Ryan Giggs hat im März sein ein­tau­sendstes Spiel als Profi bestritten. Das wissen inzwi­schen auch Men­schen, die sich nur am Rande mit dem inter­na­tio­nalen Fuß­ball beschäf­tigen. Doch wer dieser Ryan Giggs über­haupt ist, das weiß kaum jemand. Viel­leicht weiß es der 87-jäh­rige Mann mit dem bau­schigen weißen Backen­bart, der Giggs seit fast einem Vier­tel­jahr­hun­dert berät. Aber einige Ereig­nisse der letzten beiden Jahre lassen ver­muten, dass nicht einmal er es weiß.

Ryan Giggs ist näm­lich vieles – und fast immer auch das Gegen­teil. Er ist zum Bei­spiel von Geburt (und aus Über­zeu­gung) Waliser. Zugleich aber ist er ein echter Man­cu­nian, also ein Junge aus dem Groß­raum Man­chester, und der­maßen stolz darauf, dass er heute noch unweit der Gegend lebt, in der er auf­ge­wachsen ist. Einer­seits erwarb er sich im Ver­lauf von mehr als zwei Jahr­zehnten im skan­dal­süch­tigen Medi­en­um­feld der eng­li­schen Liga den Ruf eines so unta­de­ligen Ehren­mannes, dass der Guar­dian“ fragte: Ist er der letzte gute Kerl der Pre­mier League?“ Ande­rer­seits stürzte er ein paar Monate später in so tiefe Fett­näpf­chen, dass sein Berater – der alte Mann mit dem Backen­bart – angeb­lich betrübt sagte: Das war’s dann wohl mit dem Adels­titel.“

Wenn Ryan Giggs in den Spiegel schaut, dann sieht er einen Schwarzen

Ryan Giggs, das wissen alle Fuß­ball­fans, ist ein flinker, drib­belnder Außen­stürmer der ganz alten Schule. Sein Trainer aber sieht einen Spiel­ma­cher in ihm. Und wo wir schon vom Spiel reden: Giggs, seit jeher ein schmales Hemd, hat Fuß­ball­ge­schichte geschrieben, aber eigent­lich hatte das Schicksal für ihn jenen Sport vor­ge­sehen, den jeder auf­rechte Waliser dem Mäd­chen­spiel Fuß­ball vor­zieht – Rugby. Reicht das für den Anfang an ver­wir­renden Gegen­sätzen? Nein? Gut, dann kommt hier der viel­leicht bezeich­nendste: Alle Welt hält Ryan Giggs für weiß, doch wenn er selbst in den Spiegel schaut, dann sieht er einen Schwarzen. Also: Wer zum Henker ist Ryan Giggs?
 
In gewisser Weise ist Ryan Giggs ein Rätsel“, sagt der eng­li­sche Jour­na­list John Brewin, seit frü­hester Kind­heit ein Fan von Man­chester United. Für jemanden, der schon so lange dabei ist und solche Erfolge gefeiert hat, wissen wir eigent­lich wenig über ihn. Als er damals Profi bei United wurde, hat man ihn regel­recht von den Medien abge­schirmt. Lange durfte er kein ein­ziges Inter­view geben, und als es dann soweit war, stand Alex Fer­guson daneben und passte auf. Und irgendwie ist es dabei geblieben. Giggs hält seit mehr als zwanzig Jahren die Öffent­lich­keit auf Distanz.“

Er wählt sehr sorg­fältig aus, was er tut und mit wem er wor­über spricht“, sagt auch Andy Mitten, der eine fast zwei­stel­lige Anzahl von Büchern über Man­chester United geschrieben hat. Mitten gibt zudem seit sage und schreibe 1989 das Fan­zine United We Stand“ heraus. Man kann also durchaus sagen, dass er und der drei Wochen jün­gere Giggs zusammen groß geworden sind – bei und mit United. Giggs konnte in Ruhe in ein Leben als Star rein­wachsen“, sagt Mitten, eben weil er damals von Alex Fer­guson so in Watte gepackt wurde.“

