Seite 2: „Mama, da ist ein schwarzes Mädchen in unserer Klasse“

Wie war es in der Schule?
Da wurde ich recht schnell akzep­tiert. Ich saß zufällig neben Fabian Ernst. Er hat mir sehr geholfen. Aber es gab auch Idioten, die mich wegen meiner Haut­farbe belei­digt haben. Ich habe schnell ver­standen, was Neger“ bedeutet. Klar braucht man Zeit, um mit diesen Bemer­kungen der anderen Kinder umgehen zu können. Ich bin denen ein­fach aus dem Weg gegangen. Und ich habe meine Oma schreck­lich ver­misst, weil sie immer meine Bezugs­person war.

Haben Sie nicht mit ihr über Ihre Pro­bleme gespro­chen?
Gar nicht. Ich habe ver­sucht, damit selbst klar­zu­kommen.

Und Ihre Eltern?
Mama und Papa waren ständig arbeiten. Wir Kinder haben viel für uns selbst gesorgt. Als wir aus der Schule gekommen sind, haben wir selbst gekocht und die Woh­nung sauber gehalten. Ich wollte meinen Eltern nach ihrer Arbeit nicht auch noch die Last auf­bürden und von der Schule erzählen.

Inwie­weit hat Ihnen der Fuß­ball bei der Inte­gra­tion geholfen?
Fuß­ball ver­bindet. Der Sport hat mir geholfen, zurecht­zu­kommen. Fabian, ich und die anderen haben schon auf dem Pau­senhof mit einem Ten­nis­ball Fuß­ball gespielt. Wir haben Jacken auf den Asphalt gelegt, um die Tore zu mar­kieren.

Und wie kamen Sie zu einem Verein?
Ein Fami­li­en­freund hat im Verein gespielt, er hat mich einmal mit­ge­nommen. Das hat mir ziem­lich gefallen, des­wegen haben mich meine Eltern dann im Verein ange­meldet.

Später waren Sie bei Han­nover 96, auf Schalke wurden Sie zur Legende. Auch wäh­rend Ihrer Pro­fi­kar­riere waren Sie immer wieder mit Ras­sismus kon­fron­tiert.
Ich hatte es nicht leicht. Erst bei der WM 2006 hat man gemerkt, dass Deutsch­land auch welt­offen sein kann. Wie wir uns alle in den Armen lagen – egal, wo man herkam. Das war der Anfang. Die Leute haben positiv über Deutsch­land gespro­chen.

Den­noch haben Sie nur wenige Wochen nach der WM in Ros­tock Affen­laute zu hören bekommen.
Das hat ziem­lich geschmerzt. Es war bitter, dass einige immer noch nicht ver­standen hatten, dass die Haut­farbe egal ist. In Ghana haben viele dann gesagt, dass die Gast­freund­schaft bei der WM nur Schein war. Gewisse Idioten kann man eben nicht ändern, aber es denken ja nicht alle so. Grund­sätz­lich hat sich das Land gut ent­wi­ckelt.

Wie haben Sie es geschafft, das zu trennen und nicht zu dem Schluss zu kommen: Deutsch­land ist ras­sis­tisch?
Für mich war ein­fach sehr ent­schei­dend, dass meine Bezugs­per­sonen mich so auf­nehmen, wie ich bin. Den anderen habe ich keine Beach­tung geschenkt. Ich ver­suche sowieso immer, positiv mit allem umzu­gehen.

Welche Erfah­rungen machen zum Bei­spiel Ihre Kinder in diesen Tagen? Sie stehen nicht so im Ram­pen­licht und werden daher sicher­lich anders behan­delt, oder?
Sicher. Meine Tochter wurde vor kurzem ein­ge­schult. Eine Mit­schü­lerin hat zu Hause dann Ihre Mutter ange­spro­chen: Mama, wir müssen ein paar Sachen ein­pa­cken. Es ist ein schwarzes Mäd­chen zu uns in die Klasse gekommen. Sie braucht bestimmt Kla­motten, sie ist Flücht­ling.“ Die Mutter hat dann gesagt: Nein, das ist die Tochter von Asa­moah.“ Die Kleine wusste das aber gar nicht. Das war sehr, sehr süß. Das hat mir gezeigt, dass sich sogar Kinder mit dem Thema beschäf­tigen.

Wenn ein Erwach­sener so han­deln würde: Wäre eine solche Denk­weise nicht ras­sis­tisch?
Es ist sehr schwierig. Wenn mich als schwarzen Men­schen in der Stadt jemand fragt, ob er mir was zum Anziehen geben soll, tut das einer­seits schon weh. Ande­rer­seits ist es keine Belei­di­gung, es ist ein­fach für­sorg­lich, zu fragen, ob jemand Hilfe gebrau­chen könnte.

Herr Asa­moah, lassen Sie uns über Ihre Kar­riere in der Natio­nal­mann­schaft spre­chen. Sie sind als erster gebür­tiger Afri­kaner für Deutsch­land auf­ge­laufen. Wie kam es dazu?
Ich stand vor der Ent­schei­dung, für wel­ches Land ich spielen wollte. Ghana hatte tau­send Mal ange­fragt, ich war auch einmal dort, um mir alles anzu­schauen. Es war mein erster Besuch seit meiner Ankunft in Deutsch­land – nach neun Jahren. Ich wurde bei der Natio­nal­mann­schaft aber nicht ein­ge­setzt. Als ich später immer wieder ein­ge­laden wurde, lehnte ich ab und behaup­tete, ich wäre noch nicht bereit. Es war eine Bauch­ent­schei­dung – für Deutsch­land, weil ich mich hier hei­misch fühle.

Wie haben Sie von Ihrer ersten Nomi­nie­rung erfahren?
Rudi Völler hat mich ange­rufen, als ich gerade im Auto war. Ich war erstmal geschockt, dass mich tat­säch­lich der Bun­des­trainer anruft. Aber inner­lich habe ich mich natür­lich gefreut.

Wie hat die Öffent­lich­keit auf Ihr Debüt am 29. Mai 2001 beim 2:0 gegen die Slo­wakei reagiert?
Ich habe bei dem Spiel gleich ein Tor gemacht, des­wegen waren die Reak­tionen aus­schließ­lich positiv.

Kei­nerlei Kritik?
Nein. Nie­mand ist zu mir gekommen und hat gesagt: Was suchst du Schwarzer in unserer Mann­schaft?“ Die Men­schen sind oft zu feige, um dir so etwas ins Gesicht zu sagen. Mög­li­cher­weise haben welche so gedacht, es dann aber für sich behalten.

Und wie waren die Reak­tionen der Spieler?
Ich bin damals mit Jörg Böhme ange­reist. Wir kamen etwas später, weil wir vorher noch das DFB-Pokal­fi­nale gespielt hatten. Die Natio­nal­mann­schaft war Neu­land für mich. Plötz­lich saß ich in der Kabine neben Oliver Kahn und Oliver Bier­hoff und sollte draußen mit denen zusammen Fuß­ball spielen. Sie waren sehr herz­lich und haben gleich Hallo“ gesagt. Ich habe mich mit meinen 21 Jahren wie ein kleines Kind gefühlt und diesen Moment ein­fach nur genossen.