Seite 5: Fußball in zwei Versionen

Wolf­gang Holz­häuser war viele Jahre lang Geschäfts­führer von Bayer Lever­kusen und davor Liga­se­kretär beim DFB. Inzwi­schen ist er in Rente, reist gut­ge­launt mit seinem ehe­ma­ligen Klub durch Europa und meldet sich manchmal zu Wort. Neu­lich holte er seinen alten Vor­schlag aus der Mot­ten­kiste, in der Bun­des­liga Play­offs um die Meis­ter­schaft ein­zu­führen. Auf Nach­frage hält er das für eine Not­lö­sung, die immer noch besser ist, als wenn die Bayern schon im Oktober Meister sind.“ Doch eigent­lich treibt Holz­häuser etwas anderes um: Wer ernst­haft die Domi­nanz ein­zelner Klubs durch­bre­chen will, muss im Sport ansetzen.“ Holz­häuser glaubt, dass der euro­päi­sche Fuß­ball nicht daran vorbei kommt, sich am US-Pro­fi­sport zu ori­en­tieren, also ein Draft­system und Gehalts­ober­grenzen ein­zu­führen. Dann hätten die großen Klubs nicht mehr Geld für die Gehälter ihrer Spieler zur Ver­fü­gung. 

Auch sein ehe­ma­liger Wider­part in vielen Dis­kus­sionen, der Mahner Heri­bert Bruch­hagen, fände es inzwi­schen richtig, wenn man dafür sorgte, dass die besten Klubs als letzte auf die besten Spieler zugreifen könnten, wie das im US-Sport üblich ist. In den USA trägt Draf­ting erfolg­reich zu einem aus­ge­gli­chenen Wett­be­werb bei. Ein Blick in die Sie­ger­listen von Base­ball, Foot­ball oder NBA belegt das und macht zugleich klar, dass Chan­cen­gleich­heit wirt­schaft­li­chen Erfolg nicht ver­hin­dert. Die Dallas Cow­boys, laut Forbes mit vier Mil­li­arden Dollar der wert­vollste Sport­klub der Welt, haben in den 56 Jahren ihres Bestehens den Super Bowl nur fünf Mal gewonnen.

Draft­system ist nicht umsetzbar 

Doch unend­lich kom­pli­ziert wäre ein Draft­system im Fuß­ball, weil es nicht nur um eine Liga in einem Land ginge, son­dern um ein System, das viele Länder und Ligen erfassen müsste. Muss das argen­ti­ni­sche Super­ta­lent dann zum ita­lie­ni­schen Abstiegs­kan­di­daten? Würde der tolle deut­sche Nach­wuchs­spieler, der von Ingol­stadt gedraftet wird, aber nach Mün­chen oder Dort­mund will, nicht vor jedem Arbeits­ge­richt gewinnen? 

Holz­häuser möchte die Pläne trotzdem gerne mal genauer durch­spielen lassen und Rechts­gut­achten beauf­tragen. Außerdem sagt er voraus: Die Cham­pions League wird irgend­wann der rich­tige Wett­be­werb sein.“ Die Bun­des­liga würde dazu eine Art Vor­qua­li­fi­ka­tion.“ Aber ist das nicht schon längst so? Sind für die Bayern die natio­nalen Kicks nicht oft nur noch ein Warm-up für die großen Spiele in der Cham­pions League? Kein Wunder, dass es aktu­elle Über­le­gungen gibt, die Spiele der Cham­pions League am Wochen­ende aus­zu­tragen. Wenn die Zuschauer Zeit haben, sollen sie Bayern gegen Real Madrid gucken dürfen und nicht Bayern gegen Frank­furt schauen müssen.

Das wäre eine wei­tere Nähe­rung an eine Euro­pa­liga, die als Droh­ku­lisse seit 25 Jahren eine gespens­ti­sche Schat­ten­exis­tenz führt. Schon die Grün­dung der Cham­pions League war eine Reak­tion der Uefa auf die Behaup­tung großer Klubs, sonst eine Euro­pa­liga zu gründen. Seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert wird sie immer dann wieder her­vor­ge­holt, wenn es um die Ver­tei­lung von Gel­dern geht. Seit auch die Fifa davon träumt, größer ins Geschäft mit dem Ver­eins­fuß­ball ein­zu­steigen, gibt es sogar die Option einer glo­balen Cham­pions League oder gar Welt­liga. Bayern gegen Boca Juniors, oder Dort­mund gegen Kaizer Chiefs klingt schließ­lich auch nicht schlecht.

Fuß­ball in zwei Ver­sionen

Der gewal­tige Druck, der durch die Cham­pions League auf den natio­nalen Ligen lastet, und der durch inter­na­tio­nale Fern­seh­gelder völlig ver­zerrte Wett­be­werb führten aber zu einer inter­es­santen Wen­dung der Dis­kus­sion. Um sich von dem Mehltau zu befreien, der über dem Fuß­ball liegt, denken einige Manager das Unvor­stell­bare: Dass es näm­lich keine Kata­strophe, son­dern viel­leicht sogar eine Erlö­sung wäre, wenn sich die großen Klubs – ob der FC Bayern oder viel­leicht auch Dort­mund und Lever­kusen – aus der Bun­des­liga in irgend­welche Europa- oder Welt­ligen ver­ab­schieden würden. Klar, für die Zurück­blei­benden würde es ohne die Zug­pferde vom Fern­sehen deut­lich weniger Geld geben. Aber man könnte es so gerecht ver­teilen, dass der Sport wieder im Vor­der­grund stünde und nicht mehr das Geld. 

Es wäre natür­lich der kom­plette Umsturz und maxi­male Bruch, wenn sich der Fuß­ball in zwei Ver­sionen seiner selbst teilen würde. Eine glit­zernde, voller Stars, für ein glo­bales Publikum. Und eine zweite, nah­bare, für ein lokales oder regio­nales Publikum. Doch solche Gedan­ken­spiele zeigen nur, wie groß die Ver­zweif­lung längst ist. Der Fuß­ball steht auf jeden Fall vor einen Zei­ten­wende, offen ist nur, wie radikal sie auf welche Weise aus­fallen wird.