Vor einigen Tagen stellte der bri­ti­sche Guar­dian ein neues Rie­sen­pro­jekt vor. Mit der Hilfe wei­terer inter­na­tio­naler Medien hat er auf seiner Home­page sämt­liche 622 EM-Spieler por­trä­tiert. Alles, was Sie wissen müssen über die Spieler“, steht dort, inklu­sive ihrer Haus­tiere, Hob­bies und Helden.“ Und, na klar, da klickt man natür­lich rein. 

In kurzen Texten erfahren wir her­nach Alt­be­kanntes über Super­star Kylian Mbappe („Sein Signa­ture-Jubel war die Idee seines Bru­ders“), mit­tel­mäßig Inter­es­santes über Leroy Sané („Er mag Fashion“) und Dinge vom dritten nord­ma­ze­do­ni­schen Tor­hüter Damjan Sis­kovski, die ich (hof­fent­lich) am Ende dieses Textes wieder ver­gessen haben werde: Er will immer singen, obwohl er es nicht kann. Wir haben Spaß mit seiner Musik-Show.“

Heute kann der Trainer dem Ver­tei­diger sogar sagen, wel­ches Rasier­wasser der geg­ne­ri­sche Stürmer ver­wendet.“

Otto Rehhagel

Dank des Inter­nets gibt es nur noch wenige Geheim­nisse vor großen Fuß­ball­tur­nieren. Heute kann der Trainer dem Ver­tei­diger sogar sagen, wel­ches Rasier­wasser der geg­ne­ri­sche Stürmer ver­wendet“, sagte Otto Reh­hagel schon vor zehn Jahren. Und wenn man es doch nicht weiß, weiß man zumin­dest, wo es steht. Im Internet können wir den Punk­te­schnitt des slo­wa­ki­schen Trai­ners Stefan Tar­kovic bei seinem alten Klub MSK Zilina recher­chieren. Wir wissen, wie man die Namen Adam Szalai und Roland Sallai aus­spricht. Wir erfahren, wo Schwe­dens Co-Trainer Peter Wet­ter­gren früher gespielt hat, wie hoch der Markt­wert von Ungarns Attila Fiola vor drei Monaten war, und irgendwo kann man bestimmt auch sehen, ob Nord­ma­ze­do­niens Ivan Trič­kovski wirk­lich so trick­reich spielt, wie sein Name vor­gibt. Wir ver­stehen das Spiel, ent­schlüs­seln Tak­tiken, kna­cken Fuß­ball­rätsel – zumin­dest haben wir das Gefühl.

Ande­rer­seits macht diese Über­in­for­ma­tion ein großes Fuß­ball­tur­nier auch ein wenig glä­sern und lang­weilig, viel­leicht sogar über­ra­schungsarm, denn das Schönste, was wir erleben können, ist doch das Geheim­nis­volle“, schrieb Albert Ein­stein.

Früher wusste man vor einer EM oder WM nahezu nichts. Die Infor­ma­tionen waren gut ver­steckt in den Büchern der Trainer. Einige Infor­ma­tionen gab es schlicht noch gar nicht (Lauf­werte, Signa­ture-Jubel). Die meisten Infor­ma­tionen aber lagen getarnt hinter dem eisernen Vor­hang. Es war die totale Reiz­un­ter­flu­tung. Ein paar Schnipsel aus Tages­zei­tungen und im Kicker, Fern­seh­be­richte auf zwei Kanälen und die oft bizarren Kle­be­bilder. Mut zur Lücke auf allen Ebenen – zur Wis­sens­lücke, zur Haar­lücke, zur Zahn­lücke. Im Laufe der Tur­nier­wo­chen ent­stand dadurch eine mys­te­riöse Land­karte des inter­na­tio­nalen Fuß­balls, eine fas­zi­nie­rende Mär­chen­welt.

Die ersten Hin­weise gaben die Panini-Bilder. Schon Wochen vor dem Tur­nier blickte man mit einer Mischung aus Angst, Neu­gier und Irri­ta­tion auf Sti­cker von Peter Disztl (Magyaror­szág), Ray Richards (Aus­tralia) oder Rinat Fais­rach­ma­no­witsch Das­s­ajew (CCCP). Wer waren diese Männer, von denen einige aus­sahen wie Typen, die in schrägen B‑Movies mit Bären kämpften oder Knei­pen­schlä­ge­reien anzet­telten? Es gab kaum wei­ter­füh­rende Infor­ma­tionen. Ein­sätze, Alter, Tore, das war’s im Grunde. Irgendwo standen noch die Ver­eins­namen, die man allen­falls aus den hin­teren Seiten des Kicker“ kannte: FC St. Mirren, Dnjepr Dnje­pro­pe­trowsk, Thor Waterschei. Wer das Hanuta- oder Duplo-Album hatte, wusste immerhin ein paar mehr Dinge über die deut­schen Spieler. Horst Hru­beschs Lieb­lings­essen zum Bei­spiel (Ein­topf) oder Thomas Bert­holds Lieb­lings­sän­gerin (Nicole).

Ray

Der 28-jäh­rige Aus­tra­lier Ray Richards bei der WM 1974

Die Inter­views zu den Tur­nieren hatten oft etwas Dada­is­ti­sches. Auf die Frage, wor­über er sich riesig freue, ant­wor­tete Hans-Peter Briegel vor der WM 1986: Ich freue mich nie riesig.“ Wovor er Angst hat? Vor vielen Dingen.“ Was er lieber im Fern­sehen schaut, Denver-Clan oder Dallas? Ich mag keines von beiden.“

Man ging unbe­darft und naiv in ein Tur­nier, viel­leicht auch sorg­loser als heute. Trotzdem wirkten viele Spieler wie alte Ver­traute, wenn sie irgend­wann auf dem flim­mernden Röh­ren­fern­seher auf­tauchten. Der hünen­hafte Bul­gare vom Pani­ni­bild. Der furcht­lose Holz­fäller aus der CSSR. Der ver­ruchte Zahn­lose aus Schott­land. Der wür­de­volle Haar­kranz­träger aus Hol­land. Und natür­lich der ein­sil­bige Briegel, der, so merkte man jetzt, ein­fach keine Zeit für Geschwafel und Inter­views hatte, er musste schnell rennen. Ver­dammt schnell. Wie ein 100-Meter-Läufer. Nur einmal, im Finale 1986, kam er zu spät. Immerhin, er war so nah an Jorge Bur­ruchaga, dass er sicher­lich noch heute dessen Rasier­wasser in der Nase hat.

Jeden­falls, morgen spielt Nord­ma­ze­do­nien. Ich wünschte, ich wüsste nichts. Ich wünschte, ich könnte dieses Spiel anschauen wie einen dieser alten Fuß­ball-B-Movies, von dem man sich über­ra­schen lässt. Durch­ge­knallte Hand­lungs­rei­sende, geniale Außer­ir­di­sche, ver­rückte Wis­sen­schaftler, Tore aus 70 Metern, Magier, die in 97. Minute per Eck­ball treffen. Aber ich weiß schon viel zu viel. Ich weiß, dass die Mann­schaft in den ver­gan­genen 14 Spielen nur zweimal ver­loren hat. Ich weiß, dass der eigent­liche Top­stürmer Ilija Nes­to­rovski von Udi­nese Calcio mit einem Kreuz­band­riss aus­fällt. Ich weiß, dass sein Ersatz Alek­sandar Tra­j­kovski in der ver­gan­genen Saison für RCD Mal­lorca kein ein­ziges Tor gemacht hat. Und leider weiß ich immer noch, dass der dritte Tor­hüter Damjan Sis­kovski gerne singen möchte, obwohl er es nicht kann. Ich hoffe sehr, ich habe diese Infor­ma­tion morgen wieder ver­gessen.