Fer­guson sagte: Du kriegst höchs­tens ein Fahrrad!“

Damals, das war 1991, als Giggs im Alter von 17 Jahren seine ersten Spiele für United bestritt. (Was ihn zu einer Art Relikt macht – dem ein­zigen noch aktiven Spieler in Eng­land, der schon in der obersten Liga spielte, als sie noch den schnar­chigen Namen First Divi­sion“ trug.) Selbst in dieser frühen Phase seiner Kar­riere war er offenbar nie ernst­lich in Gefahr, eines dieser schnö­se­ligen Wun­der­kinder zu werden, denen der Ruhm zu Kopf steigt. Ansätze wurden schon im Keim erstickt. So erzählte ihm im Ver­laufe des Jahres 1991 ein Mit­spieler von einer Klub­tra­di­tion: Nach 25 Ein­sätzen in der ersten Mann­schaft bekam man vom Verein einen Wagen gestellt. Hoch­er­freut ging der Auto­narr Giggs, gerade erst voll­jährig geworden, im Winter zu seinem Trainer Alex Fer­guson, wies darauf hin, dass er schon mehr als zwanzig Mal für United gespielt hatte, und fragte, wie das mit dem Auto nun abliefe. Als sich Fer­gu­sons Gesicht dun­kelrot färbte, ahnte Giggs schon, dass man ihn rein­ge­legt hatte. Als er die her­aus­ge­pressten Worte Du kriegst höchs­tens ein Fahrrad!“ hörte, wusste er es.

Im Grunde war Giggs damals, als Teen­ager mit ver­träumtem Blick, so wie heute. Er hat sich eigent­lich nicht ver­än­dert,“ sagt Brewin. Dieser Ein­druck wird dadurch ver­stärkt, dass wir ihn erst zu sehen bekamen, als er schon ein fer­tiger Spieler war. Heut­zu­tage, durchs Internet, wissen sogar Fans in Asien über jedes 12-jäh­rige Talent Bescheid. Aber damals war das anders. Man wusste wenig über Giggs, bis er in der ersten Mann­schaft spielte.“

Aber auch die, die Giggs selbst zu diesem frühen Zeit­punkt schon länger kannten, stellen nur gering­fü­gige Ver­än­de­rungen fest. Jedes Mal, wenn ich ihn spielen sehe“, sagt Eric Mol­lander, erin­nert er mich an das erste Mal. Ryan war damals eine jün­gere und klei­nere Ver­sion von dem, der er heute ist. Abseits des Platzes war er sehr, sehr still, aber auf dem Feld zeigte er uns diesen fan­tas­ti­schen linken Fuß.“ Mol­lander sah Giggs zum ersten Mal, als der Junge zehn Jahre alt war und für eine Jugend­mann­schaft in Sal­ford spielte, einem Vorort von Man­chester.

Hier geht’s zur Bil­der­ga­lerie: Das Leben des Ryan“

Zu jener Zeit arbei­tete Mol­lander im Nebenruf als Scout – für Man­chester City. Der Trainer von Giggs’ Jugend­mann­schaft, ein Milch­mann namens Dennis Schofield, hatte eben­falls Kon­takte zu City. Und so schar­wen­zelte der blaue Verein der Stadt die nächsten vier Jahre um den kleinen Ryan und seine Familie herum. Damals durften eng­li­sche Pro­fi­ver­eine näm­lich keine Spieler an sich binden, die jünger waren als 14. So war­teten die Leute von City geduldig bis zum 29. November 1987, Ryans 14. Geburtstag, um dem Talent einen Vor­ver­trag anzu­bieten. Sie kamen zu spät. Am Morgen des Tages hatte ein Mann an die Haustür von Ryans Eltern geklopft, der erst im Herbst zuvor aus Schott­land nach Man­chester gekommen war, um einen neuen Job anzu­treten. Sein Name war Alex­ander Chapman Fer­guson.

