Vor gut zehn Tagen, das WM-Tur­nier hatte noch nicht begonnen, saß Toni Kroos im deut­schen Camp in Watu­tinki auf der Bühne. Bemer­kens­wert daran war, dass er quasi um diesen Auf­tritt im Rahmen der Pres­se­kon­fe­renz gebeten hatte. Sonst gilt Kroos auch im Kreis der Natio­nal­mann­schaft als leicht ein­zel­gän­ge­risch und nicht son­der­lich mit­teilsam. Inter­view­wün­schen begeg­nete er in der Ver­gan­gen­heit eher mit einem Ach, lass mal“, als dass er sich frei­willig dazu mel­dete. Was ihn genau dazu antrieb, dar­über kann man nur spe­ku­lieren. Aber viel­leicht ahnte er damals schon, was bei dieser WM über­deut­lich geworden ist: Kroos ist der wich­tigste deut­sche Spieler. Spielt Kroos gut, spielt Deutsch­land gut. Leider gilt das auch umge­kehrt.

Wie so vieles, was bei dieser Welt­meis­ter­schaft zu Tage getreten ist, war auch das in dieser Form nicht zu erwarten. Noch vor drei Monaten galt Deutsch­land als Team, das derart mit Welt­klas­se­spie­lern gesegnet ist, dass so was wie Startum keine Rolle mehr spielt. Inzwi­schen hat man jedoch das Gefühl, dass jeder Spieler irgendwie zu ersetzen ist, nur Kroos nicht.

Salah, Sané, Sigurdsson – Kroos?

Man erkennt das auch daran, mit wie viel Verve dar­über debat­tiert wird, wer ihm im Mit­tel­feld am besten assis­tiert. Wie Netzer einst seinen Wimmer hatte, braucht Kroos seinen Rudy, Gün­dogan oder Khe­dira, der sich wahr­schein­lich am meisten wun­dert, auf einmal daran gemessen zu werden, wie gut er als Domes­tike des Stars funk­tio­niert. Wo Khe­dira sich doch selbst als einer sieht.

Im modernen Fuß­ball ist das Domes­ti­ken­wesen im Prinzip abge­schafft, auf­ge­löst in einer arbeits­teilig ver­wo­benen Spiel­idee. Doch bei der Welt­meis­ter­schaft kehrt es wenig über­ra­schend zurück. Es gibt eben Mann­schaften, deren bester Spieler so viel besser ist als der Rest, wie man das im Liga­fuß­ball nicht erlebt. Man denke nur an den Ägypter Mo Salah, seinen Liver­pooler Mann­schafts­ka­me­raden Sadio Mané im sene­ga­le­si­schen Team und Gylfi Sigurdsson bei Island.

Diese drei haben sich brav in den Dienst ihrer Mann­schaft gestellt. Das argen­ti­ni­sche Team hin­gegen ist ein geschei­terter Ver­such, die Hilfs­ar­bei­ter­truppe für Lionel Messi zu geben. Oder auch nicht, denn Trainer Jorge Sam­paoli ließ die Mann­schaft nicht in Messis Wunsch­for­ma­tion spielen. Inzwi­schen bräuchten die beiden viel­leicht auch des­halb einen Paar­the­ra­peuten.