Spiel­be­richt

Es gibt Spiele, deren End­ergebnis bereits viel über ihren Ver­lauf verrät. Ein 6:6 oder ein 5:4 nach Ver­län­ge­rung erzählt seine eigene Geschichte von Dra­matik und atem­loser Span­nung. Ein 4:2 hin­gegen steht spröde in der Land­schaft, klingt nach schneller Vor­ent­schei­dung und spätem Anschlusstor und kann doch das Resultat eines Nerven auf­rei­benden Pokal­dramas gewesen sein. Die



Wir schreiben den 1. Mai 1982. Die Bäume rund um das Frank­furter Wald­sta­dion stehen noch in der ersten Blüte und es ist noch längst nicht so warm, dass man die Jacke daheim lassen könnte. Und die 61 000 Zuschauer erwarten durchaus nicht, dass sie das Pokal­end­spiel über die Maßen erregen wird. Zu klar ist ver­meint­lich die Aus­gangs­po­si­tion, hier der Spit­zen­klub FC Bayern, dort das Kel­ler­kind Nürn­berg, das noch immer gegen den Abstieg kämpft. Die Zuver­sicht der Münchner kann dabei auch nicht trüben, dass ein paar Tage zuvor die Meis­ter­schaft durch eine 3:4‑Niederlage zu Hause gegen den HSV flöten gegangen ist und dass im End­spiel um den Lan­des­meis­ter­pokal schließ­lich Aston Villa tri­um­phierte. »Einen Pokal holen wir«, sind sich die Anhänger im G‑Block, dort wo sonst die Ein­tracht-Anhänger stehen, sicher.

Hin­ter­maier und Dressel stoßen in die Lücken der Abwehr

Doch das Spiel beginnt nicht so, wie es die Pläne von Coach Pal Csernai vor­sehen. Nicht der FC Bayern macht das Spiel und kom­bi­niert über­legen, son­dern der Underdog aus Nürn­berg lässt die Bälle laufen, der schnelle Werner Dressel und der robuste Rein­hold Hin­ter­maier stoßen immer wieder emp­find­lich in die Lücken. Müde und mutlos wirkt der FC Bayern und dann auch noch das. Bereits in den ersten Minuten des End­spiels haben sich Club-Ver­tei­diger Rein­hardt und Bay­erns Stürmer Dieter Hoeneß erbit­tert beharkt, nun springen beide zum Kopf­ball hoch und stoßen so unglück­lich zusammen, dass sich sofort ein klaf­fender Riss quer über Hoeneß’ lichte Stirn zieht. Die Wunde blutet so stark, dass der erste Kopf­ver­band, den ihm der herbei geeilte Bayern-Doktor Müller-Wohl­fahrt an der Sei­ten­linie not­dürftig um den Kopf schlingt, bereits nach wenigen Minuten rot über das Spiel­feld leuchtet. Hoeneß wird schwarz vor Augen, er kämpft mit dem Gleich­ge­wicht, in der Pause, soviel ist ihm klar, muss er sich aus­wech­seln lassen. Es geht nicht mehr.

Bruder Uli fleht in der Kabine: »Wir brau­chen dich da vorn«

Doch in der Kabine ist vom Auf­geben keine Rede mehr. Besorgt und for­dernd reden der Trainer, die Mit­spieler, der Manager und Bruder Uli Hoeneß auf ihn ein. Nicht aus­wech­seln lassen, beschwören sie ihn »Wir brau­chen dich da vorn im Sturm ganz drin­gend«, sagt Uli und ein Blick auf die Anzei­gen­tafel im Wald­sta­dion verrät, wie recht er hat. Denn es steht 2:0 für den 1. FC Nürn­berg und mehr noch als der Rück­stand muss die Münchner depri­mieren, wie er zustande gekommen ist. Denn in der 31. Minute hat sich Hin­ter­maier unweit der Mit­tel­linie den Ball geschnappt und knall­hart aus etwa 40 Metern auf den Bayern-Kasten geknallt. Eine sichere Beute für Bayern-Keeper Man­fred Müller, möchte man meinen, doch der Ball dreht sich, beschreibt eine tücki­sche Kurve weg von Müller und hinein in den Winkel. Und kurz vor der Halb­zeit ist Werner Dressel plötz­lich durch­ge­bro­chen, hat die Hälfte der Bayern-Spieler aus­ge­tanzt und umkurvt auch noch lässig Tor­hüter Müller. Das 2:0, das ist so etwas wie die Vor­ent­schei­dung, zumal auch noch der Münchner Abwehr­mann Bei­er­lorzer mit schmerz­ver­zerrtem Gesicht vom Platz gehum­pelt ist.

