Seite 2: Hoppala: Espresso auf der Röntgenaufnahme

Dabei war unser Medi­ziner weiß Gott kein Fuß­ballfan. Er hielt die Fuß­lüm­melei für eine Zumu­tung und die Fas­zi­na­tion, die dieses Spek­takel auf die gebil­deten Stände aus­übte, für einen gesell­schaft­li­chen Irrweg. Und doch hatte ihm diese Arbeit unge­ahnte Popu­la­rität ver­schafft. Dass er seither immer wieder auch von attrak­tiven Frauen auf der Straße ange­spro­chen wurde, nahm er schmun­zelnd hin. Es bedeu­tete ihm nichts. Und es war nur pro­fes­sio­nell gewesen, dass er recht bald einen Stoß Auto­gramm­karten hatte anfer­tigen lassen, auf denen er, wie er fand, aus­neh­mend gut getroffen war. Das zeitlos schul­ter­lang getra­gene Haar, durch eine kunst­fertig auf­ge­brachte Tönung in tiefem Schwarz gehalten. 

Natür­lich, er würde sich auch in Zukunft vor­sehen müssen. Die Kon­kur­renz schlief nicht. All die ehr­gei­zigen jungen Kol­legen! Aus­ge­hun­gerten Hyänen gleich war­teten sie nur auf ein Anzei­chen von Schwäche. Wie im letzten Jahr, als er einen Mus­kel­riss beim hol­län­di­schen Stürmer der Münchner Bayern über­sehen hatte, weil die brave Flo­rence seinen Espresso aus­ge­rechnet auf der Rönt­gen­auf­nahme abge­stellt hatte. Er hatte ihr nicht lange böse sein können. Und doch war da nie­mand, dem er seine Nach­folge zuge­traut hätte. Wer konnte allein durch bloßen Augen­schein treff­si­cher den Unter­schied zwi­schen Innen­band­ab­riss und offenem Bruch erkennen? Er nicht, die anderen aber auch nicht! 

Rei­zung des Syn­de­mo­se­bandes. Das hab‘ ich selbst erfunden.“

Das Klin­geln seines Tele­fons riss ihn aus seinen Gedanken. Das würde die Tochter sein, die sich für ihr unge­bühr­li­ches Ver­halten vorhin ent­schul­digen wollen würde. Ohne das Tempo seines Sport­wa­gens unnötig zu dros­seln, durch­querte er eine Spiel­straße und nahm dann den Anruf ent­gegen. Wie geht es Lo …“, begann er, aber es war nicht das Fräu­lein Tochter, son­dern ein junger Hoff­nungs­träger aus dem rhei­ni­schen Lever­kusen. Hakan, wie schön dich zu hören!“ Aber der Jung­spund war nicht zum Plau­dern auf­ge­legt. Er fragte, wie schon so oft in dieser Spiel­zeit, nach einer Krank­schrei­bung. Aber in sol­chen Dingen konnte Dr. Mull sehr streng sein. Der Eid des Hip­po­krates bedeu­tete ihm sehr viel. Drei Wochen“, beschied er den Anrufer. Dia­gnose: Rei­zung des Syn­de­mo­se­bandes. Das hab‘ ich schließ­lich 1997 selbst erfunden.“ Dr. Mull legte ver­gnügt auf. Unver­gessen, wie er mit diesem Genie­streich damals die Praxis gerettet hatte.

Zehn Minuten später fuhr er beim Käfer vor. Im Ver­kaufs­raum herrschte das übliche Gedränge. Dr. Mull musste über die stock­eitle Münchner Gesell­schaft schmun­zeln, die sich vor den Vitrinen ein Stell­dichein gab. Er ver­stand sich, unge­achtet seiner Popu­la­rität, als ganz nor­maler Mensch. Er wollte keine Pri­vi­le­gien. Und war doch ent­täuscht, dass die Bedie­nungen ihn nicht an der Schlange vorbei nach vorne baten, obwohl sein Kommen zuvor mehr­fach durch Mit­ar­beiter seiner Arzt­praxis ange­kün­digt worden war. Zumal nun auch noch der Assis­tent dieses spa­ni­schen Par­venus nach vorne durch­ge­winkt wurde. Zorn stieg im beliebten Medi­ziner auf. Diese Intrige, fein gesponnen vom Käfer und der kata­lo­ni­schen Mafia, brachte das Fass zum Über­laufen. Noch heute würde er zurück­treten, alles hin­werfen. Er griff zum straß­be­setzten Telefon…