Seite 2: Ein langer Weg an die Spitze

Cham­pions League spielt Lukaku inzwi­schen selbst. In der abge­lau­fenen Saison lief er für Inter Mai­land erst­mals im höchsten euro­päi­schen Wett­be­werb auf und konnte, obwohl die Mai­länder bereits in der Grup­pen­phase aus­schieden, gleich vier Tore erzielen. Immer wieder setzte er dafür gekonnt seine kör­per­li­chen Vor­teile ein. Ist Lukaku erst einmal unter­wegs, hält ihn häufig nie­mand mehr auf. Ähn­lich ließ sich das zuletzt auch beim 1:1‑Ausgleichstreffer im Spiel gegen die Dänen beob­achten, als er sich kraft­voll auf der rechten Seite durch­tankte und gleich zwei Ver­tei­diger hinter sich ließ. In diesem Fall schloss er jedoch nicht selbst ab, son­dern spielte den Ball über­legt zu Kevin de Bruyne rüber. Dieser bediente wie­derum den ein­lau­fenden Thorgan Hazard, der nur noch ein­schieben musste. Gerade die Mischung aus dem kraft­vollen Spiel Lukakus und der tech­ni­schen Finesse Kevin De Bruynes könnte zum Schlüs­sel­faktor für den wei­teren Tur­nier­ver­lauf der Bel­gier werden. Eine derart tra­gende Rolle inner­halb eines Teams zu spielen, davon hatte Lukaku schon früh geträumt.

Träumen? Ich spiele hier, du wirst sehen.“

So gelang ihm bereits im Alter von 16 Jahren der Sprung zu den Profis vom RSC Ander­lecht. Genau zwei Jahre später erfolgte dann schon der Wechsel für den mitt­ler­weile als Wun­der­kind gehan­delten Lukaku zum FC Chelsea. Jener Verein, von dem er in seiner Jugend immer geträumt hatte. Beson­ders gut zu sehen ist Lukakus frühe Begeis­te­rung für die Blues in einer Auf­nahme aus dem Jahr 2010, als er mit seiner Schul­klasse die Stam­ford Bridge besuchte. Wäh­rend der Rest der Klasse schon in den Innen­räumen des Sta­dions ver­schwunden ist, lehnt Lukaku noch am Geländer der leeren Tri­büne und blickt auf den Rasen, als plötz­lich sein Lehrer dazu­kommt. Du hast später noch Zeit, aber jetzt musst du in den Kon­fe­renz­raum kommen. Dann kannst du so viel träumen wie du willst“, sagt der Erwach­sene zu ihm. Ungläubig zieht Lukaku dar­aufhin die Augen­brauen hoch: Träumen? Ich spiele hier, du wirst sehen.“

Wan­der­jahre in der Pre­mier League

Und so kam es dann auch. Im Jahr 2012 über­wiesen die Lon­doner 15 Mil­lion Euro nach Ander­lecht und erfüllten Lukaku seinen großen Traum. Nachdem er jedoch bei den Blues den hohen Erwar­tungen nicht gerecht werden konnte, folgte eine Odyssee in der eng­li­schen Pre­mier League, auf der er ver­zwei­felt seine sport­liche Heimat suchte. Nach einem Leih­ge­schäft Chel­seas kämpfte er sich erst beim FC Everton zurück und stellte sich so erneut ins Schau­fenster für die euro­päi­schen Top­klubs. Diesmal griff Man­chester United für satte 85 Mil­lionen Euro zu. Doch auch hier konnte er sich nicht dau­er­haft auf dem aller­höchsten Niveau eta­blieren, was nicht zuletzt an der ergeb­nis­ori­en­tierten und recht destruk­tiven Spiel­weise unter José Mour­inho lag. Vor zwei Jahren, im Sommer 2019, ent­schieden sich die Ver­ant­wort­li­chen in Man­chester dann für einen Ver­kauf zu Inter Mai­land und ermög­lichten dem Bel­gier im Norden Ita­liens so die beste sport­liche Epi­sode seiner bis­he­rigen Kar­riere.

Und obwohl es sport­lich her­vor­ra­gend unter Trainer Antonio Conte bei den Neraz­zurri lief, begeg­neten Lukaku in der Serie A auch hier wieder die Schatten der Ver­gan­gen­heit. So kam es etwa in einem Aus­wärts­spiel bei Cagliaro Calcio zu ras­sis­ti­schen Vor­fällen, als er von den geg­ne­ri­schen Fans mit Affen­lauten belei­digt wurde – alles andere als eine Sel­ten­heit in Ita­lien. Aber Lukaku reagierte auf sein Weise. Kurz nach dem Vor­fall ver­wan­delte er einen Elf­meter zum 2:1 und starrte mit ernster Miene ins Publikum. Auch nach dem Spiel wehrte er sich in einem Social-Media-Post gegen jeg­liche Art der Dis­kri­mi­nie­rung: Fuß­ball ist ein Spiel, das jedem Freude machen soll. Wir leben im Jahr 2019. Doch statt in die Zukunft zu bli­cken, machen wir Schritte zurück. Ich glaube, dass wir Spieler uns zusam­men­schließen und eine Erklä­rung zu diesem Thema machen sollten.“

Nun also, nach immerhin zwölf Jahren im Pro­fi­fuß­ball und im besten Fuß­bal­ler­alter von 28 Jahren, ist Lukaku ganz oben ange­kommen – sowohl im Ver­eins­fuß­ball als auch in der Natio­nal­mann­schaft. Ein Euro­pa­meis­ter­titel mit Bel­gien wäre die vor­läu­fige Krö­nung einer bewegten Kar­riere. Dass er es so weit gebracht hat, liegt nicht zuletzt an seinem uner­schüt­ter­li­chen Selbst­be­wusst­sein: Leute im Fuss­ball lieben es über men­tale Stärke zu reden. Nun ja, ich bin der stärkste Typ, den du jemals treffen wirst.“