Dubium sapi­en­tiae ini­tium. Zweifel sei, sagte Des­cartes, der Weis­heit Anfang. Nun kann man leben­digen Trai­nern natür­lich nicht mit ver­stor­benen Phi­lo­so­phen kommen, aus einer Zeit, da der Fuß­ball noch nicht einmal erfunden war. Auch nicht mit dem dezenten Hin­weis, sie stünden womög­lich noch am Anfang der Weis­heit. Trainer neigen schließ­lich berufs­be­dingt zur Selbst­ein­ge­nom­men­heit, manche halten sich sogar für unfehlbar, man muss da sehr vor­sichtig sein.

Und erst recht darf man ihnen nicht mit Zwei­feln kommen: Denn wo sonst herrscht das Gegen­teil von Zwei­feln, die Über­zeu­gung, derart vor wie in ihrem Sport? Die Über­zeu­gung, sie ist hier min­des­tens tau­send­pro­zentig, neu­er­dings sogar brutal. Ist ja richtig: Hat man sie nicht, kann man es auch gleich bleiben lassen – das wahn­wit­zige Unter­fangen, den Ball in ein Tor schießen zu wollen, das von elf feind­lich gesinnten Män­nern strenger bewacht wird als der chi­ne­si­sche Kai­ser­pa­last. 

Ich will auch als Trainer die Cham­pions League gewinnen“

Und doch möchte man diesem Paulo Sousa, der ker­zen­ge­rade auf einer Holz­bank in der Schieds­rich­ter­ka­bine des St. Jakob-Parks zu Basel sitzt und, ohne mit der Wimper zu zucken, sagt: Ich will auch als Trainer die Cham­pions League gewinnen. Und das werde ich auch schaffen. Kein Zweifel“, der auf mehr­fa­ches Nach­fragen, Ein­wenden, ja Pro­tes­tieren immer noch sagt: Ich habe nicht den geringsten Zweifel“, gern noch etwas anderes ent­gegnen als ein ziem­lich erschöpftes: Aha.“

Paulo Sousa, weit auf­ge­ris­sene, glas­klare Augen, sehr viele weiße Zähne, aske­ti­sche Figur, ultra­prä­zise Karate-Gestik: So sehen Sieger aus. Man prallt regel­recht ab an seiner Aura, wie ein Klein­kind, das mit Anlauf in einen Hüpf­ball springt. Dubium sapi­en­tiae ini­tium? Ärger­lich, dass einem diese super­schlauen Des­cartes-Zitate immer erst hin­terher ein­fallen.

Die Aura eines irgendwie unheim­li­chen Mannes

Immerhin ist es ziem­lich wahr­schein­lich, dass Des­cartes auch in der Kabine von Borussia Dort­mund keine Rolle spielte, damals, in der Cham­pions-League-Saison 1996/97. Außer viel­leicht bei Ottmar Hitz­feld, der manchmal, zum bloßen Zeit­ver­treib, in seinem Trai­ner­zimmer auf einem karierten Block den Fuß­ball­got­tes­be­weis erbrachte, aber dann doch lieber für sich behielt. Paulo Sousa war gerade von Juventus Turin gekommen, dort hatte er schon einmal die Cham­pions League gewonnen, und das würde er mit dem BVB, kein Zweifel natür­lich, gleich noch einmal tun.

Eben­dies hatte er den Jour­na­listen auf seiner Vor­stel­lungs­pres­se­kon­fe­renz im August 1996 auch so mit­ge­teilt. Und die Kol­legen von den Ruhr­nach­richten“ und der West­fä­li­schen Rund­schau“, die bis vor nicht allzu langer Zeit noch mit Innen­ver­tei­diger Michael Schulz über den Abstiegs­kampf gespro­chen hatten, sie werden ähn­lich unschön abge­prallt sein an der Aura dieses irgendwie unheim­li­chen Mannes aus dem por­tu­gie­si­schen Viseu.