» Seite 2: »Dieter hat das Eiserne Kreuz ver­dient« + Sta­tistik, Stimmen, Videos
Er muss also durch­halten, der Dieter Hoeneß und schließ­lich haben sie ihn über­redet. Müller-Wohl­fahrt näht ihn in der Kabine ohne Betäu­bung und legt dann einen neuen Turban um den kan­tigen Kopf, ein Büschel Haare lugt oben heraus. »Ich habe das gar nicht gespürt, ich wollte ein­fach nur den Pott gewinnen!«, sagt Hoeneß hin­terher. Als er als einer der letzten Bayern-Spieler zurück aufs Feld läuft, begrüßt ihn das Sta­dion mit don­nerndem Aplaus. Der Lohn für Kamp­fesmut und Durch­hal­te­willen. Und doch ahnt er nicht, dass die zweite Halb­zeit des Pokal­end­spiels das Spiel seines Leben werden wird. Nun über­schlagen sich die Ereig­nisse. Nur neun Minuten nach Wie­der­an­pfiff hat sich Dremmler auf der rechten Seite durch­ge­setzt und nach innen geflankt. Hoeneß steigt hoch, der gro­teske Turban ist schon wieder blut­ge­tränkt, und unbe­ein­druckt von der lädierten Stirn köpft er den Ball weiter zum Sturm­kol­legen Karl-Heinz-Rum­me­nigge, der ihn ohne Pro­bleme ins Netz bug­siert. Jubelnd umarmen sich die Mit­spieler, Dremmler, Breitner, alle brüllen sie ihm Auf­mun­terndes zu. Und der Bann ist gebro­chen, Hoeneß hat die Bayern gerettet. In der 68. Minute fällt der Aus­gleich durch Kraus, vier Minuten später behält die Breitner bei einem Elf­meter die Nerven und schickt Rudi Kargus ins rechte Eck, der Ball landet im linken.

Prä­si­dent Hoff­mann: »Dieter hat das Eiserne Kreuz ver­dient«

Das ist natür­lich die Ent­schei­dung, längst stol­pern die Club-Ver­tei­diger nur noch hilflos über den Platz. Doch die Geschichte ist nicht zu Ende erzählt, weil sie eine wun­der­bare Schluss­pointe ent­hält. Wenige Minuten sind noch zu spielen, da fliegt aber­mals ein Ball in den Nürn­berger Straf­raum, eine sichere Beute für Ver­tei­diger Eder, denkt man. Doch dann schraubt sich Dieter Hoeneß hoch, sein weiß-roter Turban leuchtet in lichter Höhe, in leichter Rücken­lage wuchtet er sich hinter den Ball und uner­reichbar für Rudi Kargus saust die Kugel ins Netz. Hoeneß fällt zu Boden, sitzt auf dem Rasen und blickt sich fast ein biss­chen ver­wun­dert um. Ganz so, als könne er nicht fassen, was da eben pas­siert ist, mit ihm und dem Ball. Dann hebt er die Arme und herzt die herbei geeilten Mit­spieler. Die werfen sich nicht auf ihn, son­dern gra­tu­lieren ganz vor­sichtig, als gelte es, einen Bett­läg­rigen auf die ersten Schritte ohne Krü­cken vor­zu­be­reiten.

Im Trikot des Geg­ners prä­sen­tiert er die Kopf­wunde

Doch Dieter Hoeneß spürt keinen Schmerz, nur Freude und Stolz. Beim Mann­schafts­foto mit Pokal und Medaillen hat er seinen Turban bereits abge­legt, im Trikot des unter­le­genen Geg­ners prä­sen­tiert er seine Kopf­wunde. Da hält es auch Prä­si­dent Willi O. Hoff­mann auf der Tri­büne nicht mehr: »Für diesen Ein­satz hat sich der Dieter eigent­lich das Eiserne Kreuz ver­dient.« Doch auch abseits sol­cher Landser-Lyrik lehrt das Pokal­end­spiel vom Tag der Arbeit 1982 zwei­erlei: dass der Fuß­ball bis­weilen über Grenzen hinaus geht und vor allem, dass auch ein scheinbar so klares 4:2 mit­unter von einem dra­ma­ti­schen Spiel künden kann.


Auf­stel­lung

FC Bayern: Man­fred Müller, Hans Weiner, Bertram Bei­er­lorzer (25. Kurt Nie­der­mayer), Klaus Augen­thaler, Udo Hors­mann, Wolf­gang Kraus, Bernd Dürn­berger, Paul Breitner, Wolf­gang Dremmler, Dieter Hoeneß, Karl-Heinz Rum­me­nigge. Trainer: Pal Csernai

1. FC Nürn­berg: Rudolf Kargus, Horst Weye­rich, Thomas Brunner (74. Rein­hard Brendel), Alois Rein­hardt, Nor­bert Eder, Peter Sto­cker, Rein­hold Hin­ter­maier, Nor­bert Schlegel (78. Dieter Lie­ber­wirth), Her­bert Hei­den­reich, Werner Heck, Werner Dreßel. Trainer: Udo Klug


Sta­tistik


0:1 Hin­ter­maier (31.), 0:2 Dreßel (44.), 1:2 K.-H. Rum­me­nigge (54.), 2:2 Kraus (65.), 3:2 Breitner (72., Foul­elf­meter), 4:2 D. Hoeneß (89.) 

Schieds­richter: Gerd Hennig
Zuschauer: 61 000
Sta­dion: Wald­sta­dion Frank­furt
Datum: 1. Mai 1982
Wett­be­werb: DFB-Pokal (Finale)


Stimmen


»Das ist der wich­tigste Sieg in meiner Lauf­bahn!« (Dieter Hoeneß)


Fast live und in Farbe






*Jetzt bestellen: 11FREUNDE SPE­ZIAL: Das waren die Acht­ziger.
Der Preis pro Aus­gabe beträgt 5,90 EUR.
Hier geht es zum Inhalts­ver­zeichnis.

**Online ab Sommer 2009:
www​.spie​leun​se​res​le​bens​.de – das Gedächtnis des Fuß­balls