Seite 2: Jährlicher Gewinn

Am Abend vor dem großen Spiel sitzt Eibars Prä­si­dentin in ihrem Büro, in das man von der Straße aus hin­ein­schauen kann. Von den Rent­nern, die an diesem milden Abend am Ipurua spa­zieren gehen, trennt Goros­tiza nur ein großes Fenster: unten eine Folie mit dem Ver­eins­logo, dar­über freier Blick in die Schalt­zen­trale des Ver­eins. Ein kleiner Kon­fe­renz­tisch, eine mas­sive Arbeits­platte, dahinter Pokale und eine Statue der Jung­frau von Arrate, der Schutz­hei­ligen von Eibar. Goros­tiza steht in der Mitte des Raumes und klopft ihrem Pres­se­spre­cher auf die Schulter. Schon in 24 Stunden werden Fuß­ball­fans auf der ganzen Welt über ihre Mann­schaft spre­chen und über das, was der SD Eibar mit Real Madrid gemacht hat. Doch noch ist ein Sieg gegen Real für Goros­tiza ledig­lich ein Traum. Es ist David gegen Goliath, aber irgend­wann müssen sie fallen. Vor zwei Jahren haben wir im Ber­nabeu Unent­schieden gespielt. Danach habe ich viel zu viel Cham­pa­gner getrunken, uuuuff …“

Vier Schritte von Goros­tizas Tür ent­fernt sitzen ihre Mit­ar­beiter in einem Büro, das den Zusatz Groß­raum“ nicht ver­dient hat. Auf den Tischen sta­peln sich Unter­lagen, Tri­kots, Poster. Die Prä­si­dentin bekommt kein Geld für ihren Posten – sie redet viel davon, dass die Men­schen beim SD Eibar wie eine Familie zusam­men­ar­beiten müssen, um in der ersten Liga eine Chance gegen die über­mäch­tigen Gegner zu haben. Den Begriff Familie“ benutzen viele Ver­eins­prä­si­denten, auch solche, die im Grunde genommen Kon­zernen vor­stehen. In Eibar aber scheint das Wort tat­säch­lich etwas zu bedeuten. Arrate Fer­nandez ist die rechte Hand von Goros­tiza, eine ihrer engsten Ver­trauten und zuständig für Öffent­lich­keits­ar­beit, Mar­ke­ting und Pro­to­koll. Sie war es, die gemeinsam mit Ex-Prä­si­dent Alex Aranzabal die Idee mit dem Crowd­fun­ding umge­setzt hat. Alex hatte eine prä­si­diale Art“, sagt Fer­nandez. Amaia ist anders. Alle dürfen pro­aktiv und kreativ arbeiten, Amaia lässt uns Raum zum Träumen.“ Selbst einen Tag vor dem Spiel des Jahres, wenn der Stress am größten ist und die Mit­ar­beiter im Stech­schritt durch die Flure laufen, halten sie inne, um kurz mit den Kol­legen zu plau­dern. Auch Mit­tel­feld­spieler Joan Jordan, der gegen Madrid 90 Minuten spielen wird. Er kommt in die Kan­tine, begrüßt die Köchinnen und schaut in den Topf: Boah, sieht lecker aus.“ Fer­nandez sagt: Nachher essen alle zusammen, die Spieler, die Prä­si­dentin, jeder redet mit jedem. Aber klar, wir wachsen weiter, es wird schwierig, dass das so bleibt.“

Eibar gehört zu den drei reichsten Ver­einen Spa­niens

Seit Goros­tiza den Verein über­nommen hat, macht Eibar jähr­lich Gewinn. Spitz for­mu­liert gehört Eibar zu den drei reichsten Ver­einen Spa­niens, denn außer ihm haben nur Celta Vigo und Ath­letic Bilbao keine Schulden. Aber nicht jeder ist zufrieden, wie Goros­tiza den Klub umge­krem­pelt hat. Von Teilen der Fans gibt es Kritik: Die Prä­si­dentin führt den Verein wie eine Firma“, sagt Joseba Com­barro, Prä­si­dent des größten aktiven Fan­klubs von Eibar. Aber ande­rer­seits: Was soll sie machen? Sonst steigen wir ab. Sie ist ein­fach eine extrem gute Unter­neh­merin.“ Durch das extreme Mar­ke­ting und die Prä­senz in den sozialen Medien habe der eigent­lich so beschei­dene Verein auch einen Teil seiner Seele ver­kauft. Es kommen mitt­ler­weile viele Zuschauer, um ein­fach nur Fotos zu machen.“ Com­barro, ein Mann mit Schnurr­bart und einer aus­geb­li­chenen Eibar-Trai­nings­jacke aus den Neun­zi­gern, ist auf dem Weg zum Sta­dion. Er will noch mal ins Innere, die Ruhe genießen, bevor es morgen los­geht. Als er fünf war, nahm ihn sein Onkel zum ersten Mal mit ins Ipurua, in den 30 Jahren danach hat er fast kein Spiel von Eibar ver­passt. Wäh­rend er die steile Straße hoch zum Sta­dion geht, kramt er aus der Tasche seiner Drei­vier­tel­hose sein Handy hervor und tippt Amaia Goros­tiza“ ein. Sie schreibt mir ab und zu, klar. Aber eigent­lich nur, wenn es Pro­bleme gibt.“ An vielen Häu­sern hängen Flaggen des Ver­eins, die Stadt­rei­ni­gung bereitet den Asphalt auf den hohen Besuch vor, Men­schen mit gelben Westen ver­legen Kabel von Über­tra­gungs­wagen in den Körper des Estadio Ipurua. Ich habe auch einen Schlüssel für das Sta­dion, aber wenn Real kommt …“ Com­barro wedelt mit seiner Hand und zeigt dann auf die Über­wa­chungs­ka­meras. Lieber nicht, sonst gibt es böse Whatsapp-Nach­richten. Aber rein will er doch, also klopft er ans Gitter: Ey, tsssst!“ Der Wach­mann öffnet die Tür, knurrt aber: Es kommt ver­dammt noch mal Real.“ Aber in Eibar kennt man sich eben.

Ich habe meine Pro­bleme damit, wie sich der Verein ver­än­dert hat, aber über Amaia als Mensch kann ich nur Posi­tives sagen. Sie ist sehr gebildet, ein fami­liärer Mensch, auf dem Boden geblieben“, sagt Com­barro und stellt sich dorthin, wo er morgen mit seinen weit auf­ge­ris­senen Augen den Ball ver­folgen wird, den Sergi Enrich an Thibaut Cour­tois vorbei ins Tor bolzt. Der kleine Mann in der Trai­nings­jacke ballt die Faust und sagt: Dieses Mal klappt’s. 3:0. Ich spür’s.“