Giggs’ Name an jenem Tag war übri­gens nicht Giggs. Zu jener Zeit kannte man ihn noch als Ryan Wilson, nach seinem leib­li­chen Vater, einem Rug­by­profi. Dieser Mann war kein beson­ders ange­nehmer Zeit­ge­nosse und zum Glück über­nahm Ryan kaum eine seiner zahl­rei­chen pro­ble­ma­ti­schen Eigen­schaften. (Dazu später mehr.) Was er von seinem Vater erbte, das war die Liebe zum Sport – neben Fuß­ball spielte Giggs auch lange, mit großer Begeis­te­rung und ziem­lich erfolg­reich Rugby – und die Haut­farbe.

Die meisten Leute sind über­rascht, wenn sie hören, dass Giggs sich zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil als Far­biger ver­steht. Doch die Wur­zeln der Familie seines Vaters Danny Wilson liegen in West­afrika. Aus diesem Grund – und wegen seines eigenen dunklen Teints – wurde Giggs wäh­rend der Schul­zeit in Man­chester wie­der­holt zur Ziel­scheibe ras­sis­ti­scher Belei­di­gungen und Über­griffe, was ihn tief geprägt hat. Wäh­rend seiner ersten Jahre bei United hielt er sich eher an die älteren Spieler – vor allem an jene älteren Spieler, die schwarz waren, wie Paul Ince und Paul Parker,“ sagt Jour­na­list Brewin. Ich denke, Giggs betrachtet sich selbst in erster Linie als schwarz.“

Er ist Teil der Mann­schaft des Jahr­hun­derts“ – des 20. Jahr­hun­derts

An seinem Vater lag es auch, dass Giggs über­haupt in Man­chester auf­wuchs und nicht in seiner Geburts­stadt Car­diff. Als Ryan sechs Jahre alt war, wech­selte Danny Wilson näm­lich den Verein und spielte fortan Rugby für einen Klub namens Swinton Lions, dessen Sta­dion neun Kilo­meter nörd­lich von Old Traf­ford lag. Giggs hatte und hat nicht das aller­beste Ver­hältnis zu seinem Vater, eigent­lich gar keines. So kam es auch zum Wechsel des Nach­na­mens. Denn einige Zeit, nachdem seine Eltern sich getrennt hatten, brauchte Ryan einen Rei­se­pass, um mit der Jugend von United ins Aus­land zu fahren. Es war das erste Mal, dass er für ein offi­zi­elles Doku­ment einen Fami­li­en­namen angeben sollte. (In Groß­bri­tan­nien herrscht keine Aus­weis­pflicht.) Er ent­schied sich für den Geburts­namen seiner Mutter, eben Giggs. Da war er 16 Jahre alt.

Man ist ver­sucht zu sagen, es war das letzte Mal, dass sich etwas Ent­schei­dendes in seinem Leben ver­än­derte. Denn seither fährt er mor­gens zum Trai­nings­ge­lände und mit­tags oder abends zurück, streift zusätz­lich an zwei Tagen in der Woche das in der Regel rote Trikot des ein­zigen Ver­eins über, für den er je gespielt hat, und läuft und läuft und läuft. Schon vor acht Jahren wurde er in die Ruh­mes­halle des eng­li­schen Ver­bandes auf­ge­nommen, schon vor sechs Jahren bekam er von der Königin einen Orden für Ver­dienste um den Fuß­ball“ ver­liehen, kurz danach wählte ihn die Spie­ler­ge­werk­schaft in die Mann­schaft des Jahr­hun­derts“. Wohl­ge­merkt, des 20. Jahr­hun­derts. Es ist nicht aus­ge­schlossen, dass noch ein anderes dazu­kommt. Denn Giggs spielt ein­fach immer weiter.

