus­ge­flogen und ich wurde unsi­cherer. Die Presse schrieb bald, ich sei ein Trans­fer­flop und das viele Geld nicht wert gewesen. Ich habe mich damals ziem­lich allein gefühlt.

Sie sind in dieser Zeit häufig nach Glad­bach gepen­delt. Sind Sie ein hei­mat­ver­bun­dener Mensch?
Marcel Ketelaer: Ich muss mein Zuhause wirk­lich mögen, damit ich mich dort auch hei­misch zu fühlen. Viele Spieler wollen nur einen x‑beliebigen Schlaf­platz, um sich zwi­schen den Spielen aus­zu­ruhen. Aller­dings glaube ich, dass es auch anderen Spie­lern wie mir geht: Die Hei­mat­stadt lässt sich nicht so ein­fach ersetzen. Als dann Jörg Albertz zum HSV kam, fühlte ich mich gleich ein wenig wohler. Wir hatten ja schon in Glad­bach zusammen gespielt. Ein Stück Heimat in der Fremde.

Wie zufrieden waren Sie denn mit Ihrer Leis­tung?
Marcel Ketelaer: Ich kam gut in die Som­mer­vor­be­rei­tung rein, habe anfangs auch von Beginn an gespielt. Leider kam recht bald der Knick, weil Frank Pagels­dorf immer unzu­frie­dener mit meiner Leis­tung wurde. Ich war damals sehr jung und wollte mir nicht alles gefallen lassen – teil­weise war ich richtig bockig.

Wurde der Druck zu groß?
Marcel Ketelaer: Den Druck habe ich mir selbst gemacht. Außerdem stieg zu dem Zeit­punkt, Anfang der 2000er, das Medi­en­in­ter­esse um ein Viel­fa­ches. Ständig wurde die hohe Ablö­se­summe groß und breit the­ma­ti­siert.

Haben Sie das Buch von Sebas­tian Deisler gelesen?
Marcel Ketelaer: Ja, habe ich.

Was sagen Sie dazu?
Marcel Ketelaer: Ich erkannte, dass ich kein Ein­zel­fall war. Auch Sebas­tian Deisler hatte mit dem Medi­en­auf­gebot Pro­bleme. Er hat sich viel Druck gemacht und man weiß, wohin das führte.

Im Sep­tember 2000 haben Sie im Cham­pions-League-Spiel gegen Juventus Turin das Tor zum 2:3 vor­be­reitet, haben Ihren Gegen­spieler spek­ta­kulär über­laufen und in den Straf­raum geflankt. War dieses Spiel der Höhe­punkt Ihrer Kar­riere?
Marcel Ketelaer: Dieses Spiel war für uns alle sehr beson­ders. Erstmal ging es gegen diesen großen Gegner mit dem gefürch­teten Namen. Dann diese wahn­sin­nige Auf­hol­jagd. Den­noch: Dieses Spiel war nicht das höchste aller Gefühle, es gab auch andere tolle Momente. Etwa mein erstes Spiel unter Kurt Jara gegen Hertha, das wir 4:0 gewannen und bei dem ich zwei Tore schoss.

Sie sind 2002 zu Borussia Mön­chen­glad­bach zurück­ge­kehrt. Hatten Sie sich zu dem Zeit­punkt die Zähne am HSV aus­ge­bissen?
Marcel Ketelaer: Gegen Ende meiner HSV-Zeit fälschten einige Zei­tungen sogar Inter­views. Scheinbar war nun alles egal. Mich hat das damals sehr belastet und das merkte auch unser neuer Trainer Kurt Jara. Er machte mir das Angebot, mich eine gewisse Zeit aus­zu­leihen. Ich sollte mal los­kommen von dem ganzen Stress beim HSV. Er hat nie gesagt, ich solle gehen. Es war ein Angebot, um mich mal von dem Druck in Ham­burg zu befreien und wieder zu alter Stärke zu kommen.

