Es hatte ein biss­chen was von High Noon: Schwarzer Rauch, loderndes Feuer, ein biss­chen Geschrei, Späher am Fuße der Treppe und das ganze Sta­dion schaut gebannt auf die Süd­tri­büne. Wer zieht hier als Erster?

Dann ein Knall. Die Ultras rannten aufs Feld, 40, viel­leicht 50, kaum zu erkennen, einige ver­mummt. Spiel mir das Lied vom Tod, Baby! Und wenn nicht das, dann doch wenigs­tens irgend­eine Mund­har­mo­nika-Melodie. Doch alles, was kam, waren die Bläck Fööss aus den Boxen und die Polizei, die die Ultras auf die Tri­büne zurück­drängte. Der 1.FC Köln war zuvor nach einem 1:4 gegen Bayern Mün­chen übri­gens abge­stiegen. Nie­der­lage auf Nie­der­lage. 

Ein Platz­sturm scheint in deut­schen Sta­dien zum Sai­son­ende en vogue zu werden. 2010 zer­legten Hertha-Anhänger den Innen­raum des Olym­pia­sta­dions, 2011 stürmten Ein­tracht-Ultras den Platz des Wald­sta­dions, nun also die wilden Jungs aus Köln. Einen Tag später pos­tete ein User ein Bild dieses Platz­sturms auf der Face­book-Fan­seite der Kölner Ultra­gruppe Wilde Horde“. Dar­unter stand der Kom­mentar: Mehr sag ich nicht… geeil“. Was genau geeil“ ist, ließ der User offen. Viel­leicht meinte er damit tat­säch­lich den Abstieg, weil man diesen so schön pathe­tisch mit schwarzem Rauch auf­laden konnte.

Ver­mut­lich aber war es geeil“, dass man sich wieder mal auf seinem selbst geschaf­fenen Aben­teu­er­spiel­platz aus­toben konnte. Da gab es ordent­lich Action, Adre­nalin, Rauch­schwaden, Feu­er­werks­körper, jede Menge You­tube-Mate­rial und noch mehr Mystik. Am Ende errang man sogar die Hoheit über die Worte. Wir als Vor­stand sind zutiefst getroffen, und ich muss ehr­lich sagen, wir müssen die Bit­ter­keit dieses schwarzen Sams­tags auch per­sön­lich erst einmal ver­kraften“, sagte Prä­si­dent Werner Spinner. Trainer Frank Schaefer sprach von einem schwarzen Tag“.

In den ver­gan­genen Wochen und Monaten waren Kölns Ultras immer wieder in die Schlag­zeilen geraten. Vor allem die Ultra­gruppe Wilde Horde“ hatte sich für ein Stra­ßen­kämpfer-Image außer­or­dent­lich ins Zeug gelegt. Ein Capo der Gruppe erhielt im Sep­tember 2011 ein Sta­di­on­verbot, weil er bei einem Aus­wärts­spiel auf Schalke die Heim­fans mit Fäka­lien beworfen haben soll. Im Februar 2011 prü­gelten Mit­glieder einen Poli­zei­be­amten und einen Abtei­lungs­leiter der Kölner Sport­stät­ten­ge­sell­schaft nieder. Der FC hatte da gerade ein Liga­spiel gewonnen. Gegen Bayern Mün­chen. Der Kölner Vor­stand wies die Wilde Horde“ an, sich bei den Opfern zu ent­schul­digen – ohne Erfolg. Rainer Mendel, Fan­be­auf­tragter des 1.FC Köln, sagte damals in einem Inter­view mit dem Kölner Stadt­an­zeiger: Es wurden zwar zwei Ter­mine aus­ge­macht, aber beide hat die ›Wilde Horde‹ abge­sagt. Den letzten mit der Begrün­dung, die Mehr­heit der Gruppe sei dagegen, sich per­sön­lich zu ent­schul­digen.“

Und so ging es weiter: Im März griffen FC-Ultras einen Glad­ba­cher Fanbus mit Pflas­ter­steinen an. Auch sie werden der Gruppe Wilde Horde“ zuge­rechnet. Vor zwei Wochen bra­chen zwei FC-Anhänger, angeb­lich Mit­glieder der Kölner Ultra­gruppe Boyz“, dem Lever­ku­sener Michal Kadlec vor einer Dis­ko­thek die Nase. Nun folgte der Platz­sturm. Am Abend suchten Fans außerdem die Woh­nung des Spieler Pedro Geromel auf, um den Spieler zur Rede zu stellen. Doch er war nicht zu Hause. Nach­barn ver­stän­digten die Polizei. Ob die Täter auch einer Kölner Ultra- oder Hoo­li­gan­gruppe ange­hören, steht noch dahin.

