Jürgen Klopp staunte Bau­klötze und sperrte die Lau­scher auf so weit auf, wie er nur konnte. Da stand ein Mann vor ihm, der etwas zu sagen hatte, was er so noch nicht gehört hatte. Viel­leicht fühlte sich dieser durch­schnitt­liche Zweit­li­ga­spieler, der Jürgen Klopp nun einmal war, derart intensiv ange­sta­chelt, dass die Trai­ner­kar­riere des spä­teren Dort­munder Meis­ter­ma­chers hier ihren Anfang nahm, damals, im Sep­tember 1995. Als Wolf­gang Frank den FSV Mainz 05 in Liga zwei über­nahm und Klopp, Sport­wis­sen­schaftler und Zweit­liga-Abräumer uni­sono, eine neue Sicht auf den Fuß­balls ver­mit­telte.

Wolf­gang Frank hat uns die Lauf­wege ein­ge­häm­mert. Für mich war das eine Offen­ba­rung“, wird Klopp Jahre später über diesen Trainer sagen, der es nie in die Bun­des­liga geschafft hat mit dem, was er nach seinem Kar­rie­re­ende tat. Der jedoch etliche Trainer aus­bil­dete, ohne jemals in Köln gear­beitet zu haben. Chris­tian Hock (SV Wehen Wies­baden), Peter Neu­städter (TuS Koblenz), der auf­stre­bende Braun­schweiger Coach Thorsten Lie­ber­knecht – sie alle gingen durch die Frank-Schule. Sie alle wussten schon wäh­rend der aktiven Kar­riere, dass sie irgend­wann auf die Exper­tise ihres Mainzer Trai­ners würden zurück­greifen können. Einige haben sehr gut zuge­hört“, sagt Frank einmal, als seine Zeit als Mainzer Trainer schon Jahre zurück­liegt. Einer jedoch saß immer in der ersten Reihe: Kloppo hat am besten zuge­hört.“

Auf den Spuren des großen Ariggo Sacchi

Was gab es da zu hören, was begeis­terte den anspruchs­vollen Jürgen Klopp derart bei­spiellos? Franks große Stärke war der klare Plan vom Spiel“, bekennt der Erleuch­tete. Er hat unsere Spiel­ergeb­nisse ein Stück unab­hängig gemacht von unserem Talent. Bis dahin hatten wir gedacht: Sind wir die schlech­teren Spieler, ver­lieren wir.“ Nun war das anders: Wir konnten mit unserem System Spiele gewinnen gegen Mann­schaften, die besser waren als wir.“

Frank lehrte die Mainzer Dinge, die heute jedes Talent früh­zeitig bei­gebracht bekommt: das ball­ori­en­tierte Spiel, die Raum­de­ckung, die Vie­rer­kette. Ele­mente, die in Deutsch­land, dem Land der Dichter, Denker und (Mann)-Decker anno 1995 noch nicht all­ge­gen­wärtig sind, um es vor­sichtig aus­zu­drü­cken.

Wenige Trainer haben sich in Deutsch­land bis dahin an die Vie­rer­kette getraut. Hannes Bon­gartz bei Wat­ten­scheid 09 war einer, ebenso Bernd Krauss, der mit Patrik Andersson einen Schweden ver­pflich­tete, um die Kette spielen lassen zu können, da ihm eine in Deutsch­land aus­ge­bil­dete Fach­kraft fehlt. Und eben Wolf­gang Frank, der nach seinem Kar­rie­re­ende als Bun­des­liga-Profi (215 Spiele unter anderem für Borussia Dort­mund) in der Schweiz gear­beitet hatte, beim FC Aarau, FC Wet­tingen, FC Win­ter­thur. Dort waren sie offen gewesen für den Erfin­der­geist des großen Ita­lie­ners Arrigo Sac­chis, der den AC Mai­land mit all diesen Ele­menten zum besten Teams Europas geformt hatte.

Franks Trai­ning in Mainz ist Mitte der Neun­ziger dem­entspre­chend ein weiter gezeich­netes Abbild der Sacchi-Schule. Akri­bisch rammt er vor nahezu jeder Ein­heit in Mainz Stangen in den Trai­nings­platz und lässt seine Spieler diese ohne Ball ablaufen, bis sie seine Ideen ver­standen haben. Er macht aus dem ewigen Abstiegs­kan­di­daten Mainz 05 ein Spit­zen­team der zweiten Liga und aus Jürgen Klopp einen Spieler, der es in kaum abwarten kann, end­lich selbst Spie­lern die Vor­teile dieser noch neu­mo­disch erschei­nenden Lehre zu ver­mit­teln.

Einmal hätte es Frank mit den Main­zern bei­nahe in die Bun­des­liga geschafft. 1998 spielt er mit seinem Team am letzten Spieltag beim VfL Wolfs­burg, der Sieger der Partie darf ab der kom­menden Saison im Ober­haus ran. Jürgen Klopp schießt ein Tor, doch der FSV unter­liegt in einer mit­rei­ßenden Partie mit 4:5. Die Mis­sion, Mainz 05 in die Bun­des­liga zu führen, wird Franks Mus­ter­schüler Jürgen Klopp Jahre später voll­enden.

Als Klopp im Jahr 2001 Trainer des FSV wird, ste­cken die Mainzer im Abstiegs­kampf der zweiten Liga. Klopp hat nicht viel Zeit und ver­sucht mit zwei Maß­nahmen, kurz­fristig für Erfolg zu sorgen. Ers­tens: Der von Eck­hard Krauzun in der Post-Frank-Ära wieder ein­ge­führte Libero wird end­gültig abge­schafft, statt­dessen kehrt die Fran­k’­sche Vie­rer­kette zurück. Und zwei­tens: Die ersten Anspra­chen über­nimmt Klopp nahezu kom­plett von seinem Lehr­meister Wolf­gang Frank, wohl wis­send, dass viele Spieler, die da vor ihm sitzen, diese schon kennen. Doch Klopp macht alles richtig. Das erste Spiel unter ihm gewinnt der FSV am Ascher­mitt­woch 2001 mit 1:0 gegen den MSV Duis­burg. Der Klas­sen­er­halt gelingt. Der Rest ist Geschichte.

Jürgen Klopps Lehr­meister Wolf­gang Frank ist im Alter von 62 Jahren an den Folgen eines Hirn­tu­mors gestorben, das wurde am Samstag publik. Borussia Dort­mund hatte auf­grund der WM-Qua­li­fi­ka­tion spiel­frei.