Es lief gerade die zehnte Minute im Spiel Bel­gien gegen Russ­land, als Romelu Lukaku uner­wartet im geg­ne­ri­schen Straf­raum an den Ball kam. Unmit­telbar zuvor hatte der rus­si­sche Innen­ver­tei­diger Andrei Semenov eine miss­glückte Her­ein­gabe von Dries Mer­tens ver­stol­pert und den Ball so für den Bel­gier ser­viert. Und obwohl auf dem Stürmer eine große Erwar­tungs­hal­tung lastet, die bel­gi­sche Mann­schaft mit seinen Toren vom Status des ewigen Geheim­fa­vo­riten zu erlösen, blieb Lukaku in dieser Szene ganz ruhig. Unauf­ge­regt schob er den Ball genau neben dem rechten Pfosten zur 1:0‑Führung der Bel­gier ein. Doch offenbar hatte sich Lukaku an diesem Abend auch noch andere Dinge vor­ge­nommen, als sport­liche Erwar­tungen zu erfüllen: Im Anschluss fei­erte er sein Tor nicht über­schwäng­lich, son­dern rannte zur nächst­ge­le­genen Kamera und sen­dete seinem mai­län­di­schen Team­kol­legen Chris­tian Eriksen, der wenige Stunden zuvor einen Herz­still­stand auf dem Platz erlitten hatte, eine Gruß­bot­schaft ins Kran­ken­haus: Chris, Chris, …stay strong, I love you!“. Es sind Szenen wie diese, die Romelu Lukaku gut beschreiben.

Mit Chris­tian Eriksen ver­bindet Lukaku sehr viel. Beruf­lich, weil sie beide für Inter Mai­land spielen, und privat, weil sie auch abseits des Platzes enge Freunde sind: Ich ver­bringe mehr Zeit mit ihm als mit meiner eigenen Familie“, sagte er nach dem 3:0‑Sieg gegen Russ­land. Auch vor dem Spiel sei es ihm des­halb nicht leicht gefallen, sich auf seine Auf­gaben in den kom­menden 90 Minuten zu kon­zen­trieren. Und trotzdem gelang es dem 1,91 Meter großen Sturm­riesen an diesem Abend, zwei Treffer zu erzielen und so für einen per­fekten Tur­nier­start der roten Teufel zu sorgen. Nicht erst dieser Auf­tritt machte klar, dass Romelu Lukaku mitt­ler­weile unzwei­fel­haft zu den besten Stür­mern der Welt zählt. Seit seinem Wechsel zu Inter Mai­land im Jahr 2019 ist sein Spiel kon­stanter geworden: aus dem Wun­der­knaben aus Ander­lecht ist end­gültig ein aner­kannter Welt­klas­se­stürmer geworden, der sich in der ver­gangen Saison mit Inter zudem die ita­lie­ni­sche Meis­ter­schaft sichern konnte. Um bis zu diesem Punkt in seiner Kar­riere zu gelangen, waren jedoch nicht nur sport­liche Fähig­keiten nötig. Das wird beson­ders deut­lich, wenn man Lukakus Lebensweg betrachtet.

Ich habe noch den Gesichts­aus­druck meiner Mutter vor Augen, als sie am Kühl­schrank steht.“

Ausweg Fuß­ball

Der Ausweg aus diesen schwie­rigen Ver­hält­nissen bot ihm in den Fol­ge­jahren der Fuß­ball. Und ganz egal, wo und wann er in seiner Jugend gegen den Ball trat, Romelu Lukaku ließ stets sein Herz auf dem Platz: Jedes Spiel, das ich jemals spielte, war ein Finale. Wenn ich im Park spielte, war es ein Finale. Wenn ich wäh­rend der Pause im Kin­der­garten spielte, war es ein Finale. Ich bin tod­ernst. Ich habe ver­sucht bei jedem Schuss die Hülle vom Ball zu reißen. Volle Power.“ Es ist dieser uner­müd­liche Antrieb, diese Gier danach, sich gegen alle Wider­stände hin­weg­setzen zu wollen, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht. Neben der Armut drängte sich aber auch ein ganz anderes Thema immer wieder in sein Leben.

So wie etwa im Alter von elf Jahren, als die Eltern der Gegen­spieler ihm auf­grund seiner immensen Kör­per­größe unter­stellten, er sei nicht spiel­be­rech­tigt und die Her­aus­gabe seines Aus­weises for­derten. Ganz auf sich allein gestellt, weil sein Vater sich kein Auto leisten konnte, um ihn zu den Aus­wärts­spielen zu begleiten, erfuhr der Sohn zai­ri­scher Eltern damals jene ras­sis­ti­sche Gering­schät­zung, die auch heute in der Gesell­schaft und im Fuss­ball noch all­ge­gen­wärtig ist. Ein­schüch­tern ließ sich Lukaku trotzdem nicht: Er zeigte seinen Aus­weis und schwor sich, besser als die Kinder dieser Eltern zu sein. Durch die Wut, die er sowohl aus den Armut­s­er­fah­rungen als auch durch den All­tags­ras­sismus ent­wi­ckelte, wuchs in Lukaku der unbe­dingte Wille, es als Fuß­baller an die Spitze zu schaffen: Ich wollte der beste Fuß­baller in Bel­gien Geschichte werden. Ich spielte wegen einiger Dinge mit so viel Zorn, … weil die Ratten durch unser Apart­ment liefen, weil ich die Cham­pions League nicht sehen konnte und wegen des Blicks der anderen Eltern.“