Fernab jeder Hys­terie kann man kon­sta­tieren, dass es in Köln eine neue Qua­lität der Fan­ge­walt gibt. Hier geht es nicht mehr um Wald- und Wie­sen­schlachten, es geht nicht mehr um Fah­nen­klau und Mus­kel­pumpen an der nächsten S‑Bahnstation. Es geht um das Aus­loten der Extreme, um das Testen der äußersten Grenze.

Carsten Ble­cher arbeitet beim Fan­pro­jekt des Klubs und begleitet die Kölner Ultra­gruppen seit Jahren. Er sagt: Es hat keine Zunahme der Gewalt gegeben – nur die beson­deren Gewalt­ak­tionen sind extremer geworden.“ Tat­säch­lich werden viele dieser Aktionen ohne Wissen der Füh­rung geplant und durch­ge­führt. Am Ende steht oft die Gruppe am Pranger. Manchmal zu Unrecht. Indes, die Gruppen vertun danach immer wieder die Chance, ihrem eigenen Ultra-Credo zu folgen. Sie distan­zieren sich im Nach­hinein fast nie öffent­lich von den Tätern oder schließen diese gar aus der Gruppe aus. Die Selbst­re­gu­lie­rung der Kurve funk­tio­niert nicht so, wie wir uns das vor­stellen“, sagt auch Ble­cher. Auf Gewalt­akte von Ein­zel­tä­tern folgen nicht die not­wen­digen Kon­se­quenzen.“

Dr. Martin Thein, Poli­to­loge und Autor des Buches Ultras im Abseits?“, kri­ti­siert eben­falls die Füh­rung der Wilde Horde“, die sich seit einigen Jahren kom­plett abschottet. Es ist eine dunkle Szene, die die Außen­welt als ihren Feind aus­ge­macht hat“, sagt Thein. Dar­über hinaus sieht er auch eine neue Qua­lität der Gewalt: Die ›Boyz‹ und die ›Wilde Horde‹ sind aggres­siver geworden. Es gab in der jün­geren Ver­gan­gen­heit einige Vor­fälle, bei denen Pas­santen oder nor­male Fans ange­griffen wurden, die mit der Ultra-Bewe­gung über­haupt nichts zu tun haben.“

Ob eine Gruppe oder kopf­lose Ein­zel­kämpfer der Wilden Horde“ für den Platz­sturm ver­ant­wort­lich sind, ist bis­lang nicht geklärt. Es war eine bunte Mischung von Fans aus der Süd­tri­büne“, meint Ble­cher. Dabei gehen im Sta­dion längst nicht mehr alle Fans kon­form mit der Mei­nung der gewalt­be­reiten Ultras. Die Colo­nicas“ etwa haben sich vor vier Jahren von der Wilden Horde abge­spalten. Man wollte die Ultra-Kultur zurück auf die Ränge bringen, hieß es damals. Dieser Schritt war auch als Absage zum Kra­walltum der Ultra­szene ver­stehen. 

Von den rest­li­chen Fans blieb eine Kritik an den Aktionen der gewalt­tä­tigen Ultras lange aus – oder sie ver­puffte im Lärm der Kurve. An diesem Samstag änderte sich das aller­dings schlag­artig, es wurde erst­mals richtig laut. War die Sorge vor einer Rück­kehr der Horde zu groß? Oder war das Fass schlicht über­ge­laufen? Als die Polizei die platz­stür­menden Ultras zurück­drängte, applau­dierten jeden­falls meh­rere tau­send Fans auf dem Ober­rang der Süd­tri­büne, dort, wo jün­gere Fans, Alt-Fans, aber eben auch andere Ultras neben­ein­ander sitzen und stehen. Dann hallten Gesänge durchs Sta­dion: Scheiß Wilde Horde! Scheiß Wilde Horde“ oder Wilde Horde: Nie mehr, nie mehr, nie mehr!“

Es war nun­mehr neben­säch­lich, inwie­fern die Wilde Horde“ oder ein­zelne Mit­glieder dieser Gruppe am Platz­sturm betei­ligt waren. Die Horde trug ein Stigma, sie war unlängst zum Syn­onym für Gewalt geworden. Und sie hat nun, so scheint es, nicht nur die Polizei, die Spieler, den modernen Fuß­ball, son­dern auch Fans in der eigenen Kurve als Gegner. Kann es also doch einen Selbst­rei­nings­pro­zess in der Kurve geben? Denn auch wenn sie es nicht zugeben werden, solche Gegen­stimmen berühren die Mit­glieder der ›Wilden Horde‹“, sagt Ble­cher. Sie wün­schen sich eine große und starke Gemein­schaft auf der Süd­tri­büne.“ So gibt das kol­lek­tive Auf­be­gehren der nor­malen Fans Hoff­nung, dass sich die Situa­tion ent­spannt. Die Kurve abseits der gewalt­be­reiten Ultras hat jeden­falls erkannt, dass sie eine Stimme hat, die gehört wird. Trotz schwarzem Rauch und Aben­teu­er­spiel­platz.