Neu­lich hat Oliver Bier­hoff ein wenig von früher erzählt, aus den Urzeiten des Fuß­balls, als der Rechts­außen noch die 7 trug, der Links­außen die 11 und der Mit­tel­stürmer die 9. Bier­hoff, der Manager der Natio­nal­mann­schaft, blickte kurz zu Mar­cell Jansen. Ich weiß nicht, ob du auch so ange­fangen hast“, sagte er. Und lachte. Mar­cell Jansen ist vorige Woche 28 geworden.

Mit Anfang 20 habe ich mich viel älter gefühlt

Früher hätte man gesagt: Jansen, der Links­ver­tei­diger vom Ham­burger SV, ist jetzt im besten Fuß­bal­ler­alter. Mit Ende 20 lässt die kör­per­liche Fit­ness noch nicht zwin­gend nach, dafür kommt der Faktor Erfah­rung hinzu. Aber ob das immer noch gilt, jetzt, da immer mehr und immer jün­gere Talente in die Natio­nalelf strömen, weiß nie­mand so recht.

Für mich ist es das beste Alter“, sagt Jansen. Mit Anfang 20 habe ich mich viel älter gefühlt, viel müder und gar nicht so fit wie jetzt.“

Dieses Gefühl ist durch den Bun­des­trainer inzwi­schen sogar nota­riell beglau­bigt worden. Im März hat Joa­chim Löw Jansen zurück in die Ras­sel­bande namens Natio­nal­mann­schaft geholt. Im Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Kasach­stan wurde er kurz vor Schluss ein­ge­wech­selt. Es war Jan­sens erstes Län­der­spiel nach zwei Jahren, sechs Monaten und drei­und­zwanzig Tagen Pause. Was damals noch wie eine ein­ma­lige Sache aussah, stellt sich mehr und mehr als Beginn einer sta­bilen Bezie­hung heraus. Seit seinem Come­back ist Jansen in jedem Län­der­spiel zum Ein­satz gekommen. Auch gegen Ita­lien und Eng­land wurde er wieder nomi­niert.

Mit seiner Bio­grafie ist Jansen ein spe­zi­eller Fall im Kosmos Natio­nal­mann­schaft. Wer einmal vom Schirm des Bun­des­trai­ners ver­schwunden ist, taucht in der Regel nicht mehr auf: Marko Marin, Piotr Tro­chowski, Serdar Tasci, Simon Rolfes – alle haben bei Löw eine mehr oder minder wich­tige Rolle gespielt, sind urplötz­lich ver­schwunden und nie zurück­ge­kehrt. Auch Jansen war lange weg. Mesut Özil, Thomas Müller, Sami Khe­dira, alle deut­lich jünger, haben längst mehr Län­der­spiele als er. Und seine Alters­ge­nossen, die End­zwan­ziger Lahm, Schwein­s­teiger, Podolski, haben inzwi­schen die Hun­der­ter­marke geknackt. Mar­cell Jansen steht bei 42 Län­der­spielen. Wann spürt man eigent­lich, dass man raus ist? Was heißt raus?“, fragt Jansen. Ich habe nie gezwei­felt, es wieder schaffen zu können.“

Wie ein zweiter Verein

Man tritt Jansen sicher nicht zu nahe, wenn man seine Bezie­hung zur Natio­nal­mann­schaft als eine beson­dere bezeichnet. Sie ist so etwas wie die Kon­stante in seinem sport­li­chen Leben. Seitdem er vor zehn Jahren Profi wurde, hat er bei Borussia Mön­chen­glad­bach, Bayern Mün­chen und dem HSV 16 Trainer gehabt. In der Natio­nal­mann­schaft waren es zwei: Jürgen Klins­mann und Joa­chim Löw. Die Natio­nal­mann­schaft ist wie ein zweiter Verein für mich“, sagt Jansen.

Ganze neun Monate hat Jansen 2005 nach seinem Bun­des­li­ga­debüt gebraucht, bis er mit 19 erst­mals zur Natio­nalelf geladen wurde. Die große Welt des Fuß­balls eroberte er damals im Sau­se­schritt. Bei der WM 2006 war Jansen der jüngste Spieler im deut­schen Kader, 2008 bei der EM immer noch. Der Außen­ver­tei­diger passte per­fekt ins Beu­te­schema von Jürgen Klins­mann: Er inter­pre­tierte seine Rolle sehr offensiv, enterte dyna­misch den freien Raum und wirkte in seinem ganzen Auf­treten erfri­schend forsch.

