Gerald Asa­moah, Sie sind im gha­nai­schen Mam­pong geboren. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an Ihre Kind­heit?
Die Zeit ist natür­lich nicht mit der zu ver­glei­chen, in der meine Kinder heute auf­wachsen. Wir hatten keine drei Mahl­zeiten am Tag, son­dern waren froh, wenn wir über­haupt etwas zu essen hatten. Wir haben in einem Dorf bei meiner Oma gelebt, es gab nicht so viele Mög­lich­keiten. Des­wegen haben wir nach der Schule den ganzen Nach­mittag Fuß­ball gespielt. Meis­tens barfuß auf einem Hart­platz, auf dem auch Scherben lagen.

Und als Sie nach Hause gekommen sind, haben keine Eltern auf Sie gewartet.
Mein Vater ist nach Deutsch­land gegangen, als ich zwei Jahre alt war, weil er als kri­ti­scher Jour­na­list poli­tisch ver­folgt wurde. Seine Arbeit miss­fiel der Regie­rung. Als er sich in Deutsch­land zurecht­ge­funden hatte, holte er zwei Jahre später meine Mama dazu. Meine Oma war für mich Mama und Papa zusammen. Sie war mein Ein und Alles. Von meinen Eltern habe ich kaum noch etwas gehört.

Es gab keinen Kon­takt?
Sie haben einmal im Monat ange­rufen. Wir besaßen zu Hause zwar kein Telefon, aber es gab im Dorf ein Center, in dem Anrufe ankamen. Dort hat meine Mama immer ange­rufen und gesagt: Können Sie den Asa­moahs bitte Bescheid geben, dass ich um 20 Uhr anrufe?“. Ein Bote hat uns das über­mit­telt. Dann sind wir dorthin gegangen und haben gewartet, bis sie anrief. Dann haben wir bloß ein paar Minuten geredet, viel hatten wir uns damals nicht zu sagen.

Sie hatten keinen per­sön­li­chen Kon­takt?
Doch. Meine Mama ist öfters zu mir gereist. Mein Vater hat mich wäh­rend der zehn Jahre, in denen ich ohne meine Eltern in Ghana gelebt habe, nur einmal besu­chen können. Da hatte ich mir Fuß­ball­schuhe von ihm gewünscht. Als er sie mir mit­ge­bracht hat, habe ich sie ver­schenkt, weil die meisten in meinem Dorf barfuß gespielt haben. Da konnte ich nicht plötz­lich als Ein­ziger mit Fuß­ball­schuhen her­um­laufen. Des­wegen habe ich sie einem älteren Freund geschenkt, der höher­klassig in einem Verein spielte und Schuhe brauchte.

Wie haben Sie sich in dieser Zeit mit Deutsch­land aus­ein­an­der­ge­setzt?
Wir hatten natür­lich auch keinen Fern­seher, ich hatte anfangs also gar kein Bild von Deutsch­land. Ich wusste nur, dass meine Eltern im dama­ligen West­deutsch­land lebten. Als meine Mutter zu Besuch kam, hat sie mir den Otto-Katalog vor­bei­ge­bracht. Den habe ich dann durch­ge­blät­tert und gesehen, was es alles in Deutsch­land gibt. Ich kannte das Land nur aus dem Katalog. So hatte ich zumin­dest eine unge­fähre Vor­stel­lung von Deutsch­land.

Wie sah diese Vor­stel­lung aus?
Wenn du in Afrika lebst, denkst du, dass es dir in Europa sehr, sehr gut geht. Und als Kind träumst du sowieso sehr viel. Ich habe her­um­ge­sponnen und mir vor­ge­stellt, dass es in Deutsch­land alles umsonst gibt. Zum Bei­spiel die Kla­motten, die ich in diesem Otto-Katalog gesehen habe.

Haben Sie nie mit Ihrer Mutter über Deutsch­land geredet, als sie Sie besucht hat?
Nein. Wir haben nie dar­über geredet, wie es tat­säch­lich dort ist. Ich dachte ein­fach, dass in Deutsch­land alles besser sei.

Des­wegen sind Sie mit zwölf Jahren nach­ge­kommen. Wie lief der Tag ab, als Sie nach Deutsch­land gereist sind?
Wir hatten uns schon von den Freunden ver­ab­schiedet, sind am 10. November 1990 geflogen und am 11. November in Deutsch­land ange­kommen. Die Vor­freude war riesig – auch weil ich zum ersten Mal geflogen bin. Meine Mama hatte mir gesagt: Bei uns ist es kalt. Nimm deine Jacke mit.“ Weil ich so auf­ge­regt war, habe ich meine Jacke aber in den Koffer gepackt. Als unser Vater mich und meine beiden Geschwister in Frank­furt am Flug­hafen abge­holt hat, habe ich erstmal gemerkt, wie kalt es wirk­lich sein kann.

Ein Schock für Sie?
Natür­lich. Es war Winter und ich kam im T‑Shirt. (Lacht.) Ich war so über­wäl­tigt von den neuen Ein­drü­cken, dass ich in diesem Moment gar nicht daran gedacht habe, die Jacke aus dem Koffer zu holen. Wir haben alles schnell im Auto ver­laden. Als wir auf der Fahrt von Frank­furt nach Han­nover an einer Rast­stätte für eine Toi­let­ten­pause gehalten haben, bin ich gar nicht aus dem Auto gestiegen, weil mir zu kalt war. Ich habe durch­ge­halten bis Han­nover.

Wie ver­liefen die ersten Tage?
Sie waren nicht leicht. Du kommst in ein Land, sprichst kein Wort Deutsch und lebst bei deinen Eltern, die du gar nicht kennst, weil du nie mit ihnen zusam­men­ge­lebt hast. Dann kommst du zum ersten Mal in die Woh­nung und triffst plötz­lich auf deinen Bruder. Er wurde in Deutsch­land geboren, als ich noch in Ghana war. Ich kannte ihn nur von Bil­dern, da mussten wir plötz­lich mit­ein­ander zurecht­kommen.

Wie hat das funk­tio­niert?
Er konnte kein Wort Twi (Amts­sprache Ghanas, d.Red.) oder Eng­lisch. Wir haben über Hand­zei­chen kom­mu­ni­ziert.

Klingt nach einer schweren Anfangs­zeit.
Sicher. Vieles war zwar schön. Ich wusste: Wenn ich den Kühl­schrank auf­mache, ist auch etwas drin. Da konnte ich ein­fach hin­gehen und mir einen Joghurt nehmen. In Ghana hatten wir nicht mal einen Kühl­schrank. Wenn du aber die Sprache nicht beherrschst, weißt du gar nicht, was die Leute auf der Straße von dir wollen. Und es war normal, dass man als schwarzes Kind ange­starrt wurde.