Seite 4: Die Champions League zerstört sich selbst

Mit diesen Inves­ti­tionen hat sich im Fuß­ball nach und nach eine völlig andere Logik breit­ge­macht. Es besteht kein Inter­esse mehr an einem offenen Wett­be­werb. Schließ­lich wären diese Inves­ti­tionen in Gefahr, wenn Bayern, Dort­mund oder Wolfs­burg für län­gere Zeit die inter­na­tio­nale Bühne ver­lassen müssten. Auch des­halb ist die Ver­tei­lung der Fern­seh­gelder inzwi­schen so gere­gelt, dass die großen Klubs keine nach­hal­tigen Pro­bleme bekommen, wenn sport­lich mal alles aus dem Ruder läuft wie bei Borussia Dort­mund im letzten Jahr von Jürgen Klopp. 

Kein Wunder also, dass Bayern-Boss Karl-Heinz Rum­me­nigge im DFB-Pokal Setz­listen ein­führen wollte. Schalkes Finanz­chef Peter Peters hätte im glei­chen Wett­be­werb das Halb­fi­nale gerne in Hin- und Rück­spielen aus­tragen lassen. Wäre ja noch schöner, an einem schlechten Tag gegen irgend­eine Gur­ken­mann­schaft raus­zu­fliegen. Deut­lichster Aus­druck dieser Ver­si­che­rungs­men­ta­lität ist aber die neu­este Reform der Cham­pions League, die ab 2018 gelten wird: Sech­zehn Teams aus den großen vier Ligen sind nun sicher dabei, die unkal­ku­lier­baren Play­offs sind gestri­chen. 

Die Cham­pions League zer­stört sich selbst

So wird die Cham­pions League ihr Zer­stö­rungs­werk in noch grö­ßerem Tempo fort­setzen. Dabei for­derte selbst das wirt­schafts­li­be­rale eng­li­sche Magazin The Eco­no­mist“ in diesem Früh­jahr kopf­schüt­telnd: Die Cham­pions League sollte die Prä­mien auf­grund dessen ver­teilen, wie weit eine Mann­schaft kommt – und nicht woher sie kommt.“ Es gibt näm­lich einen soge­nannten Markt­pool, aus dem die Klubs je nach Her­kunft unter­schied­lich prä­miert werden. Als der FC Basel in der vor­letzten Saison das Ach­tel­fi­nale erreichte, bekam er dafür 20 Mil­lionen Euro. Auch Paris Saint-Ger­main kam bis ins Ach­tel­fi­nale, erhielt aber 52 Mil­lionen Euro. Die schnöde Logik hinter der unglei­chen Ver­tei­lung von TV-Gel­dern in der Cham­pions League: Die Sender aus Frank­reich bezahlen halt viel mehr Geld als die aus der Schweiz. 

Was bedeutet: Ein stolzer Klub wie Ajax Ams­terdam aus dem kleinen Hol­land wird unter diesen Bedin­gungen genauso wenig jemals wieder die Cham­pions League gewinnen wie der FC Porto aus Por­tugal – von Roter Stern Bel­grad aus Ser­bien und Steaua Buka­rest aus Rumä­nien ganz zu schweigen. Kein Wunder, dass sie oft genug nur noch Kano­nen­futter in der Vor­runde sind. Außerdem werden die jewei­ligen natio­nalen Ligen ihre besten Spieler noch früher ver­lieren, und das Inter­esse am natio­nalen Fuß­ball wird in diesen Län­dern noch stärker abnehmen. 

Natür­lich lässt sich alles immer irgendwie begründen, auch die Tat­sache, dass die Bayern in Deutsch­land das meiste Fern­seh­geld erhalten. Schließ­lich stehen sie selbst in einem harten Wett­be­werb, nur eben nicht mehr mit den frü­heren Kon­kur­renten aus Ham­burg, Frank­furt und Köln, son­dern mit Man­chester City oder Real Madrid. In ihren Duellen mit den euro­päi­schen Giganten treffen die Bayern auf Gegner, die ihrer­seits oft drei­stel­lige Mil­lio­nen­be­träge mehr in ihre Teams inves­tieren können. Man­chester City etwa gab im Vor­jahr 310 Mil­lionen Euro fürs Per­sonal aus, knapp 50 Pro­zent mehr als die Münchner. 

Alles wie bisher 

Und trotzdem ist im Laufe der letzten 25 Jahre im Fuß­ball ein kom­plett dys­funk­tio­nales System ent­standen, in dem der Wett­be­werb an vielen Stellen völlig zer­stört ist. Und nun? 