Joa­chim Löw hat Jan­sens Weg von Beginn an begleitet, erst als Co-Trainer, seit 2006 als Chef. Ich habe bei ihm sehr viel gelernt, gerade die Inter­pre­ta­tion des Außen­ver­tei­di­gers“, sagt Jansen. Wäh­rend im Klub jeder neue Trainer neue Ideen ein­brachte, wusste Jansen in der Natio­nalelf immer, worauf geachtet wird, wo man sich wei­ter­ent­wi­ckeln muss“.

Zwi­schen­zeit­lich schien seine Ent­wick­lung ernst­haft ins Sto­cken geraten zu sein. Vor zwei Jahren hat Löw bei Jansen sogar öffent­lich eine Ent­schei­dung ange­mahnt, ob er im Sommer lieber vier Wochen Urlaub machen oder etwas für seine Kar­riere tun wolle. Der Satz hat dem Ham­burger den Ruf ein­ge­bracht, zu wenig pro­fes­sio­nell mit seinem Körper umge­gangen zu sein. Jansen hält diese Deu­tung für Blöd­sinn. Er ist sicher, dass Löw seine Aus­sage nicht auf die Ver­gan­gen­heit bezogen haben kann: Er weiß ja, dass ich ein sehr flei­ßiger Spieler bin.“

Dass sich Ver­let­zungen durch seine Kar­riere ziehen, fast jeder Kör­per­teil (Hüfte, Zeh, Syn­des­mo­se­band, Schulter, Achil­les­sehne) schon betroffen war, das führt Jansen vor allem auf seine risi­ko­reiche Spiel­weise zurück: Du kannst den ganzen Tag nur Möhr­chen und Tomaten essen – wenn du dich ver­letzt, dann ver­letzt du dich.“ Jansen spricht daher lieber von Unfällen als Ver­let­zungen, eine Folge man­gelnder Sorg­falt kann er darin nicht erkennen. Anders wäre es, wenn er dau­ernd von Mus­kel­fa­ser­rissen geplagt worden wäre. Jansen erin­nert sich an keinen ein­zigen.

Ab dem Tag wusste ich: Jetzt geht’s weiter“

Sein Pro­blem – so sieht Jansen es heute – war eher, dass er zu viel wollte. Unmit­telbar vor der WM 2010 war er zwei Monate ver­letzt, im Verein hatte er nur Lauf­trai­ning bestritten. Trotzdem wurde er nomi­niert. Jansen kämpfte sich heran, kam zu vier Ein­sätzen – und fiel nach der Welt­meis­ter­schaft in ein tiefes Loch. Das Tur­nier hat mich weit zurück­ge­worfen. Das war wie ein Ver­brennen“, sagt er. Aber daraus habe ich viel gelernt.“ Als Jansen bei der EM 2012 erst­mals bei einem großen Tur­nier fehlte, hielt sich seine Ent­täu­schung in Grenzen. Die Erho­lung, vor allem mental, würde ihm per­spek­ti­visch nur gut tun. Ebenso wichtig war, dass er beim HSV vom Mit­tel­feld wieder in die Vie­rer­kette rückte. Das ist zu hun­dert Pro­zent meine Posi­tion“, sagt er. Ab dem Tag wusste ich: Jetzt geht’s weiter.“ Zumal die Kon­kur­renz auf dieser Posi­tion tra­di­tio­nell dünn ist. Außer Marcel Schmelzer aus Dort­mund gibt es nie­manden, den Jansen ernst­haft fürchten muss.

Mar­cell Jansen, der lange weg war, besitzt jetzt sogar wieder eine rea­lis­ti­sche Chance, 2014 an der Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien teil­zu­nehmen. Es wäre seine dritte WM-End­runde. Schnell hoch­kommen ist ein­fach“, sagt Jansen, aber auf dem Level zu bleiben, das ist die Kunst.“ Wieder zurück­zu­kommen erst recht.