Seite 3: Nicht Zuschauer, sondern Fan

Wahr­schein­lich werde ich Konrad und in seinem Schlepptau auch Leo in der nächsten Saison am Auf­gang zur Ost­kurve ver­ab­schieden und mich allein auf die Tri­büne hocken. Ich bin mir sicher, die Jungs werden deut­lich mehr Spaß haben, wenn sie brüllen und singen können, ohne dass hinter ihnen ständig einer mosert, dass sie sich gefäl­ligst wieder hin­setzen sollen.

Sollte Konrad aller­dings auch nur halb­wegs seine Ange­wohn­heit bei­be­halten, die geg­ne­ri­schen Spieler laut­stark und durchaus fan­ta­sie­voll zu belei­digen, dürfte er als­bald zu jenen gehören, die mit dem Trans­pa­rent Aus­ge­sperrte immer bei uns!“ gegrüßt werden. Aber das nur nebenbei.

Ziga­ret­ten­rauch und Bier­du­schen

Das Bild aus Man­chester hilft mir nun zu begreifen, dass dies genau der rich­tige Weg ist. Ich will, dass Konrad und Leo annä­hernd so viel Spaß haben wie die Jungs damals. Den werden sie nicht im rauch­freien Fami­li­en­block finden, son­dern nur dort, wo gestanden und gesungen wird. Sie sollen ihren eigenen Platz im Sta­dion finden und ihre eigenen Erfah­rungen machen. Fahnen schwenken, den Schal recken und Lieder anstimmen, not­falls Ziga­ret­ten­rauch vom Ket­ten­rau­cher nebenan ein­atmen, Bier­du­schen abbe­kommen und beim Tor­jubel quer durch den Block fliegen.

Das können sie aber nur, wenn nicht der Vater die ganze Zeit neben ihnen hockt und auf sie auf­passt. Denn das ver­dirbt den ganzen Spaß und ver­sperrt außerdem die Sicht auf das, was den Sta­di­on­be­such von der Couch daheim unter­scheidet: eben nicht Zuschauer, son­dern Fan zu sein. Teil des Spiels, nicht Teil des Publi­kums zu sein.

Sicher, so viel Frei­heit wie damals in Old Traf­ford und anderswo gibt es heute nicht mehr. Alles ist zivi­li­sierter, ruhiger, geord­neter. Trotzdem ist der Fan­block für junge Fans immer noch ein großes Aben­teuer. Sie werden lernen, dass sie früh kommen müssen, um sich einen ordent­li­chen Platz zu sichern. Sie werden andere Jungs treffen, die genauso froh sind, dass sie end­lich in die Kurve dürfen. Sie werden hof­fent­lich erst mit 15 Jahren erst­mals darum bet­teln, aus­wärts fahren zu dürfen, und ich weiß jetzt schon, dass ich sie davon nicht abhalten will.

Wird die Tochter Arminia-Fan?

Weil auch das dazu­ge­hört, wenn man das Leben als Fan eini­ger­maßen ernst nimmt. Also werde ich ihnen das Geld für die Aus­wärts­fahrten geben und mich freuen, wenn sie spät abends heiser und erschöpft zurück­kommen. Und bei Heim­spielen werde ich oben auf der Tri­büne hocken und hin und wieder mal schauen, ob ich sie in der Menge ent­decke, und glück­lich dar­über sein, dass der Fuß­ball in ihrem Leben einen ebenso großen Platz ein­nimmt wie bei mir.

Unter­dessen werde ich aber auch ver­su­chen, zumin­dest meiner sechs­jährigen Tochter die rich­tigen Wert­vor­stel­lungen zu ver­mit­teln. Es ist noch alles mög­lich.

Hin und wieder kommt sie ange­laufen und ver­kündet, sie sei nun auch Arminia-Fan. Ich weiß eigent­lich, dass sie mir nur eine Freude machen will. Trotzdem glaube ich ihr. Denn ich hab es ja damals schon auf der Kas­sette gesungen: Arminen lügen nicht. 

Der Text erschien in 11FREUNDE #171. Die Aus­gabe ist wei­terhin bei uns im Shop erhält­lich sowie im iTunes- und im Google-Play-Store.