Haben Sie sich beim HSV ver­kannt gefühlt?
Marcel Ketelaer: Die Zuschauer vor dem Fern­seher oder im Sta­dion haben es oft leicht, sich zu beschweren, weil sie nicht wissen, was das Ziel der Mann­schaft und für einen ein­zelnen im Spiel über­haupt ist. Auch wenn ich die Ziele erreicht habe, die mit Trainer und Mann­schaft abge­spro­chen waren, war es nicht genug und die Medien haben dem­entspre­chend berichtet.

Was hielt Sie von einer Rück­kehr nach Ham­burg ab?
Marcel Ketelaer: Wir spielten eine ziem­lich erfolg­reiche Saison mit Glad­bach und ich schoss zu neuer Form auf. Ich habe einige Tore vor­be­reitet, machte einige Tore. Als der HSV mich dann zurück haben wollte, hatte sich Ewald Lienen sich ent­schieden, mich zu behalten – obwohl ich schon eine Nummer beim HSV hatte. Letzt­end­lich war es auch sehr lukrativ für den HSV, mich an Glad­bach zu ver­kaufen.

Waren Sie froh, wieder in Glad­bach zu sein?
Marcel Ketelaer: Bis zum 7. Spieltag lief alles gut, dann wurde Trainer Lienen ent­lassen und Holger Fach kam als Nach­folger. Das war das Ende.

Warum?
Marcel Ketelaer: Als ich sieb­zehn Jahre alt war, war Fach mein Mit­spieler. Später trai­nierte Fach dann gemeinsam mit meinem Bruder die Ama­teure und zog übel über mich her, als ich an den HSV ver­kauft wurde. Er war der Mei­nung, ich sei das Geld nicht wert gewesen. Wir kamen aber sowieso nie mit­ein­ander aus.

Sie spielten den­noch zwei wei­tere Jahre in Glad­bach. Wieso?
Marcel Ketelaer: Ich habe die ersten Tage bei Glad­bach durch­ge­zogen, aber Nürn­berg wollte mich schon im Winter holen. Leider wurde nichts aus dem Transfer, weil meine Posi­tion noch besetzt war. So bin ich in Glad­bach geblieben. Fach fragte mich irgend­wann, ob ich mich auf der linken Außen­ver­tei­di­ger­po­si­tion aus­pro­bieren wolle. Ich habe natür­lich Ja gesagt, um über­haupt auf­ge­stellt zu werden. Wir haben dann mit Glad­bach eine sehr gute Vor­be­rei­tung gespielt und Nürn­berg über­legte, ob sie mich als linken Ver­tei­diger holen, was letzt­end­lich am Finan­zi­ellen schei­terte, weil Fach für mich noch eine relativ hohe Ablö­se­summe ver­langte.

Wie kam es zum Bruch?
Marcel Ketelaer: Die Situa­tion zwi­schen Fach und mir spitzte sich immer weiter zu, bis sie in einem hef­tigen Streit eska­lierte und wir den Ver­trag auf­lösten.

Sie sind mit Ihrem Hei­mat­verein also im Bösen aus­ein­ander gegangen?
Marcel Ketelaer: Nein, nur mit zwei Per­sonen, mit Chris­tian Hoch­städter und Holger Fach, nicht mit meinem Verein.

Wie sind Sie schließ­lich in Öster­reich gelandet?

Marcel Ketelaer: Die Zeit in Deutsch­land war zum Ende hin über­haupt nicht schön, weil es auch bei Nürn­berg nicht rund lief. Ich brauchte eine Luft­ver­än­de­rung. Mein Berater und ich haben mit Aus­tria Wien und Red Bull Salz­burg geredet, wo Kurt Jara der­zeit Trainer war. Es ergab sich bei beiden Klubs aber kein Transfer, und ich bekam ein Angebot vom LR Ahlen. Der Co- Trainer Thomas Kas­ten­meyer und ich haben früher zusammen bei Glad­bach gespielt und kannten uns gut. Leider war das Team zu hete­rogen. Es hat zwi­schen­mensch­lich nicht so gut funk­tio­niert, sodass ich im End­ef­fekt froh war, von Pasching geholt zu werden.

