Seite 3: Die Schere bricht auseinander

Wunder gibt es zwar immer wieder, aber wie ist es dazu gekommen, dass Fleiß und gute Arbeit nicht mehr rei­chen, um mit­halten zu können? Finan­zi­elle Unter­schiede zwi­schen den Klubs in der Bun­des­liga gab es immer, doch bis 1992 hatten sie nur mit über­schau­baren Fakten zu tun: der Größe des Sta­dions, der Zahl der Fans und der Zah­lungs­wil­lig­keit der Spon­soren. Der FC Bayern pro­fi­tierte Anfang der sieb­ziger Jahre vom Bau des Olym­pia­sta­dion genau wie Schalke oder Dort­mund, die etwas später in neue WM-Stätten umzogen. Ansonsten ging es bei­nahe sozia­lis­tisch zu. Alle Ein­nahmen vom Fern­sehen, auch die der Über­tra­gungen von Euro­pa­po­kal­spielen, lan­deten in einem Topf und wurden durch 18 geteilt. Ob Bayern oder Schalke, die Stutt­garter Kickers oder Wat­ten­scheid 09, alle bekamen den glei­chen Anteil.

1992 beschloss der DFB erst­mals, die Ver­tei­lung der Fern­seh­gelder an den sport­li­chen Erfolg zu kop­peln. Heri­bert Bruch­hagen, damals Manager bei Schalke 04, bat nach der Ent­schei­dung ins Pro­to­koll auf­zu­nehmen, dass so der Wett­be­werb in der Bun­des­liga beschä­digt würde. Selten ist eine Vor­her­sage im Fuß­ball rich­tiger gewesen. 1992 wurde näm­lich ein Mecha­nismus in Gang gesetzt, der die Unter­schiede Jahr für Jahr ver­grö­ßerte. Als Sat.1 etwas später Live­spiele zu zeigen begann, gab es dafür eine Mil­lion D‑Mark extra für die betei­ligten Teams, zu denen natür­lich öfter als andere der FC Bayern gehörte. Ab Mitte der Neun­ziger durften die Teil­nehmer der inter­na­tio­nalen Wett­be­werbe, vor allem die der eben­falls 1992 gegrün­deten Cham­pions League, die Fern­seh­ein­nahmen im Euro­pa­pokal weit­ge­hend für sich behalten. Borussia Dort­mund war damals genau in dem Moment sport­lich erfolg­reich, als sich das finan­ziell zu lohnen begann. Rei­hen­weise konnte der BVB so Italien­legionäre wie Sammer, Kohler oder Reuter zurück­kaufen und mit ihnen 1997 die Cham­pions League gewinnen.

Die Schere bricht aus­ein­ander

1995 setzte das Bosman-Urteil auch noch das Trans­fer­system außer Kraft, das den kleinen Klubs geholfen hatte, und immer häu­figer war von der Schere“ die Rede, die zwi­schen den Kleinen und Großen auf­ging. Heute ist das längst keine Schere mehr, die Teile sind längst aus­ein­ander geflogen“, sagt Andreas Rettig, Manager des FC St. Pauli und zuvor Sport­ge­schäfts­führer bei der DFL. Man kann auch analog zum ein­gangs zitierten Glad­well sagen, dass das Virus einer unglei­chen Ver­tei­lung von Res­sourcen inzwi­schen epi­de­misch ist. 

Dazu muss man wissen: Die Fern­seh­ein­nahmen der Klubs, abge­sehen vom DFB-Pokal, kommen aus drei Töpfen. Die natio­nalen Fern­seh­rechte aus den Gel­dern der öffent­lich-recht­li­chen Sender und von Sky werden schon seit vielen Jahren nach dem glei­chen Schlüssel ver­teilt: Der Meister der Bun­des­liga bekommt unge­fähr dop­pelt so viel wie der Letzte, der Rest staf­felt sich dazwi­schen in gleich­mä­ßigen Abständen. Der zweite Topf aus der inter­na­tio­nalen Ver­mark­tung der Bun­des­li­ga­rechte in aller Welt war lange Zeit nicht son­der­lich üppig gefüllt und fast zu ver­nach­läs­sigen. Doch in den letzten Jahren sind die Summen beträcht­lich gestiegen und werden danach ver­teilt, wer inter­na­tional erfolg­reich war

Bayern bekommt das Zwölf­fache

Die Deut­sche Fuß­ball-Liga publi­ziert nicht, wel­chem Klub welche Beträge über­wiesen werden. Uns sind die Zahlen aus der Liga zuge­spielt worden, und sie zeigen, dass Klubs wie etwa der 1. FC Köln oder Ein­tracht Frank­furt in der ver­gan­genen Saison jeweils 2,5 Mil­lionen Euro aus der Aus­lands­ver­mark­tung erhalten haben – so viel wie nie zuvor. Der FC Bayern Mün­chen hat im glei­chen Zeit­raum seinen Anteil jedoch auf 30,5 Mil­lionen Euro gestei­gert, der Bran­chen­primus bekommt also nicht nur das Dop­pelte, son­dern das mehr als Zwölf­fache des Liga-Fuß­volks. 

Dritter und letzt­lich ent­schei­dender Faktor sind die TV-Gelder aus der Cham­pions League und Europa League, die von der UEFA öffent­lich gemacht werden. Sie sind es, die die Top Vier der Liga zemen­tiert haben. Hier hat der FC Bayern in den letzten fünf Jahren mehr als eine Vier­tel­mil­li­arde Euro erhalten, Dort­mund mehr als 150 Mil­lionen, was die Abstände zu den Klubs, die nicht in der Cham­pions League spielen end­gültig gigan­tisch macht. 

Eine halbe Mil­li­arde für den VfL
 
Als wären diese Unter­schiede nicht schon groß genug, spielen auch Inves­toren im Land der 50+1‑Regel eine immer noch unter­schätzte Rolle. Nach Recher­chen der TU Mün­chen hat der Volks­wagen-Kon­zern zwi­schen 2004 und 2014 fast eine halbe Mil­li­arde Euro in den VfL Wolfs­burg inves­tiert. Damit musste übri­gens kein Sta­dion gebaut werden, die ört­liche Arena öff­nete bereits 2002. Die TSG Hof­fen­heim hätte sich ohne die Vier­tel­mil­li­arde Euro an Inves­ti­tionen von Dietmar Hopp kaum in der Bun­des­liga eta­blieren können.

Die Zahlen bei RB Leipzig, von den Münchner Finanz­wis­sen­schaft­lern nicht ermit­telt, dürften kaum dar­unter liegen. Ansonsten steigen Inves­toren bis­lang vor allem bei den Spit­zen­klubs ein, also dort, wo schon die größte Wirt­schafts­kraft vor­handen ist. Der FC Bayern sam­melte 363 Mil­lionen Euro beim Ver­kauf von Anteilen an Adidas, Allianz oder Audi ein, Borussia Dort­mund 163 Mil­lionen Euro von Evonik, Signal Iduna und Puma.