Jerome Boateng, muss man sich Sorgen um Sie machen?
Meinen Sie wegen der Ver­let­zung? Nein, sieht ganz gut aus (hebt die Hand mit der Man­schette am Daumen). Die Sache ist schmerz­haft, aber es geht.

Werden Sie mit dieser Man­schette auch gegen Ghana auf­laufen?
Ich ver­mute mal, dass ich noch eine andere Schiene bekomme, die über den Daumen geht, damit ich mich nicht ver­haken kann. Aber im Alltag ist das Ding jetzt mein Partner für die nächsten sechs Wochen.

Das Gute an der Ver­let­zung war, dass Sie in den Genuss eines Hub­schrau­ber­fluges gekommen sind.
Stimmt, wir sind mit dem Hub­schrauber ins Kran­ken­haus geflogen. Das ist immer wieder ein cooles Erlebnis: Wenn es so extrem schnell nach oben geht. Der Blick aufs Wasser, den Strand und die Wälder. Das war beein­dru­ckend.

Wie sehr sind Sie denn davon beein­druckt, dass Sie bei der WM nach 2010 schon wieder gegen Ghana und Ihren Bruder Kevin-Prince Boateng spielen?
Natür­lich ist das immer noch was Beson­deres, aber irgendwie ist es auch anders als vor vier Jahren. Damals war das wirk­lich etwas Neues, etwas Außer­ge­wöhn­li­ches. Ich will nicht sagen, dass das schon Alltag ist – weil eine WM nie Alltag ist. Aber inzwi­schen haben wir auch in der Bun­des­liga schon oft gegen­ein­ander gespielt.

Wie war denn das als Kind: Wurden Sie immer in unter­schied­liche Mann­schaften gesteckt, weil Sie sonst zu stark gewesen wären?
Mal so, mal so. Das kam ganz darauf an. Wenn wir mit Freunden gespielt haben, waren wir meist in unter­schied­li­chen Teams. Wenn wir gegen eine andere Clique gespielt haben, standen wir natür­lich in einer Mann­schaft.

Wie sieht denn Ihr Kon­takt zuein­ander im Augen­blick aus?
Es gibt keinen. Das letzte Mal hatten wir vor der WM Kon­takt mit­ein­ander. Jetzt ist jeder so ein biss­chen für sich. Jeder kon­zen­triert sich auf sein Team, auf seine Auf­gaben.

Das ist kaum vor­stellbar. Sonst kom­mu­ni­zieren Sie beide täg­lich mit­ein­ander, und jetzt soll plötz­lich Funk­stille herr­schen?
So ist es, ob Sie es glauben oder nicht.

Spre­chen Sie sich da ab?
Nein, das ist nicht abge­spro­chen, das ist ein­fach so.

Dann wird jetzt über den Vater kom­mu­ni­ziert?
Auch nicht. Momentan denkt wirk­lich jeder nur an sich.

Wie wird Ihr Vater das Spiel ver­folgen?
Er wird im Sta­dion sein. Bei unserem ersten Spiel gegen Por­tugal war er auch live dabei.

Haben Sie auch etwas vom Spiel Ihres Bru­ders sehen können?
Nur die letzte halbe Stunde, als wir nach unserem Por­tugal-Spiel wieder im Quar­tier waren. Davor habe ich es am Live­ti­cker ver­folgt.

Inwie­fern spielt es für Sie eine Rolle, dass es für Ghana und Ihren Bruder schon fast um alles geht?
Ich denke mal, dass sie von sich erwartet hatten, ihr erstes Spiel gegen die USA zu gewinnen. Dann hätten sie etwas ruhiger ins zweite Spiel gehen können. Jetzt müssen sie unbe­dingt gegen uns gewinnen. Ghana wird also angreifen müssen. Das muss uns aber nicht weiter stören.

Ihr Bruder hat gesagt, dass es für sein Team ein Spiel bis aufs Blut wird. Teilen Sie seine Ein­schät­zung?
Tja, für Ghana geht es jetzt schon um alles. Sie werden alles auf­bieten, was in ihnen steckt. Und von afri­ka­ni­schen Mann­schaften wissen wir ja, dass sie sehr kör­per­be­tont spielen. Da werden wir ordent­lich gegen­halten müssen.

Ihr Vater hat neu­lich erzählt, dass er vor vier Jahren Tränen in den Augen hatte, als er die Hymnen beider Nationen hörte und in jeder Mann­schaft je einen seiner Söhne sah. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Ich kann unseren Vater gut ver­stehen, ich hatte auf dem Platz auch eine Gän­se­haut. Als Fuß­ball­profi erleben wir ja schon das eine oder andere, aber dieser Moment war für mich doch sehr emo­tional.

Laufen da Bilder vor dem inneren Auge ab?
Ja, wenn man die Augen mal kurz schließt. Oder auch vor dem Spiel. Da musste ich an unsere Kind­heit denken, wie wir zusammen gespielt haben oder im Urlaub waren. So Großer-Bruder-Sachen eben.

Zum Bei­spiel?
Wenn ich mal einen schlechten Tag hatte und Kevin mich auf­ge­mun­tert hat. Oder wenn es mir schlecht ging, und er immer für mich da war. So was.

