Manchmal ist es nur ein kurzer Satz, der den Wer­de­gang eines Spie­lers ent­schei­dend prägt. Und beim FC Bayern sind sie Experten für solche ver­balen Mit­giften. Über Piotr Tro­chowski sagte Karl-Heinz Rum­me­nigge einmal: Wenn er bei uns nicht zum Top­spieler wird, dann haben wir etwas falsch gemacht.“ Wenig später wech­selte Tro­chowski zum Ham­burger SV. Michael Ren­sing war schon Jahre vor seiner ersten Saison als Stamm­keeper die neue Nummer eins Deutsch­lands und die des FC Bayern sowieso, zumin­dest sah Uli Hoeneß weit und breit keinen bes­seren Tor­steher.

Heute hütet Manuel Neuer sowohl das eine als auch das andere Tor, und Ren­sing hat die Wahl, ob er mit dem 1. FC Köln in die Zweite Liga oder auf Job­suche geht. Wenn die Bayern-Bosse jubi­lieren, tut das jungen Kickern offen­sicht­lich selten gut. Einer aller­dings hat es trotz mas­siver Vor­schuss­lor­beeren beim FC Bayern geschafft: Toni Kroos. Er gilt am Samstag im Cham­pions-League-Finale als einer der Hoff­nungs­träger der Münchner.

Als Mehmet Scholl Kroos das erste Mal sah, war er begeis­tert: So einen Spieler hat es beim FC Bayern seit 20 Jahren nicht gegeben!“ Uli Hoeneß ver­sprach dem noch nicht voll­jäh­rigen Juwel sogar, dass es irgend­wann mal die Nummer zehn bei den Münch­nern tragen werde. Ze Roberto, der sei­ner­zeit das Spiel­ma­cher-Trikot für sich ein­for­derte, blieb das Nach­sehen. Nein, die Zehn, sollte ein Mann über­nehmen, der das Mit­tel­feld des deut­schen Rekord­meis­ters auf Jahre lenken kann. Kroos war erst 17. Doch sein Weg schien vor­ge­zeichnet.

Stand heute ging der Plan nur teil­weise auf. Noch immer trägt Kroos die 39 auf dem Rücken, so wie schon in seinem ersten Bun­des­li­ga­spiel am 26. Sep­tember 2007. Und auch die Posi­tion des zen­tralen Mannes in der Offen­sive füllt Kroos kei­nes­wegs immer aus. Auch gegen den FC Chelsea ist er als Partner von Bas­tian Schwein­s­teiger im defen­siven Mit­tel­feld vor­ge­sehen, er muss diese Rolle ein­nehmen, weil Luiz Gus­tavo gesperrt ist und Ana­toliy Tymosh­chuk in der Abwehr benö­tigt wird. Die beiden Kraft­pa­kete sind ver­hin­dert, der fili­grane Tech­niker bleibt übrig. Kroos wird zurück­ge­zogen.

Dass der 22-Jäh­rige lieber weiter vorne spielt, verrät er auf der Home­page seiner Bera­ter­agentur Sports Total“. Die Zehn sei seine beste Posi­tion“, sagt er dort. Wenn alle Mann fit sind beim FC Bayern, gibt es auch bei Trainer Jupp Heynckes keinen Zweifel an der favo­ri­sierten Rolle des 22-Jäh­rigen. Hinter den Spitzen hat Kroos sogar Thomas Müller ver­drängt. Doch gegen den FC Chelsea fehlen den Münch­nern drei Spieler gesperrt, Per­so­nal­ro­chaden sind die Folgen. Und diese treffen in der Regel Kroos. Er ist ein Zehner für gewisse Spiele. Oft­mals gibt er den Zwi­schen­spieler“ – eine Posi­tion, die Joa­chim Löw eigens für Kroos in der Natio­nal­mann­schaft ein­führte. Dann reiht er sich zwi­schen der defen­siven Sech­ser­pos­tion und der Offen­sive ein. Und auch auf der Außen­bahn hat Kroos seinen Wert schon gezeigt, dort machte er in seiner Leih­zeit bei Bayer Lever­kusen seine besten Spiele.

Es ist diese Fle­xi­bi­lität, die Toni Kroos im Jahr 2012 aus­zeichnet. Auf den Platz hinter den Stür­mern wird er schon lange nicht mehr redu­ziert. Kroos gelingt es viel­mehr, jede seiner Rollen zu zeh­ni­fi­zieren“. Auf der Außen­bahn sind von ihm keine Sprints der Marke Ribery zu erwarten, dafür aber kluge Pässe und unbe­re­chen­bare Tor­schüsse. Spielt er vor der Abwehr, kann er defensiv auf eine Zwei­kampf­stärke setzen, die ihm auf­grund seiner Statur auf den ersten Blick kaum jemand zutraut. Wenn mög­lich, zieht es ihn aller­dings weiter nach vorne. Mit dieser Unbe­re­chen­bar­keit will er auch dem FC Chelsea zusetzen.

