Seite 3: Hassen sich Schalker und Dortmunder wirklich?

Es ging um Ruhe­stö­rung, Lärm­be­läs­ti­gung. Stein des Anstoßes war Olaf Bocks Gar­ten­laube, die er sich zur Welt­meis­ter­schaft 2006 selbst zusam­men­ge­zim­mert hat. Er sagt noch heute die Best­marken aus jenem mär­chen­haften Sommer auf wie Eltern das Gewicht und die Größe ihres Kindes bei der Geburt: 460 Liter Bier, 40 Kilo Kote­lettes betrug die Grund­ver­sor­gung über die vier Wochen hinweg. Der Geträn­ke­fritze “, so sagt er, sei gar nicht mehr mit der Lie­fe­rung nach­ge­kommen. Bock und seine Freunde hätten quasi in der Laube gelebt.

Hef­tiger Streit wegen der Gar­ten­laube

Noch heute ist diese Gar­ten­laube mehr als ein Refu­gium, sie ist gerade an einem Bun­des­li­ga­wo­chen­ende ein zweiter Wohn­sitz mit magi­scher Anzie­hungs­kraft. Sky läuft hier von Freitag- bis Sonn­tag­abend durch. Tri­kots von Schalker Legenden wie Raul, Bordon oder Sand, Fotos mit dem DFB-Pokal und Fahnen hängen an der Wand, das ein­zige Poster ohne Fuß­ball­bezug kündet von der Peter-Maffay-Tour 1988. Eine Ecke aller­dings ist in Schwarz-Gelb gehalten, Bocks Frau Bet­tina hält den Dort­mun­dern die Treue. Meine alte Biene Maja, meine liebe Zecke, mein Schatz“, nennt er sie.
Mit Heinz Küff­hausen, seinem schwarz-gelben Nach­barn, geht er weit weniger lie­be­voll um.

Nach unzäh­ligen Partys wurde es Küff­hausen zu bunt, er wollte in Ruhe Fuß­ball schauen, nicht mit lauten Ver­eins­lie­dern und AC/DC im Ohr. Immer wieder gerieten sie anein­ander, bis Küff­hausen sich eine neue Woh­nung suchte. Er sagt: Je mehr Blau-Weiß rein­ge­fallen iss, umso bekloppter wurde der. Der hat Stress mitte ganze Nach­bar­schaft. “ Olaf Bock sagt: Je älter der wird, umso schlimmer. Datt hasse nich mehr aus­ge­halten, sachten die andern Nach­barn auch.“ Jetzt wohnen sie gut 20 Minuten von­ein­ander ent­fernt. Der Umzug war für beide besser, sagen sie.

Hassen sich Schalker und Dort­munder wirk­lich?

In letzter Zeit ist das Revier­derby wieder in Verruf geraten. Die Ver­eine über­legten, nach den jüngsten Aus­schrei­tungen keine Gäs­te­fans mehr zuzu­lassen. Bestimmte Fan­gruppen messen die Bri­sanz und die Bedeu­tung daran, wie viel im Umfeld des Spiels pas­siert. Auf beiden Seiten werden Fahnen und Schals geklaut, Unbe­tei­ligte geraten zwi­schen die Linien, zu oft kommt es zur Gewalt. Das ist leider schon lange so, in den acht­ziger Jahren war es sogar noch hef­tiger. Doch die Frage bleibt, ob sich Schalker und Dort­munder wirk­lich hassen. Sie lieben sich wirk­lich nicht, aber hassen?

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Der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­steller Elie Wiesel hat einmal geschrieben, das Gegen­teil von Liebe sei nicht Hass, son­dern Gleich­gül­tig­keit. Schalker schauen nach ihrem Spiel direkt das Resultat der Borussen nach – und umge­kehrt. Sie lesen in der Zei­tung alle Berichte über den Rivalen. Zwei Arbei­ter­ver­eine, die nun zu Schwer­ge­wichten auf dem Fuß­ball­markt auf­ge­stiegen sind und wie nur wenige andere Klubs unter dem Spagat zwi­schen Tra­di­tion und Moderne ächzen. Sie sind sich eigent­lich zu gleich, um ein­ander wirk­lich zu hassen.

Dieses Derby ist nicht so beson­ders, weil die eine Seite der anderen mehr Schals oder Fahnen klaut als sonst wo. Wer so etwas sagt, hat nichts ver­standen. Dieses Derby ist so beson­ders, weil es jeden Tag am Gar­ten­zaun aus­ge­fochten wird, an der Trink­halle, auf der Arbeit, 365 Tage im Jahr. Es gibt keine Pause. Ver­bales Pres­sing und Gegen­pres­sing auf engstem Raum.

Sie können nicht mit­ein­ander. Sie können nicht ohne ein­ander. Doch sie würden eher mit Heft­zwe­cken gur­geln, als das zuzu­geben. Obwohl sie es wissen.

Heinz Küff­hausen und Olaf Bock erkun­digen sich kurz über den anderen. Ob sie sich noch einmal zusammen ..? Nein. Nein, nein. Auf keinen Fall.