An Ihrer Bezie­hung hat sich auch nach den Jahren der Distanz nichts geän­dert?
Nein, er ist mein großer Bruder und wird das auch immer bleiben. Mal ist unsere Bezie­hung inten­siver, mal weniger intensiv. Das ist doch normal. Jetzt hat er gerade sein zweites Kind bekommen, da hat er natür­lich andere Dinge im Kopf.

Sie haben mal erzählt, dass Sie sowohl afri­ka­ni­sche als auch deut­sche Seiten an sich erkennen. Sind Sie als Fuß­baller inzwi­schen deut­scher geworden?
Deut­scher würde ich nicht unbe­dingt sagen. Ich hoffe, es ist immer noch eine gute Mischung. Ich denke, dass die guten deut­schen Züge bei mir zu finden sind, aber auch ein Tick afri­ka­ni­scher Dinge. Ich glaube schon, dass ich viel afri­ka­ni­sches Blut in mir habe. Man sagt immer, mein Lauf­stil sei afri­ka­nisch, weil er ein biss­chen lässig wirkt. Und wenn mir mal ein Fehler unter­läuft, wird das auch oft auf meine afri­ka­ni­schen Wur­zeln zurück­ge­führt. Aber was ist daran afri­ka­nisch? Deut­sche machen auch Fehler. Ich bin froh und dankbar, dass ich so eine Mischung habe und dass sie auch von Vor­teil ist.

Zum Bei­spiel?
Meine Schnel­lig­keit, denke ich, ist ein Bei­spiel.

Gibt es auf dem Fuß­ball­feld Situa­tionen, in denen Sie ganz bewusst Ihre afri­ka­ni­sche Ader anspre­chen?
Inter­es­sante Frage. Aber ich spreche eher andere Dinge an: Bei den Bayern zum Bei­spiel gibt es Spiele, wo wir total viel Ball­be­sitz haben und der Ball fast nur in der geg­ne­ri­schen Hälfte ist. Da bist du als Ver­tei­diger irgendwie gar nicht richtig im Spiel. Trotzdem musst du immer unter Span­nung bleiben, falls mal ein langer Ball kommt. Da spreche ich mit mir selbst, um auf­merksam zu bleiben.

Wie hört sich das an?
Ich folge dem Ball, also: Jetzt links, jetzt rechts. Ich will wach bleiben, so dass ich von einer auf die andere Sekunde han­deln kann. Du hast ja auch mal einen Tag, wo du ein­fach nicht so spritzig bist im Spiel. Da muss ich meine Auf­merk­sam­keit schärfen. Mitt­ler­weile gelingt mir das ganz gut.

Ihre Art wird Ihnen manchmal als Cool­ness aus­ge­legt, ein anderes Mal als Schlaf­müt­zig­keit.
Stimmt, man muss die Mischung finden. Wenn es einen Tick zu sehr in die eine Rich­tung geht, heißt es gleich wieder: Ach der, der ist mal wieder zu locker und lässig. Aber so spiele ich schon, seit ich klein war. Dieses Lockere, der Lauf­stil – das gehört zu mir, zu meinem Spiel. Das wird sich nicht ändern, und das will ich auch gar nicht ändern. Ich will immer eine gute und kon­zen­trierte Leis­tung bringen. Aber wenn ich meinen Spiel­stil ändere, würde ich nur ver­krampfen und Fehler machen.

Waren Sie inzwi­schen eigent­lich mal in Ghana?
Nein, leider immer noch nicht.

Wel­ches Bild haben Sie von dem Land?
Ein sehr schönes. Ich habe auch ja auch schon viele Bilder gesehen. Und Geschichten gehört. Meine Schwester war vor ein­ein­halb Jahren in Ghana, für fast drei Monate. Sie hat mir auch Fotos von meiner Oma mit­ge­bracht.

Vor vier Jahren war das Duell gegen Ghana auch des­halb so auf­ge­laden, weil Ihr Bruder nach seinem Foul an Michael Bal­lack in Deutsch­land als der Staats­feind Nummer eins galt. Haben Sie das Gefühl, dass er inzwi­schen reha­bi­li­tiert ist?
Das denke ich schon. Er ist recht positiv auf­ge­nommen worden, als er vor einem Jahr nach Deutsch­land zurück­ge­kommen ist. Er hat bei Schalke gute Leis­tungen abge­lie­fert und sich sogar zum Publi­kums­lieb­ling ent­wi­ckelt. Und das wird nur jemand, der seine Leis­tung ablie­fert, der ein Typ ist und auch vor­an­geht.

So wie beim AC Mai­land, als er nach einer ras­sis­ti­schen Belei­di­gung von den Rängen seine Mann­schaft ani­miert hat, den Platz zu ver­lassen.
Genau, das war wichtig, dass er sich dagegen gewendet hat. Und ein rich­tiger Schritt in die rich­tige Rich­tung. Ich war auf jeden Fall sehr stolz auf ihn.

Ihr Bruder sagt: Solche Typen, die vor­an­gehen, fehlen der deut­schen Mann­schaft.
Wenn er das so meint. Aber auch das wird am Samstag ent­schieden.