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Inzwi­schen ist es so, dass die Fans der anderen Mann­schaft auf­stöhnen, wenn Fer­guson ihn ein­wech­selt. Und zwar völlig egal, gegen wen United gerade spielt“, sagt David Hall, Chef­re­dak­teur des eng­li­schen Monats­ma­ga­zins Four­FourTwo“, und lacht leise in sich hinein. Das liegt daran, dass Giggs schon so lange dabei ist, dass es bei jedem Verein Fans gibt, die sich an min­des­tens einen Tag erin­nern können, an dem er ihren Klub ganz alleine ver­nichtet hat.“ Gleich in seinem ersten Spiel von Beginn an war das Man­chester City. Also aus­ge­rechnet der Verein, der sich lange um ihn bemüht hatte und der ihn am Ende nicht bekam, weil Giggs schon immer ein United-Fan gewesen war und keine Sekunde über­legen musste, als Fer­guson per­sön­lich vor seiner Tür stand. Jenes Derby vom 4. Mai 1991 wurde ent­schieden, als der Schotte Brian McC­lair den Ball von der rechten Seite in Citys Straf­raum flankte und der 17-jäh­rige Giggs ihn zum ein­zigen Tor des Spiels über die Linie drückte. So steht es in den Annalen des Spiels.

Sein berühm­testes Tor: FA-Cup-Halb­fi­nale 1999, United gegen Arsenal

Aber so war es gar nicht. In Wirk­lich­keit war Giggs zu schnell unter­wegs und ver­passte den Ball, der statt­dessen dem Ver­tei­diger Colin Hendry ans Bein prallte und von dort ins Tor flog. Doch bis heute wird Giggs als Schütze auf­ge­führt. Wer weiß, viel­leicht wollten die Sta­tis­tiker damals dem jungen Bur­schen einen Gefallen tun? Sie konnten ja zu diesem Zeit­punkt nicht ahnen, dass sie Giggs’ Namen auch 22 Jahre später noch in ihre Com­puter tippen müssen oder dass er noch viele, viele wei­tere Tore schießen würde – ein rundes Dut­zend für sein Land, also Wales, und fast 170 für seinen Verein, dar­unter 29 in der Cham­pions League, mehr als jedem anderen Briten bisher gelangen.

Sein berühm­testes Tor fiel in dem Wett­be­werb, den die Eng­länder am meisten lieben – dem FA Cup. Im Halb­fi­nale 1999 kam es zu einem tur­bu­lenten Wie­der­ho­lungs­spiel zwi­schen United und Arsenal, in dem es zehn Minuten vor dem Ende der Ver­län­ge­rung 1:1 stand. Da fing Giggs tief in der eigenen Hälfte einen Pass ab. Er nahm Tempo auf, ließ 35 Meter vor dem Tor den ersten Gegner aus­steigen, fünf Schritte später den zweiten, dann den dritten, drang in den Straf­raum ein, wehrte einen vierten Ver­tei­diger ab und häm­merte den Ball aus spitzem Winkel unter die Latte. Der Treffer ist auch des­wegen so berühmt, weil Giggs – eigent­lich kein Mann der großen Gesten – sich vor Freude das Trikot auszog und eine beacht­lich behaarte Brust offen­barte. (Den Tep­pich“, wie er selbst gerne grin­send sagt.) Fünf Wochen später holte United den Pokal. Es war der zweite Akt im soge­nannten Treble“, denn die Elf hatte zuvor schon den Liga­titel errungen und gewann anschlie­ßend, in der berühmten Nach­spiel­zeit in Bar­ce­lona, auch die Cham­pions League gegen Bayern Mün­chen. Müßig zu erwähnen, dass Giggs inzwi­schen jeden dieser Titel noch öfter gewonnen hat.

All dies wirft eine nahe­lie­gende Frage auf: Wie ist das mög­lich? Warum wurde aus­ge­rechnet dieser schmäch­tige Waliser zum Mara­thon­mann des inter­na­tio­nalen Fuß­balls? Im April fand Fer­guson eine ebenso knappe wie unbe­frie­di­gende Ant­wort: Er ist ein ein­zig­ar­tiger Freak.“ Freak meint hier soviel wie eine Laune der Natur, doch Giggs hilft der Natur nach Kräften nach. Vor geraumer Zeit ent­deckte er Yoga für sich – inzwi­schen hat er sogar eine Fit­ness-DVD ver­öf­fent­licht, auf der er erklärt, wie man durch Yoga in Form bleibt. Mit Uniteds ehe­ma­ligem Kon­di­ti­ons­trainer Mick Clegg ent­warf er ein Trai­nings­pro­gramm, das durch Koor­di­na­tion der Gehirn­hälften die Balance ver­bes­sert, so lernte er zum Bei­spiel, wie man mit links Darts oder Tisch­tennis spielt. (Giggs ist zwar Linksfuß, jedoch Rechts­händer.) Auch Boxen und Gewicht­heben gehören fast zur täg­li­chen Rou­tine. Trotzdem hat Giggs natür­lich in den letzten zwei Jahr­zehnten an Schnel­lig­keit ver­loren. Um diesen Nach­teil aus­zu­glei­chen, zog ihn Fer­guson vor zwei Spiel­zeiten vom Flügel ab und stellte ihn ins zen­trale Mit­tel­feld, als Ball­ver­teiler und Regis­seur.