Wie beein­dru­ckend die Ent­wick­lung ist, die Kroos im Laufe der Jahre genommen hat, ver­deut­licht eine Aus­sage von Werner Kern. Er hat dadurch viel ver­loren, dass ihn Ottmar Hitz­feld weg­nahm aus der zweiten Mann­schaft. Er sollte dort alles lernen – Defen­siv­ver­halten, Wett­kampf­härte“, sagte der Nach­wuchs-Leiter des FC Bayern einmal dem kicker“. Doch Kroos über­sprang als bester Spieler der U17-Welt­meis­ter­schaft den Zwi­schen­schritt Reser­ve­mann­schaft, ging direkt von der A‑Jugend in den Bun­des­li­gakader. Die not­wen­dige Spiel­praxis erhielt er bei den Profis jedoch zunächst nicht, er pen­delte viel­mehr zwi­schen Platz, Bank und zweiter Mann­schaft, ins­be­son­dere als Jürgen Klins­mann die Bayern 2008 trai­nierte. Ich wurde fallen gelassen“, beschrieb er in der Sport-Bild das Ver­hältnis zum ehe­ma­ligen Bayern-Trainer, der ihn zunächst ein­setzte, dann jedoch auf andere baute. Der Wechsel zu Bayer Lever­kusen im Winter 2009 tat Kroos sehr gut. Er sagte: Das war bisher die wich­tigste Zeit in meiner Kar­riere.“

Den Fein­schliff, den sich Kroos unterm Bayer-Kreuz holte, ließ ihn auch in der Gunst der ganz Großen weiter steigen. Franz Becken­bauer sah ihn schon 2009 als Nach­folger von Michael Bal­lack im offen­siven Mit­tel­feld der Natio­nalelf. Der Kaiser bezog sich dabei gewiss auf die Posi­tionen der beiden, doch dar­über­hinaus ver­bindet die beiden noch eine Sache: Der Hang zum Vize. Bal­lack wurde dies stets vor­ge­halten: End­spiele ver­lieren, Titel ver­geigen. Auch Kroos fehlt bis heute die Quint­essenz des Fuß­balls. In Anbe­tracht seines jungen Alters wirkt ein sol­cher Vor­wurf zunächst gro­tesk. Doch Kroos hat in seiner jungen Kar­riere schon einige Titel­chancen gehabt und diese über­wie­gend nicht genutzt.

Im Junio­ren­be­reich deu­tete sich das Dilemma bereits an. Die B‑Jugend von Hansa Ros­tock (2005) und die Bayern-A-Jugend (2007) führte er ins Finale zur Deut­schen Meis­ter­schaft, das jeweils ver­loren ging. Die Kar­riere in der Bun­des­liga star­tete mit dem Double 2008 zwar erfolg­reich, doch Kroos‘ Anteil war mit 360 Ein­satz­mi­nuten nur mar­ginal. In Lever­kusen blieb Kroos mit einer Vize­meis­ter­schaft und einem ver­lo­renen Pokal­fi­nale der titel­losen Bayer-Tra­di­tion treu, wäh­rend Bayern das Double holte. Und seit seiner Rück­kehr nach Mün­chen hat sich Borussia Dort­mund dazu ent­schieden, dem Rekord­meister sämt­liche natio­nale Tro­phäen erfolg­reich streitig zu machen.

In der Natio­nal­mann­schaft ist die Bilanz eben­falls aus­bau­fähig. Bei der U‑17-WM 2007 über­ragte Kroos als bester Spieler des Tur­niers, das Aus im Halb­fi­nale gegen Nigeria konnte er indes nicht ver­hin­dern. Glei­ches wider­fuhr ihm mit dem A‑Team bei der WM 2010, bei dem er als jüngster Spieler im Kader stand. Kroos selbst vergab bei der 0:1‑Halbfinal-Niederlage gegen Spa­nien die große Gele­gen­heit zur Füh­rung, schei­terte aber aus kurzer Distanz an Ilker Cas­illas.

Zuletzt gingen mit Meis­ter­schaft und DFB-Pokal erneut zwei Titel flöten. Zwei Joker hat Kroos in dieser Saison noch, um dem Final­trauma ein Ende zu setzen – das Cham­pions-League-Finale und die EM in der Ukraine und Polen. Titel, die Michael Bal­lack nie gewonnen hat. Toni Kroos hat die Chance dazu .