Cham­pions League spielt Lukaku inzwi­schen selbst. In der abge­lau­fenen Saison lief er für Inter Mai­land erst­mals im höchsten euro­päi­schen Wett­be­werb auf und konnte, obwohl die Mai­länder bereits in der Grup­pen­phase aus­schieden, gleich vier Tore erzielen. Immer wieder setzte er dafür gekonnt seine kör­per­li­chen Vor­teile ein. Ist Lukaku erst einmal unter­wegs, hält ihn häufig nie­mand mehr auf. Ähn­lich ließ sich das zuletzt auch beim 1:1‑Ausgleichstreffer im Spiel gegen die Dänen beob­achten, als er sich kraft­voll auf der rechten Seite durch­tankte und gleich zwei Ver­tei­diger hinter sich ließ. In diesem Fall schloss er jedoch nicht selbst ab, son­dern spielte den Ball über­legt zu Kevin de Bruyne rüber. Dieser bediente wie­derum den ein­lau­fenden Thorgan Hazard, der nur noch ein­schieben musste. Gerade die Mischung aus dem kraft­vollen Spiel Lukakus und der tech­ni­schen Finesse Kevin De Bruynes könnte zum Schlüs­sel­faktor für den wei­teren Tur­nier­ver­lauf der Bel­gier werden. Eine derart tra­gende Rolle inner­halb eines Teams zu spielen, davon hatte Lukaku schon früh geträumt.

Träumen? Ich spiele hier, du wirst sehen.“

So gelang ihm bereits im Alter von 16 Jahren der Sprung zu den Profis vom RSC Ander­lecht. Genau zwei Jahre später erfolgte dann schon der Wechsel für den mitt­ler­weile als Wun­der­kind gehan­delten Lukaku zum FC Chelsea. Jener Verein, von dem er in seiner Jugend immer geträumt hatte. Beson­ders gut zu sehen ist Lukakus frühe Begeis­te­rung für die Blues in einer Auf­nahme aus dem Jahr 2010, als er mit seiner Schul­klasse die Stam­ford Bridge besuchte. Wäh­rend der Rest der Klasse schon in den Innen­räumen des Sta­dions ver­schwunden ist, lehnt Lukaku noch am Geländer der leeren Tri­büne und blickt auf den Rasen, als plötz­lich sein Lehrer dazu­kommt. Du hast später noch Zeit, aber jetzt musst du in den Kon­fe­renz­raum kommen. Dann kannst du so viel träumen wie du willst“, sagt der Erwach­sene zu ihm. Ungläubig zieht Lukaku dar­aufhin die Augen­brauen hoch: Träumen? Ich spiele hier, du wirst sehen.“

Wan­der­jahre in der Pre­mier League

Und so kam es dann auch. Im Jahr 2012 über­wiesen die Lon­doner 15 Mil­lion Euro nach Ander­lecht und erfüllten Lukaku seinen großen Traum. Nachdem er jedoch bei den Blues den hohen Erwar­tungen nicht gerecht werden konnte, folgte eine Odyssee in der eng­li­schen Pre­mier League, auf der er ver­zwei­felt seine sport­liche Heimat suchte. Nach einem Leih­ge­schäft Chel­seas kämpfte er sich erst beim FC Everton zurück und stellte sich so erneut ins Schau­fenster für die euro­päi­schen Top­klubs. Diesmal griff Man­chester United für satte 85 Mil­lionen Euro zu. Doch auch hier konnte er sich nicht dau­er­haft auf dem aller­höchsten Niveau eta­blieren, was nicht zuletzt an der ergeb­nis­ori­en­tierten und recht destruk­tiven Spiel­weise unter José Mour­inho lag. Vor zwei Jahren, im Sommer 2019, ent­schieden sich die Ver­ant­wort­li­chen in Man­chester dann für einen Ver­kauf zu Inter Mai­land und ermög­lichten dem Bel­gier im Norden Ita­liens so die beste sport­liche Epi­sode seiner bis­he­rigen Kar­riere.

Und obwohl es sport­lich her­vor­ra­gend unter Trainer Antonio Conte bei den Neraz­zurri lief, begeg­neten Lukaku in der Serie A auch hier wieder die Schatten der Ver­gan­gen­heit. So kam es etwa in einem Aus­wärts­spiel bei Cagliaro Calcio zu ras­sis­ti­schen Vor­fällen, als er von den geg­ne­ri­schen Fans mit Affen­lauten belei­digt wurde – alles andere als eine Sel­ten­heit in Ita­lien. Aber Lukaku reagierte auf sein Weise. Kurz nach dem Vor­fall ver­wan­delte er einen Elf­meter zum 2:1 und starrte mit ernster Miene ins Publikum. Auch nach dem Spiel wehrte er sich in einem Social-Media-Post gegen jeg­liche Art der Dis­kri­mi­nie­rung: Fuß­ball ist ein Spiel, das jedem Freude machen soll. Wir leben im Jahr 2019. Doch statt in die Zukunft zu bli­cken, machen wir Schritte zurück. Ich glaube, dass wir Spieler uns zusam­men­schließen und eine Erklä­rung zu diesem Thema machen sollten.“

Nun also, nach immerhin zwölf Jahren im Pro­fi­fuß­ball und im besten Fuß­bal­ler­alter von 28 Jahren, ist Lukaku ganz oben ange­kommen – sowohl im Ver­eins­fuß­ball als auch in der Natio­nal­mann­schaft. Ein Euro­pa­meis­ter­titel mit Bel­gien wäre die vor­läu­fige Krö­nung einer bewegten Kar­riere. Dass er es so weit gebracht hat, liegt nicht zuletzt an seinem uner­schüt­ter­li­chen Selbst­be­wusst­sein: Leute im Fuss­ball lieben es über men­tale Stärke zu reden. Nun ja, ich bin der stärkste Typ, den du jemals treffen wirst.“