In seiner Jugend gab es eine kurze Zeit­spanne, die Dennis Heis­ter­kamp fast kom­plett aus seinem Gedächtnis ver­drängt hatte. Heute ist er Sänger der Punk­band The Platz­warts“ und glü­hender Rot-Weiss-Essen-Fan. Damals gehörte er auch schon zu den RWE-Anhän­gern, ver­kehrte aber zeit­weise mit Gestalten aus dem rechten Milieu und gehörte zu jenem Mob, der in der Kurve anti­se­mi­ti­sche Schlacht­rufe anstimmte. Nach einem Gespräch mit meiner Mutter, kam ich schließ­lich zur Erkenntnis, dass all das rechte Gedan­kengut über­haupt nicht meinem Wesen ent­spricht“, sagt Heis­ter­kamp. Es war ihm pein­lich, er stieg aus der Szene aus, bekam Dro­hungen und flüch­tete sich trotz seiner Liebe zu Rot-Weiss Essen schließ­lich für einige Zeit zum VfL Bochum. 

Wenn Heis­ter­kamp diese Geschichte auf der Bühne im Casa Schau­spiel Essen erzählt, dann ist ihm heute noch anzu­merken, wie sehr ihn das alles beschäf­tigt. Denn er ist kein Schau­spieler, er ist Fuß­ballfan und diese Geschichte hat er wirk­lich so erlebt. Dass er jetzt als Dar­steller des Stü­ckes Balls – Fuß­ball ist unser Leben“ auf der Bühne steht, war die Idee von Marc-Oliver Krampe. Der Regis­seur und Autor hat sich in den Fan­szenen im Ruhr­ge­biet nach Prot­ago­nisten für sein neu­estes Pro­jekt umge­sehen und wurde schnell fündig. Sieben Fans von Rot-Weiss Essen, Schalke 04 und Borussia Mön­chen­glad­bach haben sich bereit erklärt, bei dem Thea­ter­stück mit­zu­wirken. Krampe hat mit ihnen lange Inter­views geführt und auf deren Basis das Skript geschrieben.

Aus­län­der­feind­lich­keit ist im Sta­dion immer noch an der Tages­ord­nung

In der Eröff­nungs­szene sitzen die Dar­steller noch ver­gnügt auf ihren Bier­kästen, lassen sich das Pils schme­cken und erzählen Anek­doten über ihre Anfänge als Fan, über die tolle Gemein­schaft in der Gruppe und was sie dazu antreibt, näch­te­lang an Cho­reo­gra­fien zu arbeiten. Doch das Stück bedient längst nicht nur die Kli­schees der Sozi­al­ro­man­tiker. Fuß­ball ver­bindet und grenzt zugleich aus“, sagt Krampe. So zeigen vor allem die beiden pro­fes­sio­nellen Schau­spie­le­rinnen des Ensem­bles immer wieder die häss­liche Fratze des Fuß­balls auf. Homo­phobie, Aus­län­der­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tismus, Gewalt und Macho-Gehabe sind, trotz deut­li­chen Bes­se­rungen in den letzten Jahren, im Sta­dion immer noch an der Tages­ord­nung.

Wäh­rend der Auf­füh­rung werden unan­ge­nehme Fragen in den Raum geworfen: Was wäre eigent­lich, wenn sich ein deut­scher Natio­nal­spieler in nächster Zeit als schwul outen würde? Er wird sich mit Sicher­heit den Spott auf den Rängen gefallen lassen. Aber müssen das die Schieds­richter nicht auch Woche für Woche? Und was pas­siert dann bei der WM 2022 in Katar? Müsste man diesen Spieler aus Selbst­schutz dann nicht aus dem Kader strei­chen, weil Homo­se­xua­lität im Wüs­ten­staat strafbar ist? Es sind Fragen, deren Beant­wor­tung sich auch die FIFA kon­se­quent ver­wei­gert.

Authen­ti­zität durch bio­gra­fi­sche Erzäh­lung

Der Fuß­ball zeigt sich so zum einen als Vor­reiter für Tole­ranz und Inte­gra­tion und zum anderen als kon­ser­va­tives Rück­zugs­feld vom Alltag. Durch die Kehr­seite der Medaille gelingt es dem Stück binnen der 90 Minuten in über­ra­gender Art und Weise, einen steten Span­nungs­bogen auf­zu­bauen. Ergänzt wird das Schau­spiel durch ein­drucks­volle musi­ka­li­sche Bei­träge, Video­ani­ma­tionen und Zitate bekannter Fuß­ball­per­sön­lich­keiten. Neben der Unter­stüt­zung von Rot-Weiss Essen, deren Trainer Wal­demar Wrobel beim Ein­stu­dieren einer Trai­ningscho­reo­grafie half, wurde das Pro­jekt auch durch die DFB-Kul­tur­stif­tung geför­dert. Dass es sich beim Groß­teil der Schau­spieler um Laien han­delt, sorgt zusätz­lich für Authen­ti­zität, schließ­lich han­delt es sich inhalt­lich um nichts weniger als deren eigene Bio­gra­fien.

Bei Dennis Heis­ter­kamp hat man bei­nahe das Gefühl, als hätte das Stück für ihn selbst eine rei­ni­gende Wir­kung gehabt, um sich noch einmal intensiv mit seiner Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­zu­setzen. Sein Gast­spiel beim VfL Bochum hat nur kurz ange­dauert. Schon lange steht er wieder bei Essen im Fan­block. Als er eines Tages einen bul­ligen RWE-Fan aus der rechten Szene ansprach, wel­chen geis­tigen Müll er da gerade aufs Spiel­feld gebrüllt hat, bekam er als Ant­wort: Du bist ganz schön mutig Junge, aber im Grunde hast du ja recht.“ Den rest­li­chen Tag hat er nur noch grin­send ver­bracht.