Kul­tur­pes­si­mis­tisch for­mu­liert, geht erst einmal alles so weiter wie bisher. Weil viele Leute inzwi­schen nicht nur ins Sta­dion kommen, weil sie nicht wissen, wie es aus­geht. Sie kommen auch, um große Stars zu sehen und weil Fuß­ball selbst bei vor­her­sag­barem Aus­gang ein schönes Spek­takel sein kann. Auch die Unter­wett­be­werbe in der Bun­des­liga haben noch einen nach­voll­zieh­baren Reiz. Ob Bremen es schafft, drin zu bleiben – und viel­leicht sogar wieder Darm­stadt? Oder ob einer in die inter­na­tio­nalen Ränge rutscht, der dafür eigent­lich nicht vor­ge­sehen ist.

Doch dieser Reiz ist wie ein Metha­don­pro­gramm. Ins­ge­samt ist der Fuß­ball erschöpft und mit einem Mehltau über­zogen, der alles erschlaffen lässt. Der Fuß­ball, wie wir ihn kennen, es geht gerade zu Ende mit ihm. Eine Bun­des­liga ohne Meis­ter­schafts­kampf und ohne zumin­dest den Anflug von Chan­cen­gleich­heit ist keine Liga, die das Inter­esse lohnt. 

Vom Sponsor zum Besitzer

Also noch einmal: Was wird pas­sieren? Liga­chef und BVB-Prä­si­dent Rein­hard Rau­ball hat kürz­lich ent­schlossen ver­kündet: Ich bin ein klarer Befür­worter der 50+1‑Regel.“ Das hat er schon häu­figer gesagt, aber Rau­ball könnte mit dieser Hal­tung bald relativ einsam dastehen. Denn in der Fuß­ball­szene wird inzwi­schen ziem­lich ergeb­nis­offen dar­über dis­ku­tiert, ob offene Arme für Inves­toren die Liga nicht wieder span­nender machen würden. Dass Unter­nehmen die Mehr­heit an Klubs erwerben dürfen, klingt sogar für viele Fans inzwi­schen ver­lo­ckender als jemals zuvor. Inves­toren, so die Theorie, könnten die gegen­wär­tigen wirt­schaft­li­chen Unter­schiede ein­ebnen. Inter­es­senten aus den USA und dem Mitt­leren Osten, vor allem aber aus China, klopfen schon seit Monaten bei deut­schen Klubs an und son­dieren die Mög­lich­keiten. 

Theo­re­tisch durch­ge­spielt würde das bedeuten, dass der Ham­burger SV sich nicht mit einem lau­ni­schen Mil­li­ardär und dessen selt­samer Bera­ter­schar her­um­streiten müsste, son­dern ein chi­ne­si­scher Staats­kon­zern in den Klub drei­stel­lige Mil­lio­nen­be­träge inves­tieren würde? Den 1. FC Köln würden kata­ri­sche Mil­lionen nach vorne bringen, Ein­tracht Frank­furt würde sich über ent­schlos­sene Inves­toren aus den USA freuen, wäh­rend bei Schalke 04 Gaz­prom vom Sponsor zum Besitzer würde. Moral und Fuß­ball­kultur einmal bei­sei­te­ge­lassen, würden solche Über­nahmen zwei­fellos zumin­dest die Vor­teile der Kon­zern­klubs aus Lever­kusen und Wolfs­burg, Hof­fen­heim und Leipzig ega­li­sieren, die schon heute von Inves­toren pro­fi­tieren. Was jedoch oft ver­gessen wird: Ein Inves­to­ren­ein­stieg ist immer ein Son­der­ef­fekt, den Klub kann man nur einmal ver­kaufen. Und selbst wenn rei­hen­weise Klubs an Inves­toren ver­hö­kert würden, würden immer nur vier von ihnen die tollen Ein­nahmen in der Cham­pions League kas­sieren. Nach­haltig würde sich nichts ändern. 

Und würde es sich für Inves­toren über­haupt rechnen, bei Bun­des­li­gisten ein­zu­steigen? Das Bei­spiel Eng­land zeigt, dass ein Fuß­ball­klub durchaus ein Geschäft sein kann. In der vor­letzten Saison machten 14 von 20 Klubs der Pre­mier League Gewinn, sogar Man­chester City trotz seiner exor­bi­tanten Aus­gaben. Der FC Liver­pool kam sogar auf ein Plus von fast 70 Mil­lionen Euro. Zu diesen Gewinnen haben neben enormen Fern­seh­gel­dern auch die exor­bi­tanten Ein­tritts­preise in eng­li­schen Sta­dien bei­getragen. Um doch mal mora­lisch zu werden: In Deutsch­land wären Ver­eine in Pri­vat­be­sitz ein epo­chaler Bruch mit allem, wie Fuß­ball­klubs bei uns ver­standen werden. Selbst wenn Inves­toren in der Bun­des­liga den sport­li­chen Wett­kampf doch in Gang setzen würden, wäre die end­gül­tige Ent­frem­dung zwi­schen Klubs und Publikum wohl die logi­sche Kon­se­quenz.