Dieser ein­wand­freie Mensch hat nur einen Makel, ein ein­ziges Laster, das er wahr­schein­lich von seinem Vater hat. Es ist seine Schwäche für Frauen“

Es gibt noch einen Grund für Giggs’ lange Halb­wert­zeit: seine Cle­ver­ness. Als er zu Beginn seiner Kar­riere keine Inter­views geben durfte, ver­mu­teten einige Leute, es läge daran, dass er äußerst schlicht gestrickt wäre. Das ist mit­nichten der Fall. Giggs ist ein heller Kopf“, sagt John Brewin. Er war klug genug, alles zu ver­meiden, was seiner Kar­riere schaden konnte. Das gelingt nicht vielen.“ Auch Andy Mitten bestä­tigt, dass Giggs’ Zurück­hal­tung eine Sache des Kal­küls ist: Mitte der Neun­ziger sagte er mir mal, wie froh er sei, dass David Beckham auf der Bild­fläche erschienen war und zum Super­star wurde, der alle Auf­merk­sam­keit auf sich zog.“ So konnte Giggs – wie auch einige andere Mit­glieder des Teams, man denke nur an den ebenso medi­en­scheuen und unauf­fäl­ligen Paul Scholes – im Hin­ter­grund bleiben. Dabei half ihm ein Mann, den Fer­guson emp­fohlen hatte: der im besten Sinne alt­mo­di­sche Berater Harry Swales, der schon für die United-Stars der Sech­ziger gear­beitet hat. Swales sorgte dafür, dass Giggs nach außen lang­weilig, aber pro­fes­sio­nell leben konnte. Giggs trinkt nicht, er nimmt keine Drogen, er ist nicht dem Glücks­spiel ver­fallen“, sagt Mitten. Doch dann setzt er hinzu: Dieser ein­wand­freie Mensch hat nur einen Makel, ein ein­ziges Laster, das er wahr­schein­lich von seinem Vater hat. Es ist seine Schwäche für Frauen. Sie führte schließ­lich zu den Skan­dalen.“

Die Skan­dale waren die uner­war­tetsten des an Eklats nicht armen eng­li­schen Fuß­balls. Im Früh­jahr 2011 wollte ein Bou­le­vard­blatt ent­hüllen, dass der seit vielen Jahren ver­hei­ra­tete Giggs eine Affäre mit einer ehe­ma­ligen Big-Bro­ther-Kan­di­datin hatte. Ohne seinen Berater ins Ver­trauen zu ziehen, erwirkte Giggs einen gericht­li­chen Unter­las­sungs­be­fehl gegen die Nen­nung seines Namens. Das machte aus einer eher kleinen Story ein Rie­sen­ding. Natür­lich lüf­teten Blogger schon bald die Iden­tität des unge­nannten Fuß­bal­lers“ und nun war die Presse auf seinen Fersen. Nur drei Wochen später mel­dete die News of the World“ auf der Titel­seite, dass Giggs auch eine lang­jäh­rige Affäre mit der Ehe­frau seines Bru­ders hatte. Mit einem Mal war der Sau­ber­mann des eng­li­schen Fuß­balls die Haupt­person einer Schmud­del­ge­schichte.
Und was tat Giggs? Das, was er immer tat. Er spielte und spielte und spielte. Ein halbes Jahr nach den Ent­hül­lungen, im Februar 2012, lief er zum 900. Mal für United auf. In Nor­wich. In der dritten Minute der Nach­spiel­zeit schoss er das Siegtor für seine Mann­schaft.

