Seite 2: Desorientiert mit Arminia

So nervig es manchmal ist, wenn sich wieder der Nachbar wegen Kon­rads Balkon-Gegröle beschwert, und so sehr ich mich bis­weilen in die hei­mi­sche Wohn­stube wün­sche, wenn ich mit den Jungs im Ober­rang der zugigen Ost­kurve hinter einer Pom­mes­tonne mit Preetz-Trikot hocke, so nahe fühle ich mich den beiden stets in ihrer ganzen Lei­den­schaft für den Fuß­ball. Und ich gestehe, dass ich manchmal auch ein biss­chen nei­disch bin auf ihre unge­trübte, unver­stellte Begeis­te­rung. 

Natür­lich schaue ich als 43-Jäh­riger inzwi­schen eini­ger­maßen abge­klärt auf den Fuß­ball im All­ge­meinen und meinen Lieb­lings­verein im Spe­zi­ellen. Zwar ist Arminia immer noch mühelos in der Lage, mir mit einer Nie­der­lage das kom­plette Wochen­ende zu ver­sauen. Und ich gestehe, dass ich wäh­rend durchaus wich­tiger Bespre­chungen gerne mal aufs Handy linse, um dort herr­lich egale Stim­mungs­be­richte aus dem Trai­nings­lager in Belek oder sonst wo zu stu­dieren.

Aber ich weiß eben auch, dass Elton John nicht so ganz unrecht gehabt hat, als er mit Kla­vier­be­glei­tung vom Circle of Life“ sang. Auch der Fuß­ball ist ein ewiger Kreis­lauf aus Tri­um­phen und Tränen, Abstiegen, hehren Plänen und geplatzten Träumen. Alles war schon mal da und kehrt wieder. Oder um es banaler zu for­mu­lieren: Wer auf­steigt, steigt auch wieder ab.

Selbstge­nähte Arminia-Fahne im Klas­sen­raum

Das weiß ich heute. Aber ich werde mich hüten, derlei alters­weise Erkennt­nisse an den Nach­wuchs wei­ter­zu­geben, nicht nur weil man sich dabei schnell anhört wie schloh­weiße Zeit­zeugen, die mit brü­chiger Stimme vom Hun­ger­winter 1946 erzählen. Nein, die Erfah­rung, dass nichts von Dauer ist und dass Fuß­ball jen­seits der Allianz Arena in der Regel nach der Neun-Zehntel-Formel funk­tio­niert, also auf eine ansehn­liche Partie neun schwer erträg­liche Grot­ten­kicks kommen, sollen die Jungs schon selber machen.

Vor allem aber kann ich mich auch noch gut daran erin­nern, wie es war, als mich damals der Wahn­sinn gepackt hat. Wie ich vor wich­tigen Spielen kaum in den Schlaf fand. Wie ich mit einem Schul­freund meine selbstge­nähte Arminia-Fahne im Klas­sen­raum auf­hing, worauf meine Deutsch­leh­rerin am Eltern­sprechtag meiner Mutter mit­teilte, ich wirke auf sie noch irgendwie des­ori­en­tiert“ (was übri­gens zu einem geflü­gelten Wort in unserer Familie wurde). Wie ich unseren Mit­tel­feld­spieler Andreas Golombek am Mann­schaftsbus abpasste und ihm das Ver­spre­chen abnö­tigte, auf keinen Falle den Verein zu ver­lassen, woran er sich aller­dings ein paar Wochen später nicht mehr erin­nern wollte.

99 Biele­felder ließen keinen Platz für Schalker“

Und ich habe zwar nicht nachts im Bad herum­geröchelt wie Leo, dafür aber damals aktu­elle Arminia-Fan­ge­sänge auf Kas­sette auf­ge­nommen. Die fand ich neu­lich in der Woh­nung meiner Mutter wieder, ich hatte mit erstaun­li­cher Aus­dauer 30 Minuten durch­ge­sungen, dar­unter krude Adap­tionen dama­liger Smash­hits („Arminen lügen nicht“ und 99 Biele­felder ließen keinen Platz für Schalker“).

Ich habe in der letzten Zeit oft an damals gedacht und begriffen, dass die ersten Jahre im Sta­dion viel­leicht die schönste Zeit sind, die wir als Fuß­ballfan erleben. Es ist eine neue Welt, in die wir stau­nend treten, eine Welt mit eigenen Gesetzen und Ritualen, mit Fahnen und Gesängen, mit Gebrüll und Geme­cker, mit zyni­schen Greisen und mosernden Fami­li­en­vä­tern, mit großem Jubel und tiefer Trauer. Und über die Jahre werden wir, wenn alles gut läuft, selbst Teil dieser Welt.

Ich kann mich noch gut daran erin­nern, wie ich mich damals, Anfang der acht­ziger Jahre auf der Bie­le­felder Alm, erst nach langem Zögern und Her­um­ge­lunger im anlie­genden Sektor end­lich traute, in den Fan­block zu gehen. Dort, wo Jungs in Bom­ber­ja­cken grin­send die Gin­fla­schen zeigten, die sie an des­in­ter­es­sierten Ord­nern vorbei hin­ein­ge­schmug­gelt hatten, und bär­tige Rocker­typen mit schmut­zigen Kutten ihre Fahnen schwenkten. Und was für ein Glücks­ge­fühl war das, als ich wider Erwarten nicht sofort wieder raus­ge­worfen wurde.

Und des­halb erkenne ich mich nun selbst wieder, wenn ich mit den Söhnen den Ober­rang betrete und Konrad mit seiner Fahne sofort zur Brüs­tung läuft und sehn­süchtig hin­unter in den Unter­rang, in die echte Fan­kurve blickt. Da will er eigent­lich hin und nicht mehr mit dem spröden Vater her­um­sitzen, der noch nicht mal alle Spieler kennt und wäh­rend des Spiels nur dann die Faust ballt, wenn das Handy ein Tor in Bie­le­feld ver­meldet.

Ein wenig packt mich dann die Wehmut, wenn ich merke, dass unsere gemein­same Zeit im Sta­dion womög­lich schon bald zu Ende geht. Ich fand es immer schön, mit den Jungs über das Spiel zu reden und mir von Leo mit Dozen­ten­stimme tak­ti­sche Fein­heiten der Mann­schafts­auf­stel­lung erklären zu lassen.