Zwi­schen­zeit­lich waren Sie arbeitslos.
Marcel Ketelaer: Nach einer lang­wie­rigen Fuß­ver­let­zung in Kärnten war ich ein drei­viertel Jahr weg vom Fenster. Kärnten wollte zwar ver­län­gern, ließ sich aber so ewig viel Zeit, dass ich schon ein neues Angebot von Rapid Wien erhielt. Das kam mit sehr gelegen, denn die Öster­rei­cher sind, wenn es um ver­trag­liche Belange geht, wirk­lich langsam. Bei Rapid brauchte es erst einige Zeit, um wieder fit zu werden, näm­lich die ganze Vor­be­rei­tungs­zeit. Doch zum Jah­res­ende hin kam ich schließ­lich wieder rein und berei­tete viele Tore vor. Mein Ver­trag musste neu ver­han­delt werden und ich sollte bleiben. Doch leider hatte ich dann immer weniger Ein­satz­zeiten. Mein Ver­trag wurde nicht ver­län­gert.

Wie ging es dann weiter, hatten Sie andere Ange­bote?
Marcel Ketelaer: Ein Verein war sich eigent­lich schon mit mir einig, dann sprang er aber wieder ab, weil die Mann­schaft nicht noch einen Legionär haben wollte.

Das müssen Sie erklären.
Marcel Ketelaer: In Öster­reich gibt es einen Öster­rei­cher-Topf“, der Prä­mien ver­gibt, wenn du als Verein nur eine begrenzte Zahl an Aus­län­dern spielen lässt. In der ersten Liga sind das sechs Legio­näre und in der zweiten drei. Alle Klubs, die das machen und ihre Lands­leute zuerst zum Ein­satz kommen lassen, erhalten eine finan­zi­elle Prämie. So war es nicht ein­fach einen Verein zu finden. Ich war vor­über­ge­hend ver­einslos.

Wollten Sie in Öster­reich einen neuen Kar­rie­re­an­lauf nehmen?
Marcel Ketelaer: Ich wollte ein­fach raus aus dem Medi­en­fokus, wie es in Deutsch­land davor der Fall war. Ich ver­stand Öster­reich als Chance. Ich will nicht von einem Neu­an­fang spre­chen, viel­mehr wollte ich ein­fach mal etwas anderes machen. Und ich bin heute heil­froh, mich so ent­schieden zu haben. Ich hatte eine gute und erfolg­reiche Zeit in Öster­reich.

Wenn Sie heute Ihre Kar­riere Revue pas­sieren lassen: Sehen Sie grund­le­gende Unter­schiede in der Fuß­ball­welt von früher zu heute?
Marcel Ketelaer: Früher spielten zuerst die Alten, um sich dann von Jün­geren ablösen zu lassen, heute soll von Beginn an Wirbel auf dem Platz sein und es läuft genau anders herum. Sebas­tian Deisler, Robert Enke und ich waren damals die Aus­nahme. Inzwi­schen gibt es in jeder Mann­schaft nicht nur einen Deisler, einen Ketelaer oder einen Enke, son­dern gleich drei oder vier. Die haben etwas gemeinsam und können sich zusammen tun. Wir hatten damals gegen die Alten zu kämpfen, die uns über den Rasen gejagt haben wie Frei­wild. Wir mussten um deren Aner­ken­nung buhlen. Heute liegt das Zepter in der Hand der jungen Spieler, die das Spiel bestimmen und antreiben.

Herr Ketelaer, hatten Sie damals eigent­lich einen Plan B in der Tasche, falls es mit der Fuß­ball­kar­riere nicht geklappt hätte?
Marcel Ketelaer: Als Plan B kann man das nicht bezeichnen, aber ich habe eine Lehre zum Ein­zel­han­dels­kauf­mann gemacht. Damals war ich aller­dings schon Pro­fi­fuß­baller. Ich war auch beim Fan­shop in Glad­bach ange­stellt, aber ich glaube, ich habe den Laden häu­figer als Kunde anstatt als Lehr­ling gesehen (lacht). Der Fuß­ball hatte immer Prio­rität. Mein Leben lang.