Das Inter­es­sante ist, dass diese Skan­dale seinem Image gar nicht wirk­lich geschadet haben“, sagt David Hall. Viel­leicht ist sogar das Gegen­teil der Fall, denn nicht wenige Leute haben gesagt: ›Schau an, der ist ja doch nicht so glatt­ge­bü­gelt und per­fekt.‹ Man könnte fast sagen, es hat Ryan Giggs mensch­li­cher erscheinen lassen.“

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Wer ist Ryan Giggs? Ist er wirk­lich, wie eine Online-Abstim­mung vor zwei Jahren ergab, der größte Man­chester-United-Spieler aller Zeiten“? John Brewin und Andy Mitten, die beiden glü­henden United-Fans, lassen die Frage einen Moment sacken. Es kommt sehr darauf an, mit wem man spricht“, sagt Brewin schließ­lich aus­wei­chend. Die Leute wären über­rascht, wenn sie wüssten, wie viele United-Fans der Mei­nung sind, dass Giggs nie­mals die Klasse erreicht hat, zu der er fähig gewesen wäre. Es pas­sierte zum Bei­spiel oft, dass er nicht mehr am Spiel teil­nahm, die Hände in die Hüften stemmte – eine klas­si­sche Giggs-Pose – und vor­wurfs­voll oder ent­täuscht auf den Boden blickte.“ Mit viel­sa­gendem Lächeln setzt Brewin hinzu: Manche Leute wun­derten sich auch, dass er immer dann plötz­lich zu großer Form auf­lief, wenn sein Ver­trag endete und noch kein neues Angebot vorlag.“ Andy Mitten hin­gegen sagt: George Best war besser, Eric Can­tona cha­ris­ma­ti­scher und Bryan Robson wich­tiger für die Mann­schaft. Aber wenn man alles zusam­men­nimmt, dann wird man sich in der Tat an Ryan Giggs als den größten Spieler erin­nern, den United jemals hatte.“

Noch aber ist es zu früh, die Ver­gan­gen­heits­form zu wählen. Mög­li­cher­weise viel zu früh. Im März ver­län­gerte Giggs seinen Ver­trag um ein wei­teres Jahr, und Alex Fer­guson ist sich sicher, dass der Spieler auch die Saison 2014/15 noch dran­hängt. Wenn sie endet, wird Giggs 41 Jahre alt sein. Kein Alter, möchte man meinen, immerhin lief der große Stan Mat­thews sogar mit 50 noch in der ersten Liga auf. (Ganz ohne Yoga.) Und wer weiß, viel­leicht spielt Giggs ein­fach weiter und weiter, bis in alle Ewig­keit? Schließ­lich haben viele Leute ja auch das Gefühl, er wäre schon immer dage­wesen. 

Vor ziem­lich genau zwanzig Jahren erzählte George Best einem Reporter, dass er immer wieder den­selben Traum habe. So wie manche Men­schen oft träumen, dass sie plötz­lich wieder in der Schule sind und eine Prü­fung ansteht, so träumte Best, dass er zurück in den sech­ziger Jahren wäre, um für United zu spielen. Aber nicht als ranker, schlanker 22-Jäh­riger, son­dern als beleibter, hüftsteifer Mann von 47 Jahren. In diesem Traum macht Best sich Sorgen, ob sein Trainer Matt Busby ihn in diesem Zustand über­haupt spielen lassen wird, des­wegen wartet er nervös auf die Bekannt­gabe der Auf­stel­lung von Man­chester United. Als er end­lich den Zettel sieht, ist er erleich­tert. Alle seine alten Kol­legen – von Alex Stepney und Denis Law bis Paddy Cre­rand – sind dabei, und auch sein eigener Name ist auf­ge­führt. Dann stutzt George Best. Ganz am Ende der Auf­stel­lung dieser Zeit­rei­senelf taucht ein über­ra­schender Name auf. Dort steht: Nummer 11 – Ryan Giggs“.