Das letzte Heim­spiel des 1. FC Köln, das sie ver­passt hat, war der Sieg 1986 gegen Borussia Dort­mund, aber so was würde Silvia Krüger heute selbst­ver­ständ­lich nicht mehr pas­sieren. Damals musste ich mit meinem Ver­lobten Urlaub machen. Auf Gran Canaria, es war schreck­lich,“ sagt sie. Der Ver­lobte ist auch des­halb schon seit Ewig­keiten ein Ex-Ver­lobter, wäh­rend die Liebe zum 1. FC Köln noch weiter gewachsen ist. Inzwi­schen ist Silvia Krüger näm­lich Alles-Alles-Fah­rerin. Die Mitt­vier­zi­gerin hat seit 1989 kein Pflicht­spiel des FC aus­ge­lassen und 2001 die Anfor­de­rungen an sich sogar noch gestei­gert. Seither macht sie auch alle Fan­reisen in die Sommer- und Win­ter­trai­nings­lager mit.

Krüger kommt aus Lan­gen­feld am Rhein, das genau zwi­schen Köln und Düs­sel­dorf gelegen ist. Mitten durch die Stadt zieht sich eine eigent­lich unüber­wind­liche Trenn­linie, die Alt­bier­grenze. In Lan­gen­feld fangen die Kar­ne­vals­um­züge mit Helau“ an und enden in dem Viertel, wo sie wohnt, mit Alaaf“. Silvia Krüger stammt aus dem köl­schen Sektor“, wie sie selber sagt, und ange­sichts der Lan­gen­felder Beson­der­heiten lag es nahe, dass ihr Vater sie 1977 zum ersten Fuß­ball­spiel gerade nach Düs­sel­dorf mit­nahm. Mit einer FC-Mütze auf dem Kopf musste sie in den For­tuna-Block. Als die Düs­sel­dorfer nicht sehr nett zu mir waren, zeigte mein Vater auf den FC-Block und sagte: ›Da drüben jubeln die Guten‹. Ab diesem Zeit­punkt war ich FC-Fan.“

Seit dieser klas­si­schen Vater-Tochter-Fan­in­itia­tion wird die ganze Familie in Sil­vias Fuß­ball­wahn­sinn ein­ge­bunden. Die Schwester geht eben­falls zu jedem Heim­spiel, wes­halb die Eltern ihre Ver­ab­re­dungen nach dem Spiel­plan aus­richten müssen, um die Enkel zu beauf­sich­tigen. Als 1988 eines Mor­gens der Opa starb, gewann der FC am glei­chen Nach­mittag mit 1:0 in Mön­chen­glad­bach, und Krüger sang auf der Heim­fahrt vom Bökel­berg: So ein Tag, so wun­der­schön wie heute.“ Die Beer­di­gung des Opas fand selbst­ver­ständ­lich nicht an einem Spieltag statt.

Bevor in der Zei­tung steht, ich sei ein schlechter Chef, geb ich dir frei“

Seit 30 Jahren arbeitet Silvia Krüger in einer Nach­bar­ge­meinde von Lan­gen­feld, deren Name mit Lever-“ anfängt und mit „-kusen“ auf­hört. Einen Groß­teil davon hat sie im Büro des Ober­bür­ger­meis­ters gear­beitet und von einer einer extrem fle­xi­blen Urlaubs­ge­stal­tung pro­fi­tiert. Am schlimmsten war es in der zweiten Liga mit den Mon­tags­spielen in Cottbus und Unter­ha­ching, da musste ich mir Montag und Dienstag frei­nehmen.“ Der OB von Lever­kusen zeigte sich kulant, er habe immer gesagt, so erzählt Silvia, bevor in einer Kölner Zei­tung steht, dass ich ein schlechter Chef bin, gebe ich dir lieber frei“. Zur­zeit arbeitet Silvia Krüger bei der Pro­jekt­gruppe Neue Bahn­stadt Opladen“ und muss manchmal darum kämpfen, an Spiel­tagen frei zu bekommen.

Dass es ihr nicht immer leicht fiel, ins Sta­dion zu gehen, lag aber weniger an den mit­unter grau­sigen Dar­bie­tungen ihres Ver­eins, son­dern an Krank­heiten. So stand sie in Frank­furt mit 40 Grad Fieber im Gäs­te­block, viel mit­be­kommen hat sie nicht vom Spiel, egal, Haupt­sache die Serie war nicht gerissen. In Bremen brach sie sich den Fuß beim Sprung von einer Tri­büne. Beim nächsten Heim­spiel fuhr sie ihr Vater mit dem Auto direkt vor die Süd­tri­büne in Köln, und mit Lie­ge­gips kämpfte sie sich bis zu ihrem Stamm­platz vor. Inzwi­schen hat sie sich Über­le­bens­stra­te­gien zurecht­ge­legt, um im Sta­dion selbst keine gesund­heit­li­chen Schäden davon­zu­tragen. Wenn es zu auf­re­gend wird, spiele ich Tetris auf dem Handy, ziehe mir die Mütze ins Gesicht oder renne fünfmal wäh­rend des Spiels auf’s Klo.“ Trotzdem wäre sie bei einem Derby in Lever­kusen bei­nahe im Kran­ken­wagen abtrans­por­tiert worden. Sie hatte sol­ches Herz­rasen, dass sie dachte, ihr spränge das Herz zum Hals heraus. Damit das Drum­herum nicht zu stressig wird, fährt Silvia Krüger mitt­ler­weile so oft es geht mit dem ICE zu Aus­wärts­spielen („Im Fanbus läuft ja nur diese schreck­liche Schlager­mucke“) und über­nachtet vor Ort bei Freunden, die selbst­ver­ständ­lich fast aus­schließ­lich FC-Fans sind. Trotzdem bleibt sogar noch Zeit für rich­tigen“ Urlaub. Im Spät­herbst wartet Silvia Krüger sehn­süchtig auf den Rah­men­ter­min­ka­lender des DFB, um ihre rest­li­chen freien Tage ver­planen zu können.

War das jetzt in Däne­mark oder Schweden?“

Unter diesen Umständen stellt sich schon die Frage, ob der Traum aller Kölner Fans vom inter­na­tio­nalen Fuß­ball, für Silvia Krüger nicht eher eine Hor­ror­vor­stel­lung ist. Aus ihrer Anfangs­zeit kennt sie das ja noch, war in Bel­grad und zweimal in Glasgow, in Madrid und Norr­köping. Bei letz­terer Stadt ist sich Silvia nicht mehr sicher: War das jetzt in Däne­mark oder in Schweden?“ Man kann schon durch­ein­an­der­kommen bei weit über tau­send Spielen in den letzten 25 Jahren. Reisen in die euro­päi­schen Fuß­ball­tempel würden viel Geld kosten und das enge Zeit­budget noch mehr ein­schränken, oder? Ach Quatsch, das Geilste wäre doch, mit dem Bus nach Alma-Ata zu fahren. Dann muss ich eben am Urlaub sparen oder an den Trai­nings­la­gern. Pflicht geht vor Kür, das ist doch klar.“ Doch ob Pflicht oder Kür, als Fan ihres Ver­eins hat Silvia Krüger die Höchst­punkt­zahl sowieso ver­dient.