Das Zet­tel­chen mit der Auf­schrift FC Salz­burg“ war aus der Plas­tik­kugel befreit worden. Nun stieg die Span­nung. Denn Losfee Andrey Arshavin fum­melte bereits an der zweiten Kugel herum, um in wenigen Augen­bli­cken den Salz­burger Gegner für das Cham­pions League-Ach­tel­fi­nale zu ver­künden. Der frü­here Spit­zen­stürmer lächelte ver­schmitzt. Ver­mut­lich, weil er erkannte, was er der Fuß­ball­welt bescheren würde: nicht weniger als die Mutter aller Derbys. Es kommt tat­säch­lich zum Duell zwi­schen RB Salz­burg und Bayern Mün­chen.

Arsha­vins seichtes Lächeln stand natür­lich in keiner Rela­tion zu dem, was nach der Aus­lo­sung los­brach: Salz­burger und Münchner Ver­eins­bosse feu­erten umge­hend ver­bale Gift­pfeile über die deutsch-öster­rei­chi­sche Grenze, Hoo­li­gans beider Klubs ver­ab­re­deten Duelle auf Äckern bei Rosen­heim und die Polizei mahnte ein­dring­lich zur Ver­nunft. Ob all das wirk­lich pas­siert ist? Die Aus­sagen der Salz­burger Ver­ant­wort­li­chen ließen zumin­dest darauf schließen. Es ist ein ganz spe­zi­elles Spiel. Es gibt fast nichts Grö­ßeres für Salz­burg als gegen den FC Bayern zu spielen“, sagte Sport­di­rektor Chris­toph Freund. Geschäfts­führer Ste­phan Reiter setzte noch einen drauf: Es ist ja fast ein Revier­derby.“ Wo er Recht hat…

Als Salz­burg nach einem 0:4 noch zurückkam

Wer erin­nert sich nicht an das legen­däre Spiel aus dem Jahr 2017, als Salz­burg in Mün­chen schon zur Halb­zeit mit 0:4 zurücklag, dann aber zu einer his­to­ri­schen Auf­hol­jagd ansetzte? Als Naldo, ähm, Ramalho nach einer Ecke in der Nach­spiel­zeit zum 4:4 ein­köpfte und den Aus­wärts­block zum Explo­dieren brachte? Oder RB-Geschäfts­führer Reiter selbst, dieser ver­rückte Kerl. Nur in Derbys gegen die Bayern stellt er sich zwi­schen die Pro­leten in den Fan­block und singt aus voller Kehle mit.

Auf der anderen Seite Bay­erns ehe­ma­liger Prä­si­dent Uli Aki“ Hoeneß, der zu den Spielen gegen Fais­tenau West“ – Hoeneß brachte den Ver­eins­namen der Salz­burger nie über die Lippen – stets zur Höchst­form auf­lief und heftig gegen den Revier­nach­barn pol­terte. Ganz zu schweigen von den Fan­szenen: Schon Wochen vor den Duellen hat die Polizei stets alle Hände voll zu tun, damit sich die Münchner Schi­ckeria und die Salz­burger Raging Bulls nicht die Köpfe ein­schlagen.

Doch woher kommt die tief­sit­zende Abnei­gung eigent­lich? Klar, da wäre die geo­gra­fi­sche Nähe. Aber ginge es nur darum, böte das Duell zwi­schen Bayern Mün­chen und 1860 Mün­chen ja viel mehr Bri­sanz. Statt­dessen sum­mierten sich über die Jahre viele Ein­zel­ak­tionen. Dazu gehören zwei­fellos die Szenen aus dem Derby 1969: Nach dem Salz­burger Füh­rungs­treffer stürmten freu­dige Gäs­te­fans auf das Spiel­feld, ver­folgt von Ord­nern mit Schä­fer­hunden. Schließ­lich schnappte einer der Kläffer nach dem Aller­wer­testen von Salz­burg-Angreifer Karl Kodat. Die Retour­kut­sche folgte im Rück­spiel: Salz­burgs Prä­si­dent Sepp Weiß­kind besorgte zwei bis­sige Alpen­stein­böcke, die von Ord­nungs­kräften am Spiel­feld ent­lang­ge­führt wurden.

Der Ruhr­pott freut sich auf das Ost­al­pen­derby

Beim Derby am 19. Dezember 1997 sorgte hin­gegen ein Tor­hüter für Auf­sehen: Her­bert Ils­anker. Die Bayern waren damals auf dem besten Wege, die Partie für sich zu ent­scheiden und führten kurz vor Schluss mit 2:1. Mit dem Mut der Ver­zweif­lung stürmte Salz­burgs Schluss­mann nach vorne. Eine letzte Ecke segelte in den Straf­raum, Ils­anker kam mit dem Kopf an den Ball – 2:2. Es war das erste Bun­des­liga-Tor – unklar, ob öster­rei­chi­sche oder deut­sche Liga – eines Kee­pers aus dem Spiel heraus. Und wieder einmal tobte eine der Seiten vor Wut, die andere vor Freude.

Geschichten wie diese machen seit jeher den beson­deren Reiz des Ost­al­pen­derbys aus. Im Ruhr­ge­biet, wo die Fuß­ball­fans eher für ihre Zurück­hal­tung bekannt sind, mag das zuweilen auf Unver­ständnis stoßen. Doch würde am Ende auch den Men­schen aus Dort­mund und Gel­sen­kir­chen etwas fehlen, wenn es vorbei wäre mit den heißen Duellen zwi­schen Mün­chen und Salz­burg. Danken wir also der UEFA, dass sie die erste Los­zie­hung am Montag ver­patzt hat, um uns im zweiten Ver­such die Mutter aller Derbys zu bescheren.

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