Die Repor­tage erschien erst­mals im Dezember 2017, in 11FREUNDE #193.

Neu­lich kamen zwei andere in Paris lebende Fami­li­en­väter und ich irgendwie an Karten für ein Spiel von Paris Saint-Ger­main. Wir nahmen unsere Kinder mit, die völlig aus dem Häus­chen waren. Auf dem Spiel­feld gab es das zu sehen, was in der Katar-Ära ein gewohntes Bild geworden ist. Den kleinen ita­lie­ni­schen Spiel­ma­cher Marco Ver­ratti, der den Stür­mern die Bälle per­fekt ser­viert, oder Thiago Silva, der seine Abwehr so gut diri­giert, dass er selbst im ganzen Spiel kaum eine Ball­be­rüh­rung hat. Unter­malt wurde das Ganze von bewun­derndem Applaus, fast wie in der Pariser Oper. 

Aber an jenem Abend hörte ich auch etwas, das mir in 15 Jahren im Prin­zen­park kaum begegnet war: Fans, die vor Begeis­te­rung durch­drehen. PSGs kata­ri­sche Besitzer hatten den seit Jahren aus­ge­sperrten Ultras erlaubt, unter Ein­hal­tung strikter Ver­hal­tens­maß­re­geln zurück­zu­kehren. Und jetzt gaben sie die Gesänge und Aktionen vor. Plötz­lich stand ich, ein Mann mitt­leren Alters, mit dem Rücken zum Spiel­feld, hakte mich bei den anderen Vätern unter und sprang auf und ab. Ja, inzwi­schen gibt es bei PSG sogar Stim­mung.

FC Paris Katar

Die Wand­lung des Klubs seit der Über­nahme durch Qatar Sports Invest­ments im Jahre 2011 ist eine der bemer­kens­wer­testen Geschichten des modernen Fuß­balls. Vielen Leuten gefällt sie nicht. Daniel Cohn-Bendit, der seit seinen Revo­luz­zertagen in den Sech­zi­gern den Fuß­ball in Paris ver­folgt, schnaubt: Die Begeis­te­rung hat allein damit zu tun, dass die Leute glauben, PSG könnte die Cham­pions League gewinnen. Warum sollte ich Fan des FC Paris Katar sein?“ In der Tat gibt es vieles, das man am kata­ri­schen Pro­jekt kri­ti­sieren kann. Es gibt aber auch vieles, das positiv ist. Vor allem gibt es vieles, das ver­standen werden will. Was geht da vor sich bei PSG? Ist dies ein in der Fuß­ball­ge­schichte ganz neues Phä­nomen? Und tun die Katarer das alles wegen des Geldes, der Macht oder ein­fach nur aus Spaß? 

Unter den euro­päi­schen Haupt­städten war Paris jahr­zehn­te­lang jene, in der Fuß­ball die geringste Rolle spielte. Man konnte sein ganzes Leben hier ver­bringen und nie­mals mit­be­kommen, dass der Sport über­haupt exis­tiert. Es war nahezu tabu, über Fuß­ball zu reden. Diese Ver­ach­tung für das Spiel ging auf die kul­tu­relle Elite der Stadt zurück. In seinem berühmten Film Sie küssten und sie schlugen ihn“ stellt Regis­seur François Truf­faut den Fuß­ball als einen der vielen Schre­cken dar, mit denen Erwach­sene Kinder quälen. Man sieht zum Bei­spiel einen absurd enthu­si­as­ti­schen Lehrer in kurzen Hosen, der durch die Straßen joggt und dabei blöd­sin­nige gym­nas­ti­sche Übungen voll­führt. Er hetzt seine Klasse durch Paris, um ein Fuß­ball­spiel zu bestreiten. In seinem Rücken setzen sich die Jungs nach und nach ab. Später, als die Haupt­figur Antoine in einem Erzie­hungs­heim gezwungen wird, Fuß­ball zu spielen, nutzt er das zur Flucht, mit der der Film endet.