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Dieser Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #232. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Eigent­lich war das Ganze ja nur eine For­ma­lität. Zumal David Mar­tindale, 46-jäh­riger Inte­rims­coach des schot­ti­schen Erst­li­gisten FC Living­ston, alle nötigen Lizenzen vor­weisen konnte. Alles, was fehlte, war der soge­nannte fit-and-proper-person test – eine Art Moral-TÜV, der dem Prüf­ling die cha­rak­ter­liche Eig­nung für das Trai­neramt auf höchster Ebene beschei­nigt. Doch genau damit ließ sich die Scot­tish Foot­ball Asso­cia­tion (SFA) in diesem Fall jede Menge Zeit, viel mehr als sonst. Statt­dessen kam es zu einer Anhö­rung mit boh­renden Fragen und strengen Bli­cken. Denn Mar­tindale hat eine dunkle Ver­gan­gen­heit, die ihn vor 14 Jahren ins Gefängnis brachte.

Die Geschichte von David Mar­tindale ähnelt in einem Punkt der von vielen erfolg­rei­chen Trai­ners der Neu­zeit: Der Junge aus Living­ston hat selbst nie beson­ders spek­ta­kulär gekickt. Doch schon hier enden alle Par­al­lelen zu Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Julian Nagels­mann. Denn wäh­rend jene ziel­strebig an ihrer Coa­ching-Kar­riere arbei­teten, legte Mar­tindale zuerst eine, nun ja, etwas andere Lauf­bahn hin. Mit Verve führte er einen Pub- und Restau­rant­be­trieb – gera­de­wegs in den Ruin. Die Ver­luste ver­suchte Mar­tindale zu kom­pen­sieren, indem er Drogen ver­kaufte und die Erlöse einer gründ­li­chen Geld­wä­sche unterzog.

23 von 27 mög­li­chen Punkten

Im Jahr 2004 platzte dieses Geschäfts­mo­dell, die schot­ti­sche Polizei nahm den damals 30-Jäh­rigen fest. Zwei Jahre darauf wurde er zu einer mehr­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt, 2010 kam David Mar­tindale schließ­lich frei – und gilt seither als Mus­ter­bei­spiel für eine gelun­gene Reso­zia­li­sie­rung. Im Gefängnis hatte er ein Stu­dium in Pro­jekt­ma­nage­ment begonnen, das er danach erfolg­reich abschloss. Par­allel arbei­tete Mar­tindale für den FC Living­ston – zunächst als frei­wil­liger Helfer an Spiel­tagen, dann als ehren­amt­li­cher Betreuer, später als Nach­wuchscoach. Und 2014, als er die nötigen Lizenzen bei­sammen hatte, wurde er sogar Co-Trainer von Living­stons Profis. Es gibt nicht viele Arbeit­geber, die dieses Risiko ein­ge­gangen wären“, sagt Mar­tindale heute.

Im Dezember nun stieg der Ex-Häft­ling die nächste Stufe auf der Kar­rie­re­leiter empor: Mar­tindale beerbte den erfolg­losen Chef­trainer Gary Holt – als Inte­rims­coach, der sich bald als Dau­er­lö­sung emp­fahl. Denn der neue Mann sam­melte von Anfang an Punkte. Bei den Spie­lern mit seiner Kom­pe­tenz, bei den Fans durch schönen Fuß­ball, und in der Tabelle sowieso: In den ersten neun Liga­spielen nach dem Trai­ner­wechsel holte Living­ston 23 von 27 Zäh­lern und schielt plötz­lich sogar auf die Euro­pa­cupp­lätze. Nach einem auf­re­genden 2:2 gegen Noch-Meister Celtic staunte BBC-Experte Michael Ste­wart Bau­klötze: Die Form dieser Truppe ist so über­ra­gend, dass man ent­täuscht sein muss, wenn sie gegen Celtic nicht alle drei Punkte holt.“

Die SFA geriet durch Mar­tindales Sie­geszug zuse­hends in Schwie­rig­keiten. Der Ver­band, gegründet 1873 von einer Riege feiner Gen­tlemen, gilt als eine der kon­ser­va­tivsten Sport­in­sti­tu­tionen welt­weit. Dem­ge­gen­über stand nun ein poten­ti­eller Chef­trainer, der im Guar­dian“ über seine kri­mi­nelle Kar­riere Fol­gendes aus­ge­plau­dert hatte: Meine Moti­va­tion war damals finan­zi­eller Natur, reine Gier. Ich wuchs in einem Sozi­albau auf. Dort träumst du davon, einen BMW zu fahren oder einen Range Rover. Du willst nicht ewig so ein armer Teufel sein, der kaum seine Miete bezahlen kann.“ Kann sich so einer nach­haltig ändern?

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Ja!“, sagten zahl­reiche schot­ti­sche Promis, Poli­tiker, Wis­sen­schaftler, und warben um Ver­ge­bung für David Mar­tindale. Fans aller Ver­eine unter­zeich­neten eine Peti­tion an die SFA. Die Unter­stüt­zung für mich war absolut unglaub­lich und unter­streicht die Kraft dieses Sports“, sagt Mar­tindale, nachdem er jetzt seine dau­er­hafte Zulas­sung als Trainer erhalten hat. Und er glaubt, dass der Ver­band damit eine Bot­schaft an die Gesell­schaft gesendet habe: Die SFA hat sich als auf­ge­schlos­sene und moderne Orga­ni­sa­tion erwiesen, die Inklu­sion für alle wirk­lich begrüßt. Sie hat mir gestattet, meine Kar­riere im Pro­fi­fuß­ball fort­zu­setzen.“

Warum auch nicht, möchte man meinen, schließ­lich gibt es in der schot­ti­schen Pre­mier League meh­rere Bei­spiele für erfolg­reich reso­zia­li­sierte Delin­quenten. Declan Gal­lagher etwa, einen baum­langen Innen­ver­tei­diger des FC Mother­well, der 2013 bei einer Hoch­zeit einem anderen Gast den Schädel brach – mit einem Base­ball­schläger. Nach der Ver­bü­ßung einer drei­jäh­rigen Haft­strafe schaffte Gal­lagher mitt­ler­weile sogar den Sprung zum schot­ti­schen A‑Nationalspieler.

Eine Riege feiner, kon­ser­va­tiver Gen­tlemen

Auch die Scot­tish Foot­ball Asso­cia­tion hat Pro­bleme durch den Auf­stieg dieses ehe­mals Kri­mi­nellen. Die Zulas­sung als dau­er­hafter Chef­coach, so ist zu hören, bekam David Mar­tindale vor allem auf Druck der Öffent­lich­keit. Dabei müsste Schott­lands Ver­band, der als höl­zern und rück­ständig gilt, froh sein über so einen Trainer. Doch die SFA, gegründet im Jahre 1873 von einer Riege feiner Gen­tlemen, ist nun mal einer der kon­ser­va­tivsten Ver­bände der Welt. Dem gegen­über steht ein ver­ur­teilter Dro­gen­dealer und Geld­wä­scher, der dem Guar­dian Fol­gendes über seine kri­mi­nelle Kar­riere erzählte: Meine Moti­va­tion damals war finan­zi­eller Natur, pure Gier. Ich wuchs in einem Sozi­albau auf. Dort träumst du davon, einen BMW zu fahren oder einen Range Rover. Du willst nicht ewig so ein armer Teufel sein, der kaum seine Miete bezahlen kann.“ Kann so einer sich nach­haltig ändern?

Im schot­ti­schen Fuß­ball gibt es genü­gend Bei­spiele für ehe­ma­lige Delin­quenten, die ihre zweite Chance zu nutzen wussten: Declan Gal­lagher etwa, baum­langer und bären­starker Innen­ver­tei­diger des FC Mother­well, zer­brach 2015 bei einer Hoch­zeit einem anderen Gast den Schädel – mit einem Base­ball­knüppel. Nach einer drei­jäh­rigen Haft­strafe ist Gal­lagher heute nicht nur zurück in Mother­well, son­dern längst zum A‑Nationalspieler avan­ciert. Zuletzt stand der Kopf­ball-Spe­zia­list vor einem Mil­lionen-Transfer zu Celtic.

Ich bitte euch, mich danach zu beur­teilen, wie ich heute bin.“

Ist ein bru­taler Schläger besser als ein gie­riger Dro­gen­dealer? Muss ein Fuß­ball­lehrer höhere mora­li­sche Ansprüche erfüllen als ein Spieler? Die Debatte im Fall Mar­tindale drehte sich nicht nur um Schuld, Sühne und das Strafmaß, son­dern auch um die Gewäh­rung einer zweiten Chance. Ich will nichts schön­reden“, sagt der nun­mehr offi­zi­elle Chef­coach des FC Living­ston. Manche Leute werden mir gegen­über immer reser­viert bleiben, und sie haben jedes Recht dazu. Aber ich bitte euch, mich danach zu beur­teilen, wie ich heute bin.“

Schott­lands Fuß­ball müsste eigent­lich froh sein über einen wie Mar­tindale. BBC-Experte Ste­wart jeden­falls sagt dem Mann mit der dunklen Ver­gan­gen­heit eine strah­lende Zukunft voraus: Es so weit zu schaffen, von dort, wo er war! Diese Geschichte ist wirk­lich unglaub­lich.“ Und sie ist